4.3.2019

Bericht #3 – von Reisen und Feiertagstraditionen

Konnichiwa liebe Metropolregion!

Ich melde mich aus dem wunderschönen Land der aufgehenden Sonne zurück. Es ist wieder so einiges passiert, von dem ich euch berichten möchte, von Reisen bis hin zu Feiertagstraditionen.

Anfangen möchte ich mit meiner kleinen Reise nach Nagasaki. Ende November bin ich zusammen mit den Austauschschülern meiner Region und einigen AFS-Mitarbeitern nach Nagasaki gefahren. Auch wenn wir ziemlich viel Spaß hatten, galt unser Ausflug nicht ausschließlich dem Vergnügen. Der eigentliche Grund war das Atombombenmuseum und einige andere geschichtliche Plätze zu besuchen, um uns über den Atombombenangriff am 9. August 1945 auf Nagasaki weiterzubilden. Vor allem das Museum war sehr bedrückend und hat uns alle ziemlich zum Nachdenken gebracht, besonders die ausgestellten, durch die Bombe zerstörte, Eigentümer von Menschen. Eine verbrannte Brotbox eines Schulmädchens, zerfetzte Kleidungsstücke oder auch Erfahrungsberichte waren die Dinge, die in mir die meisten Gefühle ausgelöst hatten. Doch auch genauere Details, die ich nicht in der Schule gelernt habe, zu erfahren, war ziemlich interessant und ich bin froh, dass mir dies ermöglicht wurde.

Ein paar Tage, nachdem wir wieder aus Nagasaki zurückgekommen waren, hatten ein anderer Austauschschüler und ich die Ehre den neu gewählten Bürgermeister von Miyama, meine Gaststadt, zu treffen. Wir redeten über die verschiedensten Dinge und es wurden auch Fotos gemacht, die in der Zeitung abgedruckt wurden. Dadurch, und auch, dass ich in einer recht kleinen Stadt auf dem Land lebe, erkennen mich inzwischen schon einige Menschen wieder, schauen mich an oder sprechen mich sogar an. Da Japaner aber eigentlich im Umgang mit Fremden sehr höflich oder distanziert sind, überrascht mich dies jedes Mal aufs Neue.

Dafür, dass ich im November relativ gemacht habe, ist Anfang Dezember, außer Schule, kaum etwas passiert. Erst als es auf Weihnachten zuging, sind wieder nennenswerte Dinge passiert.

Da wäre das Weihnachtskonzert, welches die Brass Band im Innenhof der Schule gegeben hatte. Wir spielten typische Weihnachtslieder, wie Jingle Bells, aber auch japanischen Pop. Auch wenn es draußen kalt und sehr windig war, hat es mir viel  Spaß bereitet.

Irgendwie empfand ich es dann doch als seltsam Weihnachtslieder zu spielen. Ich war überhaupt nicht in festlicher Stimmung und auch war kaum wirklich weihnachtlich dekoriert. Es gab zwar einen Weihnachtsmarkt in Fukuoka (einer großen Stadt in der Nähe) aber da ich dort nur ein einziges Mal war und dieser sich natürlich auch etwas von deutschen Weihnachtsmärkten unterscheidet, hat mich das auch nicht in Weihnachtsstimmung versetzt. Aber da in Japan nicht das Christentum, sondern Shintoismus und Buddhismus die Hauptreligionen sind, wird typischerweise kein Weihnachten gefeiert und so hat mich das auch nicht gewundert. Trotz allem kommt in manchen Familien mit kleinen Kindern der Weihnachtsmann und bringt Geschenke, doch lange nicht in dem Ausmaße, welches wir in Deutschland gewohnt sind. Da ich keine jüngeren Gastgeschwister habe, kamen bei mir nur meine erwachsenen Gastschwestern und deren Söhne zum Abendessen vorbei. Eine Weihnachtstradition gibt es hier dann aber doch noch: Weihnachtskuchen. Dies sind im Grunde eigentlich nur dekorierte Erdbeer-Sahne-Kuchen, die jedoch etwas überteuert sind. Es war wirklich schön ein so komplett anderes Weihnachten mit meiner Gastfamilie verbringen zu können, doch hat mir mein gewohntes Fest auch ein kleines bisschen gefehlt.

Einige Tage vor Heilig Abend hatten auch meine Winterferien begonnen, es war das erste Mal, dass ich in Japan Ferien hatte, doch so richtig frei hatte ich dann doch nicht. Es wurden extra Unterrichtsstunden angeboten, die von den meisten Schülern auch besucht wurden und Klubaktivitäten fanden auch noch statt. Ich habe zwar den zusätzlichen Unterricht nicht besucht, war aber trotzdem an den meisten Tagen mit Brass Band beschäftigt und war in der Schule.

An einem Tag, an dem ich komplett frei hatte, bin ich in einen Kindergarten, in dem Mochi, also kleine Reiskuchen, gemacht wurden. Zuerst wird der Reis mit Holzhammern in einer großen ebenfalls hölzernen Schale zu einer klebrigen, breiartigen Masse verarbeitet und dann zu kleinen Kugeln geformt. Beide Aktivitäten sind gar nicht so einfach, die Hämmer sind schwer und meine Arme haben sehr früh wehgetan, sodass ich es lieber den Profis überlassen habe. Ebenfalls arbeiten immer zwei Personen gleichzeitig mit den Hammern und man muss darauf achten diese nicht aneinanderzuschlagen. Die Reismasse ist klebrig und ziemlich schnell hat man von Reisbrei überzogene Hände. Als wir endlich fertig waren, durften die Mochis gegessen werden. In diesem Fall haben wir sie zusammen mit einer Suppe mit Gemüse gegessen. Mochi wurden auch auf einem Festival, das ich besucht habe, in die Luft geworfen und man sollte versuchen sie zu fangen. Ich habe tatsächlich zwei fangen können, doch schmecken diese nicht wirklich nach irgendetwas, wenn man sie pur isst.

Nach Weihnachten vergingen die Tage rasend schnell und das Jahr 2018 begann sich dem Ende zuzuneigen. Dass wir in Deutschland zum neuen Jahr selbst Feuerwerk zünden, hat meine Gastfamilie ziemlich zum Staunen gebracht, denn das wird hier nicht gemacht. Doch leise ist der Übergang ins neue Jahr auch nicht. An Tempeln wird mit einem Holzbalken, der mit einem Seil in Schwung gebracht wird, gegen große Glocken geschlagen. Auch ich durfte einmal das Seil in die Hand nehmen, den Balken in Schwung bringen und die Glocke damit zum Läuten zu bringen. Die Minuten werden aber nicht so genau beobachtet und so wurde im Radio auch erst einigen Minuten nach Mitternacht den Zuhörern ein frohes neues Jahr gewünscht. (Die Japaner sagen übrigens „akemashite omedetōgozaimasu“.)­

Am Neujahrsmorgen des Jahrs des Schweines (die Japaner benutzen auch das System der chinesischen Tierkreiszeichen), also 2019, haben wir dann gebruncht. Das Essen wurde in dekorierten Holzkisten angerichtet und bestand aus verschiedensten Dingen. Von Reis und Bohnen über Suppe, bis hin zu Fisch. Auch haben alle Anwesenden einen Schluck Sake aus Trinkschälchen und einer, Teekannen ähnelnder, Kanne getrunken. Ich bin morgens nicht wirklich in der Lage viel zu essen, doch gab es die Reste auch noch zum Abendessen und so konnte ich mehr von dem wirklich leckerem Essen essen.  In Japan ist es üblich den Kindern zum neuen Jahr Geld zu schenken und auch ich habe von meinen Gasteltern  3,000 Yen (umgerechnet circa 25 Euro) bekommen. Auch werden Grußkarten verschenkt, mit denen um gute Zusammenarbeit im neuen Jahr gebeten wird.

Am 2.Januar haben meine Familie und ich einen Tempel auf einem Berg besucht. Wir mussten zuerst eine Menge an Treppen hochsteigen und haben oben angekommen unsere Wünsche für das kommende Jahr gebetet. Man hat Münzen in die dafür vorgesehene Kiste geworfen, mit einem dicken Seil gegen einen Gong geschlagen, in die Hände geklatscht, sich verbeugt und schließlich gebetet. Religion spielt in Japan eine recht große Rolle und so waren wir natürlich nicht die einzigen, die dort waren, um ihre Anliegen vorzutragen.

Vom 9. bis zum 12.Januar habe ich eine weitere Reise unternommen. Doch dieses Mal nicht mit der Schule oder AFS, sondern mit meiner Gastschwester. Ich habe sie und ihren Ehemann in Osaka besucht. Von Osaka habe ich dann aber leider nicht ganz so viel gesehen, ich kam erst am Nachmittag an und so hatten wir nicht mehr allzu viel Zeit. Es war schon dunkel als wir auf die Aufsichtsplattform im Abeno Hotel gefahren sind und es war echt überwältigend wie groß Osaka ist. Man konnte in alle vier Himmelsrichtungen die Lichter der Stadt funkeln sehen. Am zweiten Tag ging es für mich und meine Gastschwester nach Kyoto, einer Stadt, die viele Sehenswürdigkeiten besitzt. Unsere Ziele waren viele verschiedene Tempel, Plätze, an denen es von Touristen nur so wimmelte, ob nun Ausländer oder auch Japaner. An diesem Abend sind wir auch Okonomiyaki essen gegangen, ein Gericht, für das Osaka bekannt ist. Den letzten vollen Tag meines Aufenthaltes habe ich in den Universal Studios Japan verbracht. Dies ist ein Freizeitpark, in dem die Attraktionen wie verschiedene Filme des Produktionsstudio Universal Studios dekoriert ist und teilweise auch kleine Welten oder Szenen nachgebaut sind. Außer den Attraktionen gibt es noch kleine Vorstellungen und es werden natürlich  auch Fanartikel  zu den Filmen verkauft, zum Beispiel Harry Potter oder Jurassic Park.

Am nächsten Tag, dem 12.Januar, hieß es wieder Abschied von Osaka nehmen und in meine kleine Gaststadt zurückzukehren. Nach der ganzen Aufregung und den riesigen Menschenmassen war dies aber wieder eine angenehme Abwechslung.

Im Januar habe ich auch noch eine Erfahrung gemacht, die es nicht in Deutschland gibt. Wir hatten gleich zwei leichte Erdbeben. Einmal der Stufe 4 und einmal der Stufe 3. Da diese aber nicht gerade stark waren, ist glücklicherweise nichts Schlimmes passiert. Man hat die Bewegung der Erde spüren können, es war kurz laut und ich habe mich beide Male erschreckt, da es total unerwartet kam. Mehr ist, zumindest in meinem Ort, nicht geschehen.

Etwas, dass ich nun auch schon einige Male erlebt habe, ist die „Feier“ eines Todestags von verschiedenen Verwandten. Sowohl bei mir zuhause, als auch schon in anderen Haushalten. Wichtig dabei ist, dass ich meine Schuluniform tragen musste und auch alle Anwesenden, was durchaus viele Menschen sein können, sehr ordentlich gekleidet waren. Alle sitzen bei der Zeremonie im Raum, in dem der Altar steht und ein Priester kontaktiert mit Hilfe von Gesang den Verstorbenen. Dies kann eine ganze Weile dauern und anschließend wird zusammen gegessen und geredet.

Und damit war Ende Januar auch schon die Hälfte meines Austausches vorbei und die Austauschschüler, die schon im März kamen und die Halbjahrprogrammschüler flogen am zweiten Februar wieder nach Hause zurück.

Der Februar hat für mich mit dem Abschied von einigen guten Freunden zwar etwas traurig angefangen, doch hatte ich kaum Zeit mich darauf zu konzentrieren, denn direkt am nächsten Tag ging es für mich mal wieder nach Fukuoka. Ich war mit meiner Gastfamilie auf dem Fukuoka Tower und habe, trotz den Wolkenbergen und dem Nieselregen die Aussicht genossen. Der Fukuoka Tower ist 234 Meter hoch und damit ein guter Aussichtspunkt. Man konnte das Meer, zu welchem wir kurz darauf noch hingelaufen sind, gut sehen und man hätte wohl  noch um einiges mehr sehen können, wenn das Wetter etwas besser gewesen wäre.

Am 9.Februar habe ich dann, dieses Mal zusammen mit meinen Gasteltern zusammen, zum zweiten Mal einen Onsen besucht. Dieser war wesentlich größer, als der erste und es waren auch mehr Menschen dort. Das Außenbecken war dieses Mal besonders angenehm, weil die kalte Luft und das warme Wasser einen starken Kontrast bilden.

Wenn man einen Onsen betritt, fühlt es sich, meiner Meinung nach, so an, als würde man in eine andere Dimension eintauchen. Es ist ruhig und friedlich und eigentlich hört man auch nur das Wasser leise vor sich hinplätschern. Ich kann komplett verstehen, warum es den Japanern so gut gefällt und kann es nur jedem empfehlen einen Onsen zu besuchen. Denn nicht nur das Wasser, sondern auch das Ambiente ist sehr entspannend.

So langsam beginnt es inzwischen auch schon wieder wärmer zu werden, der Frühling wird wohl bald  den Winter komplett ablösen und das merken auch die Blumen. Ich habe mit meinen Gasteltern Pflaumenblüten angesehen, die gerade angefangen haben zu blühen und war dort nicht die einzige. Viele Menschen hatten die gleiche Idee, vielleicht war aber auch der Grund dafür, zumindest teilweise, ein anderer. Denn in einem Tunnel waren geschnitzte Bambusrohre ausgestellt, die von innen mit Kerzen erleuchtet wurden. Es sah wirklich schön aus und die verschiedenen Muster und Bilder kamen in dem dunklen Tunnel besonders zur Geltung. Natürlich wurde auch keine Möglichkeit ausgelassen Geld zu verdienen und so konnte man Essen, wie zum Beispiel Takoyaki, an Ständen kaufen.

Am selben Tag hat in meiner Gaststadt eine Veranstaltung stattgefunden, die mich an Deutschland erinnert hat. Es wurde Sake direkt am Betrieb verkauft und viele Menschen waren dort, um zu trinken, zu essen oder eben Alkohol zu kaufen. Dabei musste ich sofort an das „Wein und Musik“ Fest in meiner Heimatstadt denken, bei dem auch Alkohol ausgeschenkt wird, man fröhlich beieinander sitzt und sich unterhält. So etwas hier in Japan zu sehen, hat mich zuerst sogar etwas überrascht, doch sind die Japaner begeisterte Alkoholtrinker. Mein Gastvater trinkt eigentlich jeden Abend beim Abendessen Alkohol und hat sich dementsprechend auch auf der Veranstaltung wieder welchen gekauft. Das Alter ab dem man hier legal Alkohol trinken darf ist 20. Dass man in Deutschland schon mit 16 beziehungsweise 18 Jahren Alkohol trinken darf, hat vor allem meine Klassenkameraden zum Staunen gebracht und natürlich wurde ich auch direkt gefragt, ob ich denn dann schon Alkohol trinke.

Die letzte Sache, über die ich euch etwas erzählen möchte, ist der japanische Valentinstag. In Japan wird dem Valentinstag große Wichtigkeit zugeschrieben. Überall steht Schokolade in Massen zum Verkauf und Mädchen und Frauen schlagen auch kräftig zu, schließlich können sie damit ihre Zuneigung ausdrücken. Aber nicht nur an Partner, sondern auch an Freundinnen wird gerne Schokolade oder sogar Selbstgebackenes verschenkt. Am White Day, der am 14. März ist, sind dann die Jungs an der Reihe die Mädchen zu beschenken.

In meiner Klasse haben wir Mädchen uns zusammengetan und alle Jungs als Gemeinschaft mit Schokolade beschenkt. Natürlich war dies eine Überraschung und die Jungs haben sich wirklich unglaublich gefreut.

Aber auch noch kurz nach Valentinstag haben einige Mädchen weiterhin Selbstgebackenes an Freundinnen verschenkt, schließlich geben sie sich bei ihren kleinen Keksen große Mühe und finden unter der Woche kaum Zeit, um zu backen. Auch ich habe von einigen Freundinnen etwas zum Valentinstag bekommen. Mit Fremden mögen Japaner zwar distanziert zu sein, doch wenn man sie besser kennenlernt sind sie sehr herzlich.

Nun, das war es jetzt erstmal. Vielen Dank für das Lesen meines Berichtes und bis zum nächsten, hoffentlich baldigen, Bericht.

Sophie :)