25.2.2016

Bericht #5

How are you doing, MRN?

Hier kommt endlich mein 5. Bericht. Es ist so viel passiert in den vergangenen zwei Monaten und ich kann es immer noch gar nicht glauben, wie viel sich für mich verändert hat…

Rückblick: „Tex-mas“
An Heiligabend bin ich mit meiner Gastmom in die Kirche gegangen. Anschließend kam mein Gastbruder nach Hause, um Heiligabend und den offiziellen Weihnachtstag mit uns zu verbringen. Anders als in Deutschland werden in Amerika die Geschenke erst am 25. Dezember ausgepackt. Am Abend davor gibt es dafür aber ein besonderes, ein sozusagen „Tex-mas“-Weihnachtsessen mit vielen verschiedenen Snacks sowie Chili mit Tacos und es wird mindestens einer der vielen Weihnachtsfilme angeschaut. Bei uns war es „Elf“.

Am nächsten Morgen hat mich meine Gastschwester aufgeregt geweckt. Meine ganze Familie versammelte sich, noch im Halbschlaf und in Decken gewickelt, um 9 Uhr vor dem Weihnachtsbaum, unter dem die Geschenke darauf warteten ausgepackt zu werden. Weihnachten an sich war also schön, aber ich hatte auch schon mit Heimweh zu kämpfen, da es so ein Familienfest ist und ich mir einfach wünschte, dass meine Familie jetzt da sein könnte.

Schlimmster Tornado seit 65 Jahren…
Kurz nach Weihnachten schlug das Wetter in Texas heftige Kapriolen. Besonders betroffen war der Großraum Dallas, in dem auch ich lebe. Häuser wurden zerstört, Straßen überflutet und Autos durch die Luft gewirbelt, als ein Tornado mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 320 Stundenkilometer das Gebiet heimsuchte und eine 65 km lange Schneise der Verwüstung hinterließ; beginnend 32 Kilometer südlich der Metropole Dallas bis hin zu ihrem Nordosten. Mindestens acht Menschen kamen dabei ums Leben. Vier Gebiete nahe Dallas wurden zu Katastrophengebieten erklärt. Es war nach Angaben der Behörden erst das zweite Mal seit 1950, dass der Großraum Dallas von einem Tornado dieser Stärke getroffen wurde. Gott sei Dank sind wir und die nähere Umgebung unversehrt geblieben.

Stürme gab es nicht nur draußen…
Weitere heftige Stürme gab es für mich persönlich ebenfalls kurz nach Weihnachten, als ich von der Nachricht überrumpelt wurde, die Familie wechseln zu müssen. Zwischen meiner Gastfamilie und mir gab es zwar nie Probleme, aber in der Familie wohl viele. Meiner Gastfamilie, vor allem meiner Hostmom, hat es echt das Herz gebrochen, mich in eine neue Gastfamilie zu senden, aber sie wollten alle nur das Beste für mich und hatten es deswegen beschlossen. Meine Gastmutter hat es mir kurz nach Weihnachten gesagt und das hat mir erstmal den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich habe mich in dem Haus und in der Familie so wohl gefühlt und ein extrem gutes und enges Verhältnis zu meiner Gastmutter gehabt. Sie war für mich tatsächlich eine zweite Mama und beste Freundin zugleich. Diese Zeit war echt heftig für mich! Keiner wusste, wie es weitergehen sollte…

Ich bin dann trotzdem auf die AFS-New-Years-Eve-Party gegangen, um einfach mal auf andere Gedanken zu kommen. Es war richtig gut und wir hatten alle mit viel Spaß und Musik eine super Zeit. Mal wieder wurde mir klar, wie wichtig meine AFS-Freunde in der vergangenen Zeit eigentlich für mich geworden sind. Wir können uns so viel anvertrauen und unsere Auslandsabenteuer einfach austauschen!

Direkt nach der Party ging für mich zu meiner Liaison Lisa und ihrer Familie, die mich so lange aufnehmen wollten, bis wir eine neue Gastfamilie fanden. Kurz nach meinem Einzug hatten wir das AFS midyear camp. Da Lisa ehrenamtlich für AFS arbeitet, sind wir zusammen zu dem Camp gegangen. Es fand auf einem Campingplatz mitten im Nirgendwo statt. So weit das Auge reichte, konnte man neben den Jugendhäusern nur Wälder und Hügel sehen. Das Wochenende brachte das kälteste Wetter mit sich, das wir bis jetzt hatten. Bei dem kalten Wind musste man sich schon ein bisschen einpacken. Aber bei den Spielen und dem Lagerfeuer am Abend wurde uns dann doch schon wieder warm. Zum krönenden Abschluss des Camps kam abends ein DJ und legte gute Musik auf, was richtig cool war. Leider gingen die zwei Tage viel zu schnell vorbei und wir fuhren wieder nach Hause. Wir alle haben wieder einmal feststellen müssen, wie schnell die Zeit eigentlich verfliegt! Schon krass, da kam ich doch gerade erst in die USA und die bevorstehende Zeit fühlte sich wie eine Ewigkeit an und jetzt ist schon mehr als die Hälfte um.

Life is a rollercoaster
Insgesamt habe ich dann einen Monat bei der Familie meiner Liaison gelebt, was echt auch schön war. Ich habe mich richtig gut mit den Eltern und den beiden Jungs, die etwas jünger als ich waren, verstanden, und in der Familie so was wie eine zweite Gastfamilie gefunden. Weil wir uns so gut verstanden haben, wollten Lisa und ihr Mann entgegen der Planung nun doch nicht nur „Übergangsfamilie“ sein, sondern mich für den Rest meines Auslandsjahres behalten. Sie setzten alle Hebel in Bewegung und versuchten, für mich einen Platz an der Highschool ihres Schulbezirkes zu bekommen, aber leider war das Kontingent erschöpft und die Richtlinien, was die Schulen betrifft, sind sehr streng. Ohne Schulplatz konnte ich nicht bei ihnen bleiben – wir mussten eine Familie finden, die im Distrikt meiner Highschool wohnt. Das ganze Hin und Her war wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle und mir ging es zwischendurch deswegen gar nicht gut.

Anstatt meine Familie in Deutschland zu vermissen, hatte ich nach meinem ersten Umzug totales Heimweh nach meiner ersten Gastfamilie und wollte einfach wieder dorthin zurückgehen und dass alles wieder wird „how it used to be“. Es war eine schöne Zeit dort und wir hatten noch so viele tolle Pläne. Meine Gastfamilie wollte mit mir nach Mexiko und nach Kalifornien reisen, aber auch diese Vorhaben zerplatzten wie eine Seifenblase. Bei all den schwierigen Umständen so weit entfernt von der Heimat in Deutschland auf sich allein gestellt zu sein, war schon echt hart. Die Ernüchterung, dass ich auch in der zweiten Familie nicht bleiben konnte, nahm mich ebenfalls ganz schön mit. So musste ich schon nach kurzer Zeit wieder meiner Koffer packen und noch einmal von vorne anfangen…

Zum Abschied hat sich meine zweite Gastfamilie noch etwas Nettes einfallen lassen: Scott, der Gastvater, ist schon seit 8 Jahren bei der Feuerwehr in dem Ort und hat für Lisa und mich einen Trip mit dem Feuerwehrauto organisiert! Das war echt cool! Ich durfte es mir auf dem Beifahrersitz bequem machen und bei einer Spritztour auf den Landstraßen den Sonnenaufgang bestaunen. Zwischendurch durfte ich sogar mal das Martinshorn einschalten. Für mich war es das erste Mal, in einem Feuerwehrwagen mitzufahren und von daher richtig spannend.

Auf zu neuen Ufern
Schließlich kam der Abend, an dem es hieß Abschied von meiner zweiten Gastfamilie zu nehmen. Für meine beiden Gastbrüder war es so schlimm, dass sie mich gar nicht auf dem Weg begleiten konnten, sondern sich zu Hause verabschieden wollten. Auch die Eltern hatten Tränen in den Augen, als sie mich kurz darauf bei der neuen Familie zurücklassen mussten.

Nun lebe ich seit drei Wochen bei meiner neuen, dritten Gastfamilie. Ich fühle mich schon wohl und langsam auch wie Zuhause. Durch die vielen Wechsel dauert das aber schon etwas, da ich erstmal richtig ankommen muss. Hier habe ich drei Gastgeschwister: eine ältere Schwester, die schon ausgezogen ist und aufs College geht und zwei Gastbrüder. Der jüngere, Parker, ist 13 Jahre alt und der ältere Gastbruder, Jaz, so in meinem Alter und geht auch in meine Stufe. Den Alltag haben wir mittlerweile schon aufeinander abgestimmt. Meiner neuen Gastfamilie ist Sport, so wie vielen Amerikanern, sehr wichtig. Der „Superbowl“ war dann gleich ein besonderes Event, das ich in der Familie miterleben konnte. Das jährliche Endspiel der US-amerikanischen Football-Profiliga ist ein „Big Deal“, eine richtig große Sache für alle Amerikaner. Alle fiebern und feiern mit. Wir fieberten zu Hause mit. Jeder bestellte sich sein Lieblingsessen und wir machten es uns auf den Sofas im „game room“ gemütlich und feuerten zusammen die „Denver Broncos“ an, die am Ende gegen die „Carolina Panthers“ gewannen.

Da meine Gastfamilie selbst gerne viel Sport macht, habe ich die Möglichkeit, fast jeden Tag mit meinen Gasteltern und Parker ins Fitnessstudio zu gehen. Was ich außerdem klasse finde, ist, dass meine Gastfamilie sehr offen ist und das Kennenlernen neuer Kulturen liebt! Mein Gastvater kommt ursprünglich aus Kambodscha und von daher haben wir nun sogar drei verschiedene Kulturen in der Familie und viel leckeres asiatisches Essen! Außerdem geht meine Familie in dieselbe Kirchengemeinde, in die ich auch bisher gegangen bin, nur auf einem anderen Campus. Ich freue mich schon auf die weitere Zeit mit meiner neuen Gastfamilie!

Auch wenn die vielen Wechsel ungewollt, anstrengend und traurig waren, bin ich dankbar, dass ich in jeder Familie etwas Anderes kennenlernen durfte und es dadurch auch bereichernd war. Und zu meiner ersten Gastmama habe ich nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis.

Believe in your dreams
Einen Traum konnte ich mir vergangenen Freitag erfüllen, als ich mit zwei Freundinnen aus meiner Jugendgruppe auf ein sehr großes und tolles Konzert einer christlichen australischen Band namens „Hillsong“, gegangen bin, die im riesigen American-Airlines-Stadion in Dallas (in dem z. B. auch die Dallas Mavericks Bastketball-Stars spielen) eine Hammershow ablieferten! Wir hatten eine einmalige Zeit und haben viel gefeiert, getanzt und gelacht!

Jetzt will ich die restliche Zeit nochmal so richtig auszunutzen und jeden Moment genießen. Oder anders gesagt, wie unsere AFS-Leiter es ironisch ausdrücken, die „bucket list“ schreiben, um sich nochmal klar zu werden, welche Träume wir noch verwirklichen wollen. Für mich wird (außer dem Traum in USA zu leben an sich) noch ein weiterer richtig großer bald wahr: Ich darf eine Woche auf Hawaii verbringen! Ich werde noch vor dem Spring Break (= Osterferien) auf meine Trauminsel reisen und freue mich schon so darauf, euch davon zu berichten!

So, dass war‘s schon wieder von mir. Ich freue mich schon riesig auf die nächste Zeit und die Verwirklichung meiner aufregenden Pläne! Bis dahin, good-bye! Eure Botschafterin in Texas, Ann-Christin