27.9.2015

Bericht #1

¡Hola! MRN, Ich bin jetzt schon seit ungefähr 2 Monaten in Bolivien. Spätestens jetzt wird es Zeit für meinen ersten Bericht.

Am 30. Juni ging es von Frankfurt über Miami (USA) nach La Paz. Die Woche vor dem Abflug war irgendwie komisch. Das Verabschieden für ein Jahr war so unwirklich für mich. Die Dimension des Ganzen begriff ich erst im Flugzeug, trotzdem bereue ich nichts und bin dankbar für jeden der mir dieses Jahr erst möglich gemacht hat.

Nach einigen Schwierigkeiten am Frankfurter Flughafen lief dann doch alles glatt und wir kamen heil aber müde, nach 8-stündiger Wartezeit in Miami, um 6 Uhr morgens in El Alto, La Paz an. Empfangen wurden wir von zwei sehr netten AFS-Mitarbeitern.

Dort war es wegen der Höhe trotz Jacke unangenehm kühl. Von El Alto aus ging es dann mit einem „Trufi“ (Minibus) runter ins morgendliche La Paz, vorbei an grandiosen Aussichten auf die sich in ein Tal schmiegende Stadt, überragt von großen Bergen. La Paz ist Regierungssitz und neben Santa Cruz ein wichtiges Wirtschafts- und Verwaltungszentrum Boliviens. Die eigentliche Hauptstadt des Landes, das „weiße“ Sucre, liegt ungefähr 600 km weiter im Süden des Landes.

In den zwei Tagen Arrival Camp schlenderten wir ein bisschen durch die Stadt und durch die Läden, wo wir erste Eindrücke vom eher traditionellen La Paz sammelten. Wir sahen zum Beispiel die Cholitas, das sind indigene Frauen, bekleidet mit einem Rock, einem Hut und einem Oberteil, die Rocklänge und die Hüte variieren von Stadt zu Stadt. Ausserdem gibt es an jeder Straßenecke einen kleinen Stand mit Süssigkeiten und vielem mehr.

Bei mir machte sich die Höhe insofern bemerkbar, dass ich ab und zu Herzklopfen oder Kopfweh bekam, auch machte uns allen der Jetlag zu schaffen, wobei ich noch relativ glimpflich davonkam, andere hatten noch mehr Probleme mit der Höhe. Abends gab es dann typisches Essen und eine kleine Einführung in Bolivien und seine kulturellen Eigenheiten.

Am Sonntag ging es dann mit dem Flugzeug nach Cochabamba, das Herz und die drittgrösste Stadt Boliviens. Ich war glücklich endlich irgendwie richtig anzukommen, weil nach drei ziemlich aufregenden Tagen hatte ich das Bedürfnis nach Ruhe.

Wir waren natürlich aufgeregt, denn nach einem kurzen Flug über weisse Gipfel wurden wir in der Vorhalle des Flughafens von einer kreischenden Menge empfangen, die sich aber noch gedulden musste, da unsere Koffer erst nach einer gefühlten Ewigkeit anrollten.

Meine Familie, bestehend aus Eltern und zwei Söhnen, wartete etwas weiter hinten mit ein paar Cousins auf mich. Auf der Fahrt in mein neues Zuhause konnte ich mich zum Glück auf Französisch (mein ältester Bruder verbrachte sein Auslandsjahr in Belgien) und Englisch verständigen. Erste Eindrücke von Cochabamba waren die großen Straßen, neben denen an einem fast ausgetrockneten und verschmutzten Fluss Kühe grasten.

Die erste Woche wurde ich behutsam in das alltägliche Leben Cochabambas eingeführt. Ich fuhr viel mit meinen Brüdern durch die mir noch fremde Stadt und besuchte Märkte mit vielen verschiedenen Früchten und gefälschten Filmen. Außerdem sahen wir zwei verschiedene Paraden: Auf der einen tanzte auch mein Gastbruder, weswegen ich mich auch für Volkstanz einschrieb.

Die Straßen in Cochabamba können echt gefährlich für Fußgänger oder Radfahrer sein, da nur die allerwenigsten der vielen Autofahrer eine ausreichende Fahrerausbildung genossen haben.

Am 6. August war dann Nationalfeiertag in Bolivien, dazu traf sich ein Großteil der Familie bei dem Großvater und wir aßen gut und viel. Wie bei vielen dieser  Essen wurde ich allen vorgestellt und ausgefragt. Mein Gastvater zum Beispiel möchte gerne Militärbegriffe aus dem Deutschen wie „Stillgestanden“ oder „Achtung“ beigebracht bekommen, die er irgendwann mal in einer Doku gehört hat. Ungewohnt war, dass man sich hier erst nach dem Essen einen guten Appetit wünscht.

Am Sonntag danach fuhren meine Gastmutter und ich noch zu meiner zukünftigen Schule, dem „Colegio Eduardo Laredo“. Dort bekam ich erstmals zu spüren, wie wichtig Kontakte in Bolivien sein können. Wir wurden nämlich erstmal abgewiesen, weil die Schule nach Ansicht des Direktors eigentlich schon voll besetzt sei. Daraufhin rief meine Mutter einen guten Freund der Familie an, der anscheinend die entsprechenden Kontakte besaß. Denn als wir danach zur Schule zurückkehrten wurde ich komischerweise doch aufgenommen –, mit dem Vorbehalt, dass ich jetzt genauso ein Schüler wie alle anderen sei, sprich alle Tests mitschreiben solle. Das Ganze war meiner Gastmutter ziemlich peinlich.

Meine Schule ist etwas besonderes in Cochabamba, denn um  Schüler zu werden, muss man zwischen einer der vielen Möglichkeiten in Tanz, Chor, Musik oder Theater wählen, was auch einer der Gründe war, mich auf genau diese Schule zu schicken, da ich auch mein Saxofon mitgenommen hatte. Ich schrieb mich deshalb auch für dieses Instrument und auch Volkstänze ein, wobei Tanz ein völlig neues Gebiet für mich ist.

Am Montag war dann mein erster Schultag in der neuen Schule, und ihr glaubt nicht, wie froh ich war, endlich in die Schule zu gehen. Etwas zu spät kam ich dann an meinem Klassensaal an. Von meiner Klasse wurde ich gleich überschwänglich begrüsst und da ich in der ersten Zeit wenig von dem verstand, was der Lehrer von sich gab, konzentrierte ich mich voll und ganz auf das große Interesse das mir entgegengebracht wurde.

Der Unterschied zwischen meiner deutschen und der bolivianischen Schule ist, dass eigentlich jeder jeden kennt, und ich wurde dementsprechend der halben Schule vorgestellt. In den ersten Wochen kam ich mir manchmal verfolgt vor, manchmal wurden sogar hinter Ecken „heimlich“ Fotos von mir gemacht.

In den Schulfächern haben die naturwissenschaftlichen häufig ein höheres Niveau als die z.B. einzige Fremdsprache Englisch, was aber auch von der Schule abhängt. Die Schule selbst ist in Bolivien auch eigentlich der Ort wo man seine Freunde trifft. Unter der Woche bin ich relativ selten zuhause, da ich dank meiner gewählten Fächer viel Nachmittagsunterricht habe, was aber für mich kein Problem darstellt, da wie gesagt alle meine Freunde auch solange in der Schule sind.

Viel Körperkontakt ist in Bolivien ganz normal und für einen Deutschen kann es ungewohnt werden, wenn man Frauen und Mädchen einen Kuss auf die rechte Backe drückt, obwohl man sie bis eben noch nicht kannte. Auch das Verhältnis zu den Lehrern ist ganz anders. In Deutschland nett bis sehr formal, in Bolivien häufig kumpelhaft; die Lehrer werden mit Vornamen oder Spitznamen gerufen. Und zum Beispiel wurde meine Lehrerin an ihrem Geburtstag auch von den Schülern umarmt und auf die Wange geküsst, was mir aber dann doch zuviel Nähe war.

In der Schule habe ich erst richtig Spanisch sprechen gelernt, sodass ich jetzt viel verstehen und reden kann, auch wenn der fünfmonatige Spanischkurs in Deutschland nicht ganz unwichtige Beiträge zur Grammatik bei mir geleistet hat.

Ein besonders einprägsames Erlebnis war am 16. August ein Sonntag, an dem wir um 4 Uhr morgens zum 15 km entfernten Quillacollo und der dort befindlichen „Virgen de Urkupiña“ wanderten beziehungsweise pilgerten. Dort waren alle Katholiken aus Cochabamba versammelt, um die Marienstatue zu sehen und um danach an einer Messe teilzunehmen.

Auch toll war der Ausflug mit Freunden zu dem „Christo de la Concordia“, eine Christusstatue über Cochabamba, einige Zentimeter größer als das Vorbild in Rio de Janeiro. Man konnte dabei über ganz Cochabamba sehen.

Das war es erstmal von mir; mein nächster Bericht kommt so schnell wie möglich – um euch nichts vorzuenthalten. Nächstes Mal werde ich auch noch ausführlicher über das Essen berichten, was hier eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt…

Viele Grüsse aus Cochabamba, Jonathan