2.12.2015

Bericht #4

So, liebe MRN! Hier bin ich wieder, gut gelaunt aus den etwas kälter als 25 Grad gewordenen Philippinen. Brrr, da fange ich ja schon an zu frösteln. :D Also an das Wetter habe ich mich schon gewöhnt, wie man merken kann.

In diesem Bericht will ich Euch schildern, was ich so alles in fünf Monaten gelernt habe. Erstmal muss ich dazu sagen, dass ich voller Abenteuerlust, Neugier und vor allem Erwartungen in das Jahr hineinging. Ich wollte, wie die meisten, alleine raus in die große weite Welt, möglichst weit weg von Deutschland. Jeder kommt mit Erwartungen, das kann man nicht so leicht abschalten. Man muss sich dessen nur bewusst sein und sie nicht zu hoch schrauben. Aber selbst die kleinsten Erwartungen können ein Problem werden. Wenn man an die Philippinen denkt, fallen einem wahrscheinlich sofort wunderschöne Strände, Palmen und exotisches Essen ein, nehme ich an. So dachte ich jedenfalls zuerst. Natürlich wird man sofort auf den Boden der Tatsachen geholt, wenn man dort ankommt. Niemand hatte mir von dem einfachen „langweiligen“ Leben, der Armut und der Kriminalität dort erzählt. In so einem Jahr lernt man selbst, wenn man denkt, man lernt nichts. Verwirrend, gell? Es kommt ein Berg aus Gefühlen auf einen zu und man weiß gar nicht, wie man sie zuordnen soll.

Ich habe gelernt, dass Familie das Wichtigste in den Philippinen ist. Wichtiger als ALLES andere. Ein kleines Beispiel: Wir haben eine Hausangestellte (Yaya), die unsere Wäsche wäscht und auf meine Geschwister aufpasst. Normalerweise kommt sie jeden Morgen um 5.00 Uhr, um auf meine 4-jährige Schwester Chuchay aufzupassen. Naja, am Morgen der Eröffnungsparade für die „Intrams“ kam sie irgendwie nicht und meine Mutter war schon früh in die Schule gefahren. Das Problem: Es war niemand da, um auf meine Geschwister aufzupassen, weil ich auch zur Schule musste. Ich fragte meinen kleinen Bruder, was wichtiger sei, Schule oder Familie. Seine Antwort: „Du kannst uns nicht hier alleine lassen, du musst hier bleiben. Familie ist wichtiger als alles.“ An dem Tag kam ich ein paar Stunden später zur Schule, weil unsere Yaya doch noch kam. :D

Ich habe meine Familie richtig lieb gewonnen und fühle mich in ihr pudelwohl. Meine kleinen Brüder haben mir schon Kuscheltiere als Erinnerung geschenkt und sagen jetzt schon, dass sie mich vermissen werden. Ich möchte noch gar nicht dran denken! Man denkt natürlich, ein Jahr ist eine lange Zeit. Aber selbst, wenn man jeden Tag intensiv lebt, ist es so kurz, man weiß gar nicht, wo die Zeit hin schwindet. Auf der einen Seite ist es wie eine Ewigkeit und auf der anderen fühlt es sich an, als würde die Zeit rasen. Was ich auch nicht wusste, ist, dass man Heimweh haben kann, ohne traurig zu sein. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich bestimmt auf „Zuhause“ freuen werde, aber noch nicht jetzt. Es ist eindeutig noch zu früh! Und Heimweh habe ich manchmal auch, aber irgendwie „gutes“ Heimweh, das einen nicht traurig macht, sondern glücklich. Ich weiß echt nicht, wie ich es besser erklären soll.

In so einem Jahr hat man gewaltig viel Zeit zum Nachdenken und kann auch mal auf die verrücktesten Ideen kommen. Man wird sich bewusst, was wirklich wichtig ist. Zum Beispiel merkt man, dass materielle Dinge ganz schön unwichtig sein können. Außerdem kann man mit leichterem Gepäck eh besser reisen J Jemand hat mir mal gesagt: „Hey, eigentlich ist die Entscheidung, in welches Land du willst, die unwichtigste.“ Ich dachte, das ist doch schon ein Unterschied, ob man nach Indien oder in die USA geht?! Ja klar, die Kultur ist total anders, aber man lernt das Gleiche! Egal, in welches Land man reist: Man lernt, sein eigenes Land wertzuschätzen und seine zweite Heimat zu lieben. Man kann sich in jedes Land verlieben!

Man lernt vor allem auch Sachen, die man nicht erklären kann. Sachen, die man im Unterbewusstsein, einfach so im Stillen lernt, ohne es zu bemerken. Man lernt, dankbarer zu sein und seine Heimat mit allen Macken und Kanten zu lieben. Und man verändert sich! Das eigene Denken, die eigene Meinung. Man versucht sich ein eigenes Bild von der Welt und der Zukunft zu verschaffen.

Ich habe am Anfang den Begriff einfaches, „langweiliges“ Leben geschrieben. Damit meine ich keinesfalls, dass ich mich hier langweile. Es gibt genug Beschäftigungen! Man hat einfach keine Termine oder einen Plan für die Woche. Man lässt alles auf sich zukommen und ist spontan. Man lebt einfach sein Leben! Und das ist was, das mich unglaublich fasziniert. Man lebt sein Leben und ist glücklich. Was will man mehr? Seitdem ich hier bin, war ich noch kein einziges Mal an einem dieser wunderschönen Strände. Und trotzdem habe ich nichts verpasst J

Man muss sich klar werden, dass man nicht als dauerhafter Tourist da ist, sondern, um zu lernen. Strände und Palmen sind schön, davon lernt man aber nicht wirklich was, oder? J Wenn man in dem Austauschjahr nur eine einzige gute Verbindung/Beziehung zu jemand aufbaut, hat sich das ganze Jahr schon gelohnt. In meinem Fall sind das meine Familie und meine Freundin Ella aus den USA, die auch ein Austauschjahr macht. Also kann ich jetzt schon sagen, dass sich mein Jahr gelohnt haben wird. J

Ok, das war jetzt lang, aber ich hatte einfach so viel von der Seele zu schreiben J So, und nächstes Mal erzähle ich dann von Weihnachten und Silvester. (Da die „Ber“-Monate, so wie die Weihnachtszeit, schon im September anfangen, gibt es keine Adventszeit) Bis dahin eine schöne Weihnachtszeit und Maligayang Pasko (Frohe Weihnachten) schon im Voraus! J Eure Davina