17.4.2016

Bericht #6

Liebe MRN

Es fehlt nicht mehr viel und es geht wieder Richtung Deutschland. Ich denke, dieses komische Gefühl, nur noch eine bestimmte Zeit hier verbringen zu können, wird sich bis zum Abflug - in zwei Monaten und zwei Wochen - hinziehen. Wenn ich dieses Mal zwar nicht von aufregenden und beeindruckenden Reisen berichten kann, gibt es aber ein bisschen was von meinem Alltag zu hören.

Unter der Woche bin ich meistens in der Schule, der Ort, um den sich alles dreht. Am Anfang des Schuljahres gab es ein Vortanzen für die Einteilung in verschiedene Tanzgruppen, je nach Können oder Geschlecht. Das mit dem Geschlecht sage ich nur, weil es wie so häufig auch hier an den tanzenden Jungs fehlt. So kam es, dass ich gleich in alle Gruppen eingeteilt wurde. Am Wochenende ist es jetzt auch etwas mehr geworden, jeden Samstagvormittag geht es jetzt mit ein paar Freunden zum Fußballspielen. Als Torwart fühle ich mich jetzt schon etwas sicherer und werde von der freundlich-nachsichtigen Mannschaft gut unterstützt.

Día del padre 26. März und mein erster „quince años”

Vatertag in Bolivien. Den galt es für mich und meine Stufe als „Einnahmequelle“ ausnutzen, denn Geld für die Abschlussfahrt (an der ich leider nicht mehr werde teilnehmen können) muss überall zusammengesammelt werden.

Geplant wurde für den Tag danach ein Tag, wo alle Kinder die Chance haben, einen kleinen Auftritt für ihren Papa zu machen, während wir für das Essen und Trinken sorgten. Nach einem leckeren Mittagessen mit der Verwandtschaft ging es noch zum Aufbauen in der Schule.

Danach war ich noch auf meinen ersten „Quince años“ eingeladen also auf einen 15. Geburtstag, der nicht nur in Bolivien, sondern in den allermeisten südamerikanischen Ländern groß gefeiert wird. Vorher wurde ich noch von einer Freundin in das Haus ihres Opas in der Nähe des stattfindenden Geburtstags mitgenommen, wo sich natürlich die ganze Großfamilie versammelt hatte, um ihren Papa zu feiern, der stolz hinter einem Tisch mit allerlei Köstlichkeiten sass.

Da ich ja selbst in einer großen Familie mit Verwandtschaft aufgewachsen bin (vier Geschwister), war der Rummel nicht unangenehm, ganz im Gegenteil: Ich muss zugeben, dass ich das ein bisschen vermisst habe hier in Bolivien. Fein angezogen gingen wir dann zum Geburtstag, der etwas ruhiger anging, es gab Torte und leckeres Essen, was ich leider nicht geniessen konnte, da ich schon satt von dem Haus des Opas der Freundin gekommen war.

Ostern/Pascua in Bolivien

Im Gegensatz zu Weihnachten kündigte sich Ostern kaum an. Kein Ostereierbemalen, keine Schokoladeneier (auch wenn es die zu kaufen gab), also insgesamt nicht so viel Wirbel. Am Gründonnerstag ging es dann zum Kirchenbesuch. Ich weiß nicht, wie das bei Katholiken in Deutschland abläuft, aber wir besuchten ungefähr zehn (!) Kirchen an diesem Abend. Eigentlich sind es zwölf für die zwölf Stationen Jesu, jede hatte eine Stelle wo Brot, Wein und Weizen hingestellt wurden. Als ich vorher zustimmte, wusste ich nicht was auf mich zukommen würde, denn in einem Auto zusammengequetscht mit Tanten, Onkels und meinen Gasteltern durch Cochabamba zu fahren, ist nicht besonders angenehm, vor allem nicht nach einem langen Schultag.

Der Rest des Osterwochenendes gestaltete sich zum Glück weniger stressig. Es ging mit meiner Kirche auf einen Ausflug über Karfreitag bis Samstag. Das ausgedehnte Gelände lag etwas außerhalb der Stadt in der Nähe von Quillacollo, mit zwei Fussballplätzen und genügend Häuschen, um alle unterzubringen. Für die Pflege des Rasens gab es drei Alpakas, die sich auch nach dem Anlocken und Füttern mit Mandarinen gerne fotografieren liessen.

Die zwei Tage waren geprägt von sehr schönen Erfahrungen beim Fussballspielen und den geistlichen Inputs zwischendurch, auch wenn hier Ostern nicht so in den Mittelpunkt gestellt wurde. Das einzig Schlechte war der Sonnenbrand in Gesicht und Nacken, den ich mit nachhause nahm.

Auftritt folclórico

Jetzt komme ich noch zu meinem Tanzauftritt in meiner Schule. Geplant waren zwei Tage mit jeweils einem Auftritt. Dieses Mal tanzte ich nur einen Tanz: Thinku. Schon mal erwähnt, dieses Mal erkläre ich in auch, welchen Hintergrund dieser Tanz – eigentlich mehr ein Kampf – hat. Der Thinku hat seinen Ursprung im Kult der Erdmutter Pachamama. Früher ging dieser Kampf um Leben und Tod, heute wird zum Glück nur noch zum Spaß getanzt und gekämpft. Diesmal hatte ich zum Glück kein Problem mehr mit rutschender Hose, sondern großen Spaß. Mein wahrscheinlich letzter Auftritt dieser Art wird dann am Muttertag sein, dafür wird schon fleißig geübt...

Ciudad Laredo

Die „Ciudad Laredo“ also die „Stadt Laredo“ ist ein Spiel-Event, organisiert von meiner Stufe am Kindertag. Die Idee ist, ein fiktives kleines Städtchen lebendig werden zu lassen – mit Disco, Kino, Bank (mit eigener Währung) und natürlich Restaurants aller Art. Ich war beim „Standesamt“ eingeteilt, versuchte mich zwischendurch aber auch mal als „Türsteher“ an der Disco oder „Straßenfeger“.

Der Tag begann mit der Öffnung der Bank, damit sich jeder sein Geld umtauschen konnte und der Ansprache des Bürgermeisters, verkleidet als Sultan bewacht von zwei verhüllten und „schwer bewaffneten“ Leibwächterinnen. Es war ein schöner Tag, der seinen Abschluss in einer „Continuada“ also einer Fortsetzung beziehungsweise Party ausklang.

Danach ging es dann noch auf ein Konzert des philarmonischen Orchesters Cochabamba, wo „Fantasia“ von Walt Disney gezeigt wurde. „Fantasia“ ist einer der ganz frühen bzw. alten Disneyfilme (1940). Er beinhaltet zahlreiche bekannte klassische Musikwerke wie z.B. „Der Nussknacker“.

Das war es auch schon wieder für dieses Mal, Adiós, Jonathan