24.9.2015

Bericht #1 - Hola aus Panama

Ist es nicht vollkommen verrückt und unvernünftig, Freunde, Familie und Heimat für ein Jahr hinter sich zu lassen, um 18 Stunden später mehr als 9.000 km entfernt, quasi am anderen Ende der Welt, in der Fremde ein neues Leben zu starten…?

Ja, das ist es!

In diesem Webtagebuch möchte ich euch berichten, was sich aus diesem Sprung ins Ungewisse ergibt und wieso er sich trotz allen Umständen lohnt.

Seit etwas mehr als zwei Wochen bin ich nun schon in   Panama und kann es kaum erwarten, meine ersten Erlebnisse und Erfahrungen mit euch zu teilen.

Ich war diesen Sommer der letzte der elf jungen MRN-Botschafter, für den es in die „weite Welt” ging. Am 4. September, einem Tag, dessen Eindrücke ich nie wieder vergessen werde, startete für mich das Abenteuer meines Lebens. In einer Gruppe aus 33 Deutschen flogen wir über Miami nach Panamá, die auch als Panama-City bekannte Hauptstadt Panamas. Ich konnte es kaum abwarten, aus dem Flieger zu steigen.

Als der Pilot die 737 dann gegen neun Uhr Ortszeit im Dunkeln über Panamá sinken ließ, verschlug es uns allen beim Anblick der hell erleuchteten Wolkenkratzern den Atem. So fern von unserer schlafenden Heimat hießen uns tausende von Lichtern einer gigantischen Stadt willkommen. Panamas Abendluft war schwer und warm; der Geruch war zwar weniger „bananig“ als erwartet, jedoch nicht weniger einzigartig.       

Wir wurden nett von AFS Panama empfangen und fuhren gemeinsam in einem klapprigen Bus zum in der City gelegenen AFS-Hostel. Dort blieben wir zwei Nächte zum „Arrival Camp“, bevor wir am 6. September endlich alle zu unseren Gastfamilien fuhren.

Nach vier Stunden Busfahrt nach Chitré lernte ich an jenem Sonntagabend meine Gastfamilie kennen; Meinen Gastvater José, meine Gastmutter Shirley, meine Brüder Oldemar und Bryan (23 und 20), meine Schwester Alisson (18), Papagei „Tio“, Hund „Ewa“ und zwei Katzen. Eigentlich müsste ich die zahlreichen Cousins und Cousinen auch aufzählen, da diese hier tagtäglich vorbeikommen, schlafen und gehen wie sie wollen.

Wir leben in einem für panamesische Verhältnisse sehr großen Haus in Chitré, auf der Azuero-Halbinsel sieben Kilometer entfernt vom Golf von Panama (7°57’55.1″N 80°26’10.3″W).

Mit ca. 100.000 Einwohnern ist Chitré die Hauptstadt der Provinz Herrera. Da meine Familie ein Unternehmen mit ca. 20 Angestellten in der Druck- und Werbebranche besitzt, ist das Haus sehr groß und mit dem Namen „Calvo“ versehen. Der eigentliche Wohnraum beschränkt sich nur auf die Hälfte des mittleren Stockwerks, einen Garten haben wir nicht. Ich teile mir das Schlafzimmer mit meinen Brüdern, je nach übernachtenden Freundinnen, Cousins und Cousinen schlafen dann manchmal bis zu acht Leute in einem fensterlosen Raum.

Es galt die ersten Tage für mich in meinem neuen Leben Fuß zu fassen. Gar nicht so einfach, wenn man die Sprache nicht versteht. Die Kunst dabei ist es, die Leute immer freundlich anzugucken und zu zeigen, dass man sich wenigstens bemüht, ihnen zu folgen. Dazu gehört auch immer zustimmend zu nicken und „Sí“ zu sagen, auch wenn man nicht den blassesten Schimmer hat, worum es geht. Außer meinem ältesten Bruder Oldemar, der mir eine riesige Hilfe ist, spricht hier fast niemand Englisch.

In den ersten Tagen wurde ich etlichen Familienmitgliedern vorgestellt, verteilte Gastgeschenke, ging zum ersten Mal einkaufen, aß zum ersten Mal panamesisches Essen, kaufte meine erste Schuluniform und fand meine ersten Wege durch die Stadt. Wie ein kleines Kind beobachte ich die Menschen um mich herum und versuchte, mein Verhalten ihnen anzupassen.

Bevor dann noch für etwas mehr als eine Woche schulfrei war, ging ich mit meiner Gast-Cousine einen Tag lang zum Schnuppern in die Schule. Ein verrückter Morgen. Mit meiner hellen Haut, meinen blonden Haaren und blauen Augen blieb ich nicht lange unbemerkt und geriet schnell ungewollt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Blicke von allen Seiten stachen. Mir wurden viele Dinge hinterhergerufen und ich war froh, dass meine Cousine dabei war. Da ich mit meinen 1,84 Meter und meinem „europäischen Gesicht“ hier generell auf ein Alter von mindestens 19 Jahre geschätzt werde, wusste der Schulleiter gar nicht, was er mit mir machen soll. Etwas ratlos und belustigt zugleich saß er vor mir und zählte mir grinsend Namen von deutschen Fußballern auf, wobei ich nicht alle verstanden habe: „Mikela Bajack“ – Michael Ballack, zum Beispiel. Ich glaube, er wundert sich noch heute, warum ich kaum deutsche Spieler kenne. Nach drei Stunden war um 10 Uhr die Schule zu meiner Verwunderung aus.

In den darauffolgenden, schulfreien Tagen habe ich vier Reisen in Panama unternommen und kann behaupten -was nach nur zwei Wochen sehr außergewöhnlich ist— schon einiges von dem wunderschönen Land gesehen zu haben. Für einen Nachmittag ist Oldemar mit seiner Freundin, mir und Paula, einer Freundin aus Österreich, welche vor fünf Jahren ihr Auslandsjahr in Panama gemacht hatte, in den Süden an den Playa Venao gefahren (8°58’00.1″N 79°31’59.3″W). Ein einzelner, versteckter Strand, an dem Dank der guten Wellen schon internationale Surfwettbewerbe ausgetragen wurden.

An diesem Tag habe ich in einem See zum ersten Mal frei lebende Krokodile gesehen. Noch am selben Abend fuhr Oldemar mit einer Cousine und mir nachts nach Panamá. Nachdem wir einen Freund aus Spanien am Flughafen (an dem ich nur sechs Tage zuvor selbst stand) abgeholt hatten, bezogen wir die Betten im Haus unseres Onkels.

Panamá ist eine riesige, traditionelle und doch stellenweise sehr moderne Stadt in der ca. zwei Millionen Menschen leben (die Hälfte der Landes-bevölkerung). Die Übergänge zwischen Regenwald, Stadt und Pazifik verlaufen fließend – wunderschön. Während sich direkt an der Küste moderne Tower in den Himmel strecken, wandern am anderen Ende der Stadt kleine, bunte, dicht bebaute Häuschen die bewaldeten und wilden Berge empor. Nicht nur wegen der zentralen Lage am Panamakanal ist sie das politische, kulturelle und vor allem wirtschaftliche Zentrum des Landes.

Besonders beeindruckend ist die restaurierte und gut begehbare Küstenstraße (Cinta Costera), welche sich entlang der Wolkenkratzer an dem Markt der Meeresfrüchte vorbei bis auf die vereinzelten, vor der Stadt liegenden Inseln zieht. Mein Bruder hat mir auch die Ruinen der ehemaligen Piratenfestung Panama gezeigt, wegen seiner logistisch guten Lage hat Panamá eine sehr spannende und teils zwielichtige Vergangenheit. Nachdem wir zwei Tage in der Stadt verbracht haben, gingen wir, bevor wir heimfuhren, noch an eine Schleuse des Panamakanals und ins Kanalmuseum. Zwei Tage später waren wir schon früh morgens wieder mit dem Auto unterwegs. Diesmal ging es mit Oldemar und Aleix, dem Freund aus Spanien, sieben Stunden Richtung Nordwesten nach Bocas del Toro. Bocas ist eine Insellandschaft in der Karibik, nahe der Grenze zu Costa Rica und eine beliebte Destination für Touristen. Auf der Fahrt quer durch Panama habe ich zu sehen bekommen, dass das Land neben den wunderschönen Küsten und Stränden im Landesinneren noch ganz andere Schätze birgt. Palmen soweit das Auge reicht.

Nach saftig grünen Hügellandschaften fuhren wir über Berge auf Höhe der Wolken und durch Täler in denen einzelne indigene Stämme siedeln. Vorbei an einem Vulkan ging es tief in den Regenwald mit wunderschönen Wasserfällen und einer unglaublichen Vielfalt an bunten Obstbäumen und Vögeln. Auf diesem Abschnitt der Strecke hat es sich wirklich gelohnt, mal das Fenster runterzukurbeln und die Geräuschkulisse der Wälder zu genießen. Im Auto zu sitzen hat mir selten so viel Spaß gemacht.

Der Weg war das Ziel, aber es sollte noch besser werden. Mit einem kleinen Boot fuhren wir 20 Minuten auf die Hauptinsel (9°20’21.1″N 82°14’27.5″W). Man hatte mir nicht zu viel versprochen, die nächsten zwei Tage waren unbeschreiblich: Am ersten Tag waren wir auf Isla Carenero; palmengesäumter weißer Sandstrand mit schönen Strandbars an klarem blauen Wasser. Ich bin dort auf einige Deutsche getroffen und mein Bruder sagte mir, dass hier sehr viele Touristen aus Deutschland kommen.

Am nächsten Tag waren wir mit dem Boot auf verschiedenen Inseln. Allem voran Cayo Zapatilla, einer kleinen Insel auf der dschungelartige Palmenwälder in hellbeige Sandstrände und klares türkises Meer übergehen – atemberaubend (9°15’55.9″N 82°03’20.1″W). Fern von jeglicher Zivilisation trafen wir nur auf wenige „Gestrandete“. Urlaubsdestinationen, die man sonst nur aus dem Fernsehen oder Reisebüro kennt. Zum Mittagessen ging es auf eine andere Insel, vor der wir dann auch schnorchelten. Viele Inseln hier sind zu klein für jede Landkarte. 

Auf einer anderen Insel sahen wir auch Faultiere. Der Tag hat mich $38 gekostet, sinnvoller kann man so einen Betrag an Geld kaum investieren. Als wir erschöpft aber fröhlich am nächsten Tag mit dem Boot zurück zum Festland fuhren, sahen wir noch Delfine. Ich glaube ein Teil von mir hat sich in Bocas verloren.

Am letzten Wochenende fuhren wir mit einer Jugendgruppe unseres lokalen Betreuers und acht weiteren Austauschschülern mit dem Bus Richtung Osten in das bekannte Valley „El Valle de Anton“ (8°36’41.4″N 80°08’15.4″W).

Als ich an dem Morgen um 5 Uhr gerade an den ausgemachten Treffpunkt für die Fahrt lief, kam ein Polizeiauto auf der Straße neben dem Bürgersteig angerollt, das Fenster ging runter und mir wurde eine Waffe entgegengestreckt. Im selben Moment wurde hinter mir etwas gerufen. Ich drehte mich um und sah einen Polizisten zwei Meter hinter mir, der mich mit ebenfalls vorgestreckter Waffe aufforderte meine Hände zu heben. Ich war vom einen auf den anderen Moment hellwach und hob natürlich direkt meine Hände. Die drei Polizisten stellten mir einige Fragen. Als ich mit einer Mischung aus Spanisch und Englisch meine Situation erklärte, ließen sie mich mit den Worten “Sorry, hermano” gehen. Wonach sie gesucht haben weiß ich bis heute nicht, eine skurrile Situation...

Angekommen in El Valle sind wir auf einen Berg im Wald gestiegen. Die Aussicht war hervorragend bis es anfing in Strömen zu gießen und wir uns klatschnass auf den Weg nach unten machten. Dies war der Tag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben mitten im Wald an einer Liane geschwungen bin. Und erst vor ein paar Tagen habe ich erstmals eine gute Freundin aus Deutschland im Nachbardorf besucht.

Erlebt habe ich hier schon so viel und fühle mich lebendiger denn je. Ich realisiere langsam, dass mein großer Traum in Erfüllung gegangen ist und bin gespannt, was er noch mit sich bringt. In meiner Gastfamilie fühle ich mich sehr wohl und ich werde morgen zum ersten Mal offiziell in die Schule gehen.

Bis zum nächsten Mal, dann wohl mit einem „gewöhnlichen“ Schulalltag.

Herzliche Grüße in die Heimat                Euer Botschafter Julian