22.9.2014

Bericht #1 - Meine ersten Erlebnisse in Paraguay

gut fünf Wochen befinde ich mich nun schon hier in dem wunderschönen Paraguay, genauer gesagt in Ypane, einer Kleinstadt mit ca. 20 000 Einwohnern, nahe bei der Hauptstadt Asuncion. Schon jetzt habe ich vermutlich so viel erlebt, wie in den letzten paar Jahren meines Lebens. Ich versuche einmal, euch einen kleinen Einblick in mein Leben und meine Erlebnisse hier zu geben. Fast als erstes musste ich traurig feststellen, dass Paraguay gespalten ist: Es gibt nur zwei Arten von Menschen hier: Die, die für den Fußballclub Cerro sind und die, die den Club Olimpia unterstützen. Man wird überall und sehr oft danach gefragt, für wen man denn sei und dann sollte man besser richtig antworten! Aber ich habe auch schon gesehen, dass sich zwei Personen des jeweils anderen Vereins friedlich unterhalten haben, also denke ich, es ist doch nicht ganz so katastrophal... ;) Aber nun von Anfang an:

Angekommen bin ich hier am 8. August und sobald ich in meiner Familie war, war es echt super. Ich wurde von meinen Eltern aus dem AFS-Camp abgeholt und erst einmal ging es nachhause, wobei schon so eine Autofahrt an sich ein Abenteuer ist. Nach der Ankunft wurde ich dann von meinen Geschwistern in Empfang genommen und mir wurde mein neues Zuhause gezeigt. Ein wunderschönes großes und offenes gelbes Haus mit vielen Tiergehegen. Doch anstatt friedlich meinen Jetlag wegschlafen zu können und mich einzugewöhnen, wurde ich erst einmal überrascht: „Wir verreisen heute Abend“. Das bedeutete für mich Wechselklamotten in die Tasche packen und ab ins Auto. Die Eltern würden hier bleiben. Und so ging es mit laut aufgedrehter Musik und Terere, dem Nationalgetränk Paraguays (mit Eiswasser aufgegossene Yerba-Mate, schmeckt super lecker, nach zehnmal besserem Kräutertee und das auch noch erfrischend) zum Busbahnhof

Wir sollten in eine andere Stadt fahren, weil die beste Freundin meiner Schwester dort auf einer Party einen Job hat, was dann nicht so war, doch es war trotzdem super, gleich mal etwas von Paraguay zu sehen. Während der vier Stunden Busfahrt bin ich dann auch das erste Mal der schwersten Frage begegnet: „Was ist denn anders?“ Es ist wirklich nicht einfach, darauf eine Antwort zu finden, da einfach ALLES anders ist, doch in diesem Fall, speziell auf die Natur bezogen, antwortete ich, dass es in meiner Heimat überall Berge gibt, doch das war nichts Besonderes. „In Paraguay gibt es auch Berge. Sogar zwei!“, bekam ich gleich zu hören. Aber ansonsten war es echt schwer mit dem Vergleich. Ich erwähnte die oberirdischen Stromleitungen und die Häuser, die Palmen und natürlich den Verkehr.

Als wir dann zurück kamen, ging es erst einmal nach Asuncion und ich bekam die Stadt gezeigt. Den Regierungspalast und vor allem die Küste am Rio Paraguay, von wo aus man einen super Blick auf die Skyline der 544.000-Einwohner-Metropole hat. Die folgende Woche verbrachte ich zuhause, da ich erst ab der nächsten Woche zur Schule gehen sollte. Meine Schwester hatte glücklicherweise auch frei und so bekam ich doch noch einiges gezeigt in der Woche. Unter anderem war der „Tag der Paraguayschen Fahne“, das heißt eigentlich nur, dass man dann abends nach Asuncion fährt und dort noch mehr Dinge als sonst (Pfosten, Polizeilichter,...) in der Tricolore aufleuchten.

Als dann endlich die Schule anfing, war ich wirklich überrascht. Von Tischen kann man hier nur träumen, denn man hat lediglich klapprige Holzstühle mit einer verbreiterten Armlehne, um darauf zu schreiben. Die „Tafel“ ist ein grün angemaltes Stück Wand. Die Schule beginnt jeden Morgen um 7.00 Uhr mit der Formation. Man stellt sich nach Geschlecht und Klasse auf und dann wird die Nationalhymne gesungen, das Vaterunser und an meiner Schule auch noch das Gebet des heiligen Franziskus gebetet. Danach geht es geordnet aus den Reihen und in die Klassenzimmer. Den Stunden- und Zeitplan der Schule habe ich noch gar nicht verstanden. Es kommt einem so vor, als käme einfach immer mal ein Lehrer herein, der irgendetwas an die Tafel schreibt, was dann von allen abgeschrieben werden sollte. Und sollte einmal sogar irgendwie vergleichbarer Unterricht abgehalten werden, so bringt der auch fast nichts, da man sich die Stühle immer so hinstellt, wie man will. Das heißt, man sitzt dann mit dem Rücken zum Lehrer, unterhält sich und trinkt Terere oder macht irgendwas am Handy. Oft hört man auch „Profe, selfie un ratito!“ Dann wird der Lehrer hergeholt, um ein Selfie zu machen.

Seit ca. 3 Wochen ist nun die „Olimpiada“ an meiner Schule. Das ist eine Meisterschaft zwischen fünf Gruppen, die aus allen Nicht-Grundschulklassen ausgelost wurden. Sie heißen wie die Farben. Jede Gruppe muss drei Tänze aufführen, eine Fußballmannschaft stellen, ein Quiz und eine Safari machen und eine Königin stellen, die je nach dem wie sie sich dabei schlägt, Lose zu verkaufen, die Königin der Schule werden kann. Durch ein Missverständnis hieß es für mich ursprünglich, ich sollte in der Gruppe „Gangnam Style“ tanzen, was mich nicht freute, womit ich jedoch klar kam (ich musste dann doch nicht). Doch dann wurde mal wieder irgendwas gefragt und ich dachte es handelt sich wie so oft wieder darum wer tanzt, also bin ich bereitwillig aufgestanden und in die Mitte gekommen. Mit mir noch zwei andere Mädchen und drei Jungen. Dann gab es für jeden Applaus, doch bei mir war der sehr viel lauter als bei den anderen! Als ich dann zum gefühlt 50sten mal nachgefragt habe, was denn los sei, wurde ich aufgeklärt: „Du bist die Königin!!!“.

Das war nicht ganz so das, was ich wollte, doch aus der Sache kam ich nicht mehr raus. Vorerst folgte daraus nichts, doch dann kam die Olimpiada näher und irgendwann sollten dann alle Königinnen zur Schulleiterin, um sich dort ihre Lose abzuholen, die man verkaufen sollte. Das klappte dann auch mehr oder weniger gut. Am vergangenen Mittwoch wurde mir dann gesagt, dass die Eröffnungsfeier am nächsten Tag sei. Ich sollte mir also noch ein Kleid besorgen in Weiß, da jede Königin die Farbe ihrer Gruppe tragen sollte. Ich ging also noch am gleichen Tag mit meiner Mutter in eine andere Stadt um das Kleid zu besorgen. Mir wurde dann letztendlich ein bodenlanges weißes Kleid maßgeschneidert, genau rechtzeitig, um es am nächsten Tag noch vorher abzuholen.

Meiner Gast-Mutter war das wirklich wichtig, dass ich die „schönste Königin“ werde. Das hieß für mich, dass ich noch zum Friseur musste, um mir eine Frisur machen zu lassen und von meinem Bruder ziemlich stark geschminkt wurde. Der Abend war dann wirklich besonders, denn es ist echt komisch vor der ganzen Schule und deren Familien in einem Hochzeitskleid aufzutreten, während jeder andere normale Klamotten trägt. In die Halle bin ich dann zusammen mit dem König der Gruppe (der kaum eine Rolle spielte) auf einem Wagen gefahren. Auch das ist mit Brautkleid und Highheels nicht ganz so einfach. Nach und nach zogen so alle Gruppen ein und dann mussten sich die „Königspaare“ präsentieren.

Das bedeutete, Runden zu laufen und einfach dumm rumzustehen. Auch sollten wir aufsagen, warum wir Königin der Schule werden wollen. Und das war wirklich schwer, da ich ja erstens gar nicht die „Königin“ sein wollte und zweitens die Sprache nicht wirklich gut beherrsche. Aber ich habe es wohl geschafft, zwei fehlerfreie Sätze ins Mikrofon zu sprechen und das war eigentlich das Beste dieses Abends (naja, für mich halt). Den Rest des Abends wurden die Tänze aufgeführt, die wirklich super waren, und obwohl meine Gruppe dort nicht gewonnen hat, sind wir momentan die ersten. Wer Königin wird und welche Gruppe gewinnt, entscheidet sich morgen auf dem Frühlingsanfangsfest.

Am meisten überrascht hat mich bei diesem Event allerdings, dass alle sich total für die jeweilige Gruppe engagieren. So auch bei der Safari. Man musste zehn Sachen suchen in ganz Ypane, durfte aber kein Auto oder Motorrad benutzen. Gewinnen tun dann die, die als erstes mit allem wieder in der Schule sind. Auf diese Weise bin ich einmal durch ganz Ypane gerannt, immer meiner Gruppe hinterher, um dann im Schlamm nach einem benötigten Käfer zu buddeln – tatsächlich auch mit Erfolg: Wir haben das gewonnen!

So nun bin ich wirklich gespannt wir das morgen läuft und bis dahin, alles alles liebe in die Metropolregion und wenn irgendwer eine Idee hat, wofür ich mein Kleid noch verwenden könnte würde ich mich sehr über Tipps freuen!

Liebe Grüße aus dem wunderschönen Paraguay

Afra