29.2.2016

Bericht #5

Liebe MRN, es sind jetzt noch ungefähr vier Monate, die mein Auslandsjahr dauern wird. Viel gibt es zu erzählen – von zwei Wochen mehr als vom ganzen Rest der Ferien, ich war nämlich wieder auf Reisen, und zwar in ganz Bolivien!

Immer wieder muss ich jetzt an meine Rückkehr denken, doch auch wenn ich meine Familie vermisse, weiss ich, dass ich in Deutschland genau die Sachen vermissen werde, die ich an Bolivien so liebgewonnen habe: das Essen, das Klima, die Menschen (also meine Familie und meine Freunde) und noch viel mehr.

Santa Cruz (de la Sierra)

Mein erster Flug ging nach Santa Cruz de la Sierra, das wirtschaftliche Zentrum Boliviens. Ein bisschen aufgeregt sass ich im Flieger und betrachtete den überraschend abrupten Wechsel von der typischen braunen Farbe des Hochlands in das satte grün des Tieflands. Auf dem Flughafen Virú Virú ausserhalb der Stadt bestätigte sich schon die erste Vorwarnung meiner Familie: Mich empfing beim Austeigen eine schwülheisse Luft, die ich zuerst für die heisse Motorluft des Flugzeugs hielt. In der Vorhalle traf ich mit etwas Verspätung Carola und Tristan, das deutsch-bolivianische Paar, mit dem ich die nächsten Wochen verbringen würde. Ich wurde nämlich von den Beiden dazu eingeladen, an der Hochzeit teilzunehmen und sie auf der danach stattfindenden Reise mit ihren Eltern zu begleiten (ein grosses Dankeschön an dieser Stelle!).

Als erstes zog ich mich um. Lange Hose und normale Schuhe sind bei dem Wetter nicht zu empfehlen. Den Rest des Tages verbrachten wir in einem Pool etwas ausserhalb der Stadt, der nächste Tag war nämlich schon der Tag der Hochzeit. Ich wurde dem engsten Kreis der Familie vorgestellt, was leider erstmal nicht viel daran änderte, dass ich an meinem Essenstisch auf der Hochzeit nach einer nur mit Kühlanlage überstandenen Nacht niemandem zum reden hatte. Mir war also ein bisschen langweilig, bis mich dann die Mutter der Braut ergriff und aufs Tanzparkett zog und zwei Mädchen vorstellte.

Den Rest der Hochzeit verbrachte ich tanzend zu latinoamerikanischen Rhythmen. Währenddessen kamen die Reporter der Zeitung „El Deber“, in der ein paar Tage später sogar ein Artikel mit Fotos über mich erschien. Auf der Hochzeit wurde ich lustigerweise immer wieder gefragt, ob ich nicht der Bruder des Bräutigams wäre. Trotzdem kann man das verstehen wenn ich der Einzige andere europäisch aussehende (Minderjährige) auf der Hochzeit bin, dazu noch alleine. In den nächsten Tagen gab es eine Einführung in das etwas andersartige Bolivien, das ich hier kennenlernte. Etwas heiterer, mit anderen Gewohnheiten und einem etwas komischen Dialekt. Die Cambas, so nennen sich die Tieflandbewohner Boliviens und so werden sie auch von der Bevölkerungsmehrheit vom Hochland genannt, lassen das „s“ beim sprechen weg, betonen das „r“ etwas anders und benutzen komische Diminutive.

Die Cambas (Departamentos Beni, Pando und Santa Cruz) und die Khollas (Rest des Landes, und so werden sie nur von den Cambas genannt, sie selber nennen sich nicht so) machen immer gerne Witze übereinander, über den Dialekt beider Gruppen, die Faulheit der einen und die (vermeintlich fehlende) Hygiene der anderen. So wurde ich zum Beispiel bei einem Ausflug auf ein Landhaus ausserhalb der Stadt mit meinem „Kholladialekt“ aufgezogen (Cochabamba liegt schon im anderen Teil des Landes), was während der Reise ins Hochland immer wieder als Anlass für Witze genommen wurde.

Der erste etwas längere Ausflug ging aufs Land in die Chiquitanía, ein Landstrich,  Richtung Brasilien gelegen. Dort besuchten wir eine Verwandte auf ihrer Farm, mit Kühen, Pferden, Hühnern und zwei Hunden. Also fast alles was zu einem richtigen Bauernhof gehört, außer Schweinen – das letzte verbliebene aßen wir als Mittagessen. Während dieses Ausflugs kam ich unter anderem dazu, meinen ersten Ausritt beziehungsweise meinen ersten Ritt überhaupt seit meinem Abflug aus Deutschland zu machen.

Außerdem bekamen wir zwei wunderschöne Missionskirchen des berühmten Missionszirkel der Jesuiten in San Javier und Concepción zu sehen, und nahmen ein Bad in einem grossen Stausee. Während des Badens hatte ich immer das Gefühl, ein Krokodil könnte in der Nähe sein, der See war nämlich ziemlich gross und grenzte an grün bewachsene Ufer. Diese Sorge bestätigte sich zum Glück als falsch. Auf dem Rückweg nach Santa Cruz bekam ich ganz andere Sachen mit, nämlich meinen ersten Kontakt mit Korruption in Bolivien.

Mir wurde schon mehrmals vorher von der korrupten Polizei erzählt, doch hier passierte es mir zum ersten Mal. Das Auto, das wir fuhren, war noch relativ neu und mit einem Weissen am Steuer waren wir das gefundene Opfer für zwei Polizeikontrollen, die uns für Sachen beschuldigte, die gar nicht stimmten, doch irgendwann zieht jeder hier einen Schein, vor allem um der aufgeblähten Bürokratie zu entgehen.

Schon zwei Tage danach ging es wieder los, diesmal etwas mehr in die Nähe nämlich nach Buena Vista in ein Hotel mitten im Parque Amboró, dem am besten erreichbaren Nationalpark Boliviens, mit Kühen und Cowboys. In dem nur über eine Buckelpiste erreichbaren Hotel liefen sogar beizeiten anscheinend angefütterte Vögel wie Tukane oder Papageien herum und bettelten um Futter. Ein besonderer Höhepunkt war der Ausritt auf eine Kuhweide, dabei bekamen wir ein gerade geborenes Kälbchen und einen Kakaobaum zu sehen. Das bewölkte Wetter verleitete leider dazu keine Sonnencreme aufzutragen, was einen fetten Sonnenbrand nach sich zog. Leider mussten wir auf den Ausflug in den Park wegen starken Regenfällen verzichten. Nach diesem Trip war die Zeit in diesem Teil Boliviens vorbei.

Jetzt flog ich mit dem Hochzeitspaar und den jeweiligen Eltern nach Cochabamba. Von dort aus fuhren wir in das ein paar Stunden entfernte Torotoro. In dem touristisch geprägten Dorf gab es erstmal einen tollen Ausflug in eine Tropfsteinhöhle. Die erreichten wir nur über einen etwas abenteuerlichen Weg, da starke Regenfälle einen Nutzung des normalen Einstiegs unmöglich machten.

Nach diesem Erlebnis besichtigten und bewanderten wir ein ausgetrocknetes Flussbett und einen ungefähr 250 Meter tiefen Canyon, in dem wir nach einer Kletterpartie über riesige Steine eine erfrischende Dusche in einem Wasserfall nahmen. Dann fuhren wir wieder nach Cochabamba, dort ging es kurz zur Christusstatue hoch und danach noch in den Botanischen Garten, den Rest des Tages verbrachten wir im Hotel wegen anhaltendem Regenwetter.

La Paz

Das Ausruhen tat ganz gut, der nächste Flug ging schon am nächsten Morgen nach La Paz. Das Stadtbild von der Gondel aus ist mir ja langsam bekannt, schon dreimal besuchte ich die verrückte Stadt in den Bergen und lernte auch mal das touristische Zentrum der faktischen Hauptstadt Boliviens kennen.Der zentrale Platz, eine berühmte Altstadtgasse mit ein paar kleinen Museen und das „Valle de la luna“, ein durch besondere Felsformationen geprägtes Tal.

Salar de Uyuni

Das alles stellte aber den durch schon die Luft sichtbaren mit ein paar „Pfützen“ bedeckten Salar de Uyuni nicht in den Schatten. Bei unserem nächsten Reiseziel hatten wir die einmalige Möglichkeit, Fotos auf der sich spiegelnden Oberfläche zu schiessen. Auch der miterlebte Sonnenuntergang und der Sternenhimmel waren besonders schön. Das Salzhotel am Abend machte auch einen sehr guten Eindruck, nur nächsten Tag legten wir eine Pause in Uyuni ein, da wir langsam bemerkten, dass uns die Reise mehr abverlangte als wir geglaubt hatten.

Oruro/Karneval

Tags darauf ging es in die Hauptstadt des Karnevals in Bolivien: Oruro. Die Stadt machte zunächst keinen besonderen Eindruck: überall Hunde und Müll. Der Karneval dafür sprengte alle Erwartungen, die Trachten und häufig wohlbekannten Tänze waren echt genial. Zwischen zwei verschiedenen Tänzen fuhr immer ein Auto mit einer Marienstatue drauf. Der Karneval in Oruro wird zu Ehren der grossen Marienstatue über der Stadt gemacht, jedenfalls am Samstag, der Rest des Karnevals wird meistens nur zum Feiern genutzt.

Leider konnten wir nicht lange bleiben, in den letzten Tagen gab es schon Zusammenstöße zwischen Regierung und Lastwagenfahrern, letztere verlangen eine höhere Bezahlung und blockierten die wichtigsten Straßen im Land, so auch die Autobahn nach Cochabamba. Deswegen musste die Reise erstmal über La Paz nach Santa Cruz. Dort konnte ich die ganze Verwandtschaft nochmal sehen die mir zum Spass unter die Nase rieb“¡Volviste!“ - Du bist zurückgekommen! Nach dieser wundervollen Reise und einigen köstlichen deutschen Gerichten (z.B. Kaiserschmarrn, Spätzle) kam ich wieder nachhause nach Cochabamba.

Zurück in Cochabamba

Dort wurde ich von meiner Gastfamilie sehr nett empfangen. Am Mittwoch fing bereits die Schule wieder an. Es war cool, die Klassenkameraden wiederzusehen. Die Schulwoche war aber nur zwei Tage lang, am Samstag war nämlich der Karneval in Cochabamba angesagt, der sogenannte „corso de corsos“, also der Umzug der Umzüge. Schon am Tag vorher fiel die Schule aus, da in der Straße vor der Schule die Zielstrecke des Umzugs liegt. So wie jedes Jahr verkauft die Abschlussklasse Sitzplätze, Getränke und Essen, der Erlös kommt meistens bei der Abschlussfahrt zum Einsatz. Der Umzug war zwar nicht vergleichbar mit dem in Oruro von den Kostümen und den Tänzen her. Trotzdem war die Stimmung nicht vergleichbar, es machte einfach Spass, mit Klassenkameraden direkt neben dem Umzug Getränke zu verkaufen und bei Pausen die Tänzer anzufeuern. Es war auf jeden Fall sehr schön.

Das Referendum

Sonst bleibt zu erwähnen, das in der Zeit ein heisser Wahlkampf lief. Der Präsident Evo Morales möchte nochmal die Chance haben, sich wieder zur Wahl zu stellen (was die Verfassung eigentlich nicht erlaubt), doch nach einer emotional geführten Debatte im Land gewann mit 3 Prozent knapp die Seite des „Nein zur Verfassungsänderung“. Die Wahl wurde aber von vielen Betrugsversuchen vonseiten der Regierung überschattet. Auch gab es vorher komische Äusserungen des Vizepräsidenten an die Indigene Landbevölkerung, dass sich „die Sonne verdunkeln“ würde, wenn das Nein gewinnen würde, was mich schon schockierte. Weniger aber, wenn es um die Indigene Landbevölkerung geht, die „campesinos“, meistens ungebildet, glauben vieles.

Dieses Mal verschätzte sich der Präsident aber, in den Tagen danach kamen Äusserungen, dass die „campesinos“ ja doch nicht so dumm seien. Das Problem war immer, dass in Bolivien die Landbevölkerung die Mehrheit der Gesamtbevölkerung stellt, und sich Evo Morales so die Mehrheit sichern konnte. Rassismus, siehe Äusserung im Radio, ist unter der Bevölkerung selber leider noch immer sehr weit verbreitet, die Hochzeit zwischen Mestizen und Indigenen wird immer noch als falsch angesehen.

Naja, das wars auch schon wieder mit diesem Bericht. Ich geniesse die restliche Zeit hier in Bolivien und freu mich schon darauf euch von meinen nächsten Erlebnissen zu berichten.

Bis dahin chao und Hasta pronto, Jonathan