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30.10.2015

Bericht #2

Bericht #2

¡Hola ! MRN, Wie bei meinem letzten Report gibt es wieder viel zu berichten, von meinen letzten Unternehmungen und auch von Erlebnissen in Schule und Alltag.

Ich fange mal an mit meinem Ausflug nach La Paz, der schon etwas länger her ist. Ich wusste schon vor meiner Ankunft in Bolivien, dass einer meiner Gastbrüder einen Monat nach meiner Ankunft auch seinen Flug und Start ins Auslandsjahr nach Italien nehmen würde und deswegen ging es dann für 2 Tage nach La Paz. Unsere Autofahrt startete morgens um 5:30 Uhr. Schlafen konnte ich, bis es dann an den ziemlich langen und kurvigen Aufstieg aufs Altiplano ging, da ich zwischen meinen beiden Brüdern sass und mein Kopf immer hin und her kippte.

Trotzdem war die Reise im Auto ein Erlebnis. Überall waren Arbeiter, meist Chinesen, die an der neuen vierspurigen Autobahn von Cochabamba nach La Paz arbeiteten. Neben kleinen, meist ärmlich wirkenden Dörfern, sah ich hier auch meine ersten Lamas in freier Wildbahn. Nach dem langen Aufstieg öffnete sich uns eine weite Ebene mit kleinen Erhebungen. Ab einem Dorf zweigte die Autobahn nach Oruro und La Paz ab und dort ging es dann auf der schon fertiggestellten Autobahn schnell nach El Alto weiter. Froh waren wir, nach dem Durchfahren der nicht besonders schönen, und ziemlich verrückten Planstadt, vorbei an einer grandiosen Sicht, nach La Paz zu fahren.

Mein Gastvater führte uns nach dem kurzen Einchecken im Hotel zu einer grossen Mall im Süden der Stadt (er stammt aus La Paz). Dort gab es erstmal Mittagessen: „Pollo Copacabana“, lecker gewürztes und frittiertes Hühnchen. Nach dem Essen ging es dann mit einer der neuen Gondel-Linien über La Paz. Uns bot sich eine beeindruckende Sicht: auf Armenviertel wie auch auf Villen reicher paceños. Nach einem kurzen Schlaf ging es am Morgen zum Flughafen in El Alto um meinen Gastbruder abzuliefern. Der Abschied verlief ruhig, aber nicht ganz ohne Tränen meiner Gastmutter. Nach kurzem Warten auf die Tante, die auch noch was in La Paz zu erledigen hatte, ging es dann in ein Markthaus im Zentrum. An einem kleinen Stand wurde uns ein Sandwich zubereitet.

Mein Gastvater und ich kauften danach auch noch „Iautscha“, das ist eine mit geschmolzenem Käse prall gefüllte Empanada, die oben rot ist. Meine Gastmutter meinte, das wäre die „bolivianische Calzone“. Nach einem Stop in einem Café fanden wir unser Auto mit einer am Reifen befestigten Klemme vor, da wir falsch geparkt hatten. Zum Glück sahen wir auch gleich den nächsten Polizist, dem wir die Strafe bezahlten und losfahren konnten. Die Rückfahrt ging vorbei an spektakulären Landschaften und nicht ganz ungefährlichen Abfahrten nach Cochabamba.

Schon bald danach folgte das nächste große Ereignis: Der autofreie Tag oder „Dia de Peatton“ in Cochabamba. An dem Tag ist die ganze Stadt auf den Beinen. Ich machte mit ein paar Freunden die Straßen unsicher (mit dem Fahrrad meines Großvaters). Doch bevor wir losfuhren, gab es noch Salteña, eine meist mit Fleisch, Kartoffeln und Sosse gefüllte Empanada. Mir wurde schon vorher von Familie und Freunden vorgeschwärmt, wie lecker sie sei. Vielleicht auch deshalb wurden meine Erwartungen ein bisschen enttäuscht. Die Luft in Cochabamba war merklich besser, und überall waren kleine Fahrradrennen organisiert oder auch Matratzen auf der Strasse, für einen Parcour zum Beispiel. Cool war es auf jeden Fall, die sonst eher gefährlichen Strassen ganz frei zu durchfahren.

Zwei Sonntage danach waren dann wieder einmal alle Strassen leergefegt, nicht wegen autofreien Tag, sondern weil Wahlen für ein autonomes Departement Cochabamba anstanden. Die Stadt schien wie tot, und so wie ich das mitbekam, durften nicht mal die Kirchen Gottendienst feiern. Als ob das nicht schon komisch genug erscheint, jeder wahlberechtigte Bolivianer muss wählen, sonst kriegt er eine Rechnung oder weniger Sozialleistungen vom Staat. Doch trotz Werbung von der Regierung wählten die cochabambinos dagegen.

Zu einigen tollen Erlebnissen in der Zeit zählt auch der Ausflug mit AFS ins Valle Alto, nach Tarata, ein Nachbartal Cochabambas. Viele Austauschschüler hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, da mich mein Komitee für einen Monat „vergessen“ hatte. Mit dem Bus ging es dann nach Tarata aufs Land in eine Töpferwerkstatt, wo ein kleiner Junge scheinbar spielend eine Schüssel formte. Doch nach einigen kläglichen Versuchen einiger Austauschschüler danach konnte man erkennen, dass man dafür doch ein bisschen Übung braucht. Nach einem kurzen Ausflug an einen kleinen Stausee, grillten wir dann in einem Haus auf dem Land und liessen das Ganze ausklingen.

Was ich da noch nicht wusste ist, dass ich gerade mal zwei Wochen danach wieder nach Tarata gehen würde, und zwar mit dem Sinfonieorchester für ein Probewochenende. Wir wohnten in zwei Häusern (eins für die Jungs, eins für die Mädchen) etwas entfernt von Tarata. Inbegriffen war das Essen, ein dickes Pony und ein algengrüner Pool, der dann aber gereinigt wurde. Samstag und Sonntag wurde vormittags geprobt und dann hatten wir Freizeit, mit Wasserschlacht am Pool. Nachts sind wir auf einen Hügel in der Nähe gelaufen und haben uns einen Spass daraus gemacht, die Mädchen zu erschrecken. Beide Male hatte ich viel Spass und wir kamen glücklich (wenn auch mit Sonnenbrand) in Cochabamba an.

Nach diesen tollen Erfahrungen gab es natürlich auch weniger erfreuliche mit der bolivianischen Bürokratie. Nach zwei Monaten lief mein Visum langsam aus und ich musste mich ranhalten. Nach einmal früh aufstehen, Problemen mit dem Zertifikat der Schule und Schlange stehen an der Behörde, war ich froh, endlich das Visum in den Händen zu halten.

In der Schule läuft zurzeit alles ziemlich gut. Mir gefallen vor allem die spontan organisierten Fussballspiele (obwohl ich nicht so der Fussballer bin) oder kleine Aufführungen der einzelnen Kurse. Auch das Tanzen abends macht Spass. Dort habe ich auch schon einige Volkstänze gelernt, zum Beispiel Chacarera, Cueca , Jalkas und Chutas. Besonders gefällt mir die Musik zu der man tanzt, begleitet meist durch traditionelle Instrumente wie die Kena ( Flöte) oder die Charango (Gitarre). Viele dieser Tänze gleichen einem Balztanz, d.h. der Partner wird um- oder angetanzt. Heftig bestritten alle, dass Cueca der chilenische Nationaltanz sei und wenn ja, der doch sehr unterschiedlich zu der bolivianischen sei. Das spiegelt auch die gewisse Feindseligkeit der Nachbarländer wieder, auch aktuell durch die Meerfrage. Auf jeden Fall freue ich mich schon auf die letzte Schulwoche. Benannt nach dem Schulgründer, Franklin Anaya, führen da Kurse eingeprobte Stücke vor, wir zum Beispiel tanzen Jalkas (Potosi) und Chutas (La Paz).

Gut gefällt mir auch das Essen hier. Schon bei unserer Ankunft wurden wir „vorgewarnt“, das sich in Cochabamba alles ums Essen dreht. Auf meine Familie trifft das zu. Abends wird beraten, was man am nächsten Mittag essen möchte. Um die Zubereitung kümmert sich die Hausangestellte, die sich meine Familie, wie jede etwas bessergestellte in Bolivien, leistet. Einer meiner Favoriten ist Lapin. Da dachte ich erst, es wäre Hase (frz. lapin), dabei ist es ein Teil vom Rind mit Reis und Gemüse. Lecker ist auch Anticucho, d.h. gegrillte Hühner- oder Kuhherzenstücke am Spiess, mit scharfer Erdnusssosse. Wichtiger Bestandteil der bolivianischen Küche ist auf jeden Fall Fleisch, dazu eine der vielen Kartoffelsorten, Yuca, oder Reis.

Lustige Entdeckungen in Cochabamba sind zum Beispiel Bäume, die auf der Strasse wachsen, blühende Büsche, die über den Gehweg hängen (mit Stacheln!) und erst wenn sie ausgeblüht sind, abgeschnitten werden. Was ich auch ungewöhnlich aber toll finde ist, dass hier viel mehr Leute traditionell gekleidet sind.

Noch ein kleiner Exkurs zu meinen eigentlich zwei Vorträgen in meiner Klasse. Der Erste fiel mehr oder weniger flach wegen fehlender Übereinstimmung der beiden PowerPoint Programme, dafür wurde der Zweite umso besser. Mit einer Rotarierin aus Brandenburg hielten wir einen gut knapp gefassten Vortrag über Deutschland und unsere Regionen, unter anderem auch die MRN. Meine Botschafterrolle aber lebe ich auch ganz normal im Alltag, indem ich Klischees über deutsche zu entwerten versuche. Zum Beispiel hat sich ein Mädchen gewundert, dass ich nicht so rumschreie und mich mal gefragt, was ich von Juden halte…

Nach diesem etwas längeren Bericht, hoffe ich, er hat euch gefallen, und schaut das nächste Mal vorbei, dann berichte ich euch von zwei unglaublich schönen Reisen an den Titicacasee und in den Chapare.

Bis dahin ¡Hasta luego! aus Bolivien Euer Jonathan