8.1.2015

Bericht #2 - Ferien in Paraguay

Hola MRN,

Zuerst einmal: Nein, ich wurde nicht die Königin der Schule, denn ich hätte Lose verkaufen müssen, und das hat irgendwie nur geringen Reiz, wenn man nicht wirklich versteht, wofür die gebraucht werden. Ich wurde jedoch Dritte und bin damit sehr zufrieden! So habe ich gerade noch ein Krönchen mit kleinem Geschenk bekommen, jedoch ist es nicht ganz so krass, dass ich die Königin wurde...

Seit nun einiger Zeit habe ich Ferien und ich muss wirklich zugeben, dass ich die Schule vermisse. Denn auch wenn der Unterricht selbst nicht so toll ist, sieht man doch alle Kameraden und wird immer wieder eingeladen Dinge mit ihnen zu unternehmen. Mir kommt es vor, dass ich an eine besonders „soziale“ Klasse gekommen bin, denn sehr oft wird man gefragt ob man bei irgendeinem Programm nicht helfen mag. Da sage ich natürlich nicht nein.

Das erste war ein Programm das Krebskindern helfen sollte, indem man Plastikdeckel von Flaschen sammelt und diese dann der Organisation gibt. So hat meine gesamte Klasse über einen Zeitraum jeden möglichen Plastikdeckel gesammelt und am Ende kamen sogar zwei große Säcke zusammen. Man kann sich die in etwa der Größe von einem Gelben Sack prall gefüllt vorstellen. Diese mussten dann natürlich noch zu der Organisation die sich unpraktischerweise in einem Einkaufszentrum in Asuncion befindet. Ich wurde gefragt ob ich da nicht auch kommen wolle und habe natürlich nicht nein gesagt.

Wir waren dann sechs Schüler und ein Lehrer, um die Deckel dorthin zu bringen. Najaa, und es gab ein kleines Taxi, was hier aber irgendwie kein Problem darstellt. Das heißt, wir sind mit den Deckeln im Kofferraum und dem Lehrer vorne zu sechst auf einem Taxirücksitz gesessen, der schon für drei Personen eng wäre, allerdings haben wir auf der 40 minütigen Fahrt es trotzdem geschafft Selfies zu machen und Terere zu trinken, was ich ganz schön beachtlich finde. Dort angekommen erwartete uns ein riesiger Berg an Plastiksäcken mit Deckeln. Dann wurden noch schön Fotos gemacht, was hier obligatorisch ist, denn ein Treffen ohne Fotos ist nicht möglich und würde vermutlich nicht einmal als existent anerkannt...

Ein anderes Projekt war mit Teleton, einer in Lateinamerika sehr weit verbreiteten Organisation die körperlich und geistig Behinderten hilft. Einmal im Jahr läuft von Teleton einen Tag lang eine Fernsehshow und es werden Spenden gesammelt, wofür auch ich mich gemeldet habe. Das ganze lief dann so ab, dass Ich mich mit meinen Kameraden traf und man zusammen in T-Shirts und mit Sammelbüchsen loszog um Spenden zu sammeln. Besonders viel haben wir auch in Bussen gesammelt, was hier irgendwie so eine besondere Sache ist, da man in den Bussen hier ein und aussteigen kann wie man will, jeweils nur über ein Zeichen dem Fahrer gegenüber.

Beim Spendensammeln läuft das so ab, dass man einem Bus ein Zeichen gibt und dann hoffen muss, dass er anhält, denn durch die offensichtliche Kennzeichnung ist es klar, dass man nicht zahlt. Wenn dann angehalten wird, läuft man je nach der Menge im Bus schneller oder langsamer durch und sammelt die Spenden. Hinten steigt man dann wieder aus und das Ganze beginnt von vorne. Neben vielen Beinmuskeln durch das Rein- und Raus-Klettern bringt es natürlich auch noch Spaß und Sprachkenntnisse, auch wenn die auf „Hallo, eine Spende für Teletón? Danke!“ beschränkt waren was zugegebener Weise nicht besonders vielseitig ist...

Was ich allerdings im Nachhinein komisch finde, ist, dass hier wahnsinnig viel gemacht wird, jedoch kaum etwas, oder ich habe es einfach nicht mitbekommen, gegen das offensichtlichste Problem hier – die Armut. Aber es kann ja sein, dass das noch kommt. Ansonsten neigte sich alles dem Ende zu und das merkte man. Mit den Freunden noch ein letztes Treffen Im „Country Club“, was ein Schwimmbad ist, man jedoch eher als riesige Wiese zum Feiern mit See und einem Pool bezeichnen kann. Der See mag jetzt toll klingen, bringt einem jedoch nichts, da man dort besser nicht Schwimmen sollte aufgrund der Existenz von Krokodilen, die man hier anscheinend in fast jedem wilden Gewässer antrifft.

Mein älterer Bruder ist Tänzer und natürlich ist auch er in der Jahresendzeit sehr beschäftigt, und hat mich auch das ein oder andere mal mitgenommen. Das war wirklich super, denn so habe ich die Geschichte Paraguays als Ballett gesehen oder aber auch mal “nur“ „Die Schöne und das Biest“. Und wie so oft war auch diesmal die Vorstellung nicht einfach von Profis gemacht, sondern es trat die gesamte Tanzschule auf und so hat man neben faszinierenden Tänzen auch 3 bis 4-Jährige als Tassen verkleidet zu einem sexy Lied tanzen sehen. Das war für mich persönlich der Höhepunkt.

Ein anderer Punkt mit dem man im werdendem Sommer, oder überhaupt in Paraguay konfrontiert wird ist die lebhafte Tierwelt. Damit meine ich jetzt nicht nur Krokodile oder Papageie... Nein ich meine auch diese die das Leben eines Austauschschülers ganz genau kennlernen wollen und mir deswegen in meinem Zimmer Gesellschaft leisten. Darunter sind natürlich auch die üblichen Verdächtigen wie Ameisen, Fruchtfliegen, Spinnen und Mücken. Obwohl diese größer sind und einen schwarz weiß gestreiften Stachel haben. Mit den kleinen Eidechsen, die mich täglich besuchen kommen, komm ich noch ganz gut klar. Schließlich sind sie ungefährlich und ganz hübsch.

 

Was anderes dagegen sind die sehr häufig auftretenden rotbraunen Riesenkakerlaken (ca 5cm) die dazu noch knistern wenn sie auf- oder abtauchen. Fast jede Nacht sieht man welche. Anfangs sind sie noch eklig und schocken einen. Doch nachts wenn sich die Kakerlake sicher wähnt und langsam über dich krabbelt DANN bist du WIRKLICH angeekelt! Doch in Zukunft machen sie einem nur noch halb soviel aus. Und wenn du denkst der Ekel kann nicht größer werden... siehst du eine fliegende Kakerlake. Und dann eine schwarze fliegende Riesenzeckenkakerlake. Zwischendurch stattet dir ein Riesenfalter einen Besuch ab (geschätzte Spannweite 15-20cm). Aber mein persönliches Highlight war der süße kleine Skorpion dem ich nachts auf dem Weg zur Toilette begegnet bin…

Aber nicht nur von Tieren bekomme ich Gesellschaft, sondern auch das Leben mit der Familie hat sich normalisiert und ich fühle mich wie ein Mitglied ihrer. So bekomme ich dann auch oft ohne einen weiteren Kommentar gesagt, ich solle mich fertig machen, wir gehen gleich. Das kann dann nur das Essen bei den Nachbarn oder der Weg zum Supermarkt sein. Auch möglich ist es aber, dass man zu den Großeltern nach Asunción fährt oder gar eine Reise unternimmt bei der man mindestens eine Nacht weg bleibt. Ich habe mir nun aber angewöhnt immer nachzufragen, was ich denn brauche und das klappt dann auch meistens.

Auch interessant ist, wie man von den verschiedenen Familienmitgliedern vorgestellt wird. So bin ich für meine beiden älteren Geschwister noch die „Gastschwester“, während für meinen jüngeren Bruder gar nicht mehr die Frage besteht, ich sei nicht seine Schwester. Die schönste Beschreibung habe ich allerdings von meiner Gastmutter erfahren. Als jemand ans Auto kam musste sie mich vorstellen und dann war ich ihre „hija de corazón!“, ihre Herzenstochter! :))

So, das war es erst einmal wieder von mir. Wie Weihnachten, und überhaupt die Zeit der vielen Feste hier abgelaufen ist kommt in meinem nächsten Eintrag. Alles alles Liebe in die Metropolregion!! Afra