1.12.2015

Bericht #3 - Eine Reihe bedeutender Feiertage

Hola MRN,

ein weiterer wunderbarer Monat neigt sich nun allmählich dem Ende. Mit Freude lasse ich das Geschehene für euch Revue passieren.

Der November ist in Panama der „Mes de la Patria“, eine Reihe sehr bedeutender Feiertage werden den Monat über zelebriert. Beispielsweise die Prozesse der Unabhängigkeit von Spanien (1821) und Kolumbien (1903) sowie der 'Tag der Flagge'. Da ich in einer sehr traditionellen Provinz lebe, bot sich mir ein besonderer Einblick in die panamesische Kultur. Zu den berühmten Paraden 'Desfilen' haben sich die Städte besonders rausgeputzt, es wurden gigantische Umzugswägen gebaut und die Schulen und Vereine haben ihren aufwendigen Choreografien den letzten Schliff verpasst.

Menschen und Kamerateams aus dem ganzen Land kamen in die Region, sogar der Präsident ließ sich blicken. In diesen Tagen zogen Tänzer und Artisten begleitet von gewaltigen Musik-kapellen durch die Straßen. Da meine Familie einen Pavillon auf einem Podest direkt an der Strecke gemietet hatte, bot sich mir ein einzigartiger Blick auf das bunte Schauspiel aus artistischen Choreografien. Sobald die Sonne unterging wurde der Feierausnahmezustand ausgerufen. Die hübschen Reinas (gewählte Repräsentantinnen eines Stadtteils) tanzten in ihren prachtvollen Kleidern auf meterhohen, hell erleuchteten Wägen um die Wette. Feuerwerke zeichneten bunte Farben in den schwarzen Nachthimmel und die ganze Stadt zog tanzend und jodelnd hinter den Wägen durch die Gassen. Kultur pur, toll das hautnah miterleben zu dürfen.

Die schulfreien Tage habe ich genutzt, um viel im Land umherzureisen, manchmal nur mit einem Freund an meiner Seite oder gar alleine. Langsam wird es zur Gewohnheit spontan die Tasche zu packen und mit dem Bus irgendwo hinzufahren. Ein tolles Gefühl sich eigenständig und frei in einem fremden Land bewegen zu können. Da Panama größentechnisch recht überschaubar ist möchte ich am Ende des Jahres sagen können, überall gewesen zu sein. Reisen ist hier deutlich einfacher und entspannter als in Deutschland. Wenn auf dem Bus der Zielort steht, setzt man sich einfach rein, Reservierungen gibt es nicht. Die vier Stunden nach Panama-City kosten nur $9.

Mit der Schule haben wir einen Tagesausflug in die an Costa Rica angrenzende Provinz Chiriquí unternommen. Wir haben mit Bussen die verschiedenen Sehenswürdigkeiten der Provinz abgefahren und durften zu meiner Freude die Grenze zu Costa Rica für eine Stunde selbst passieren (8°32'02.3"N 82°50'20.1"W). Dort habe ich mir dann eine günstige Nachbildung des aktuellen Panama Fußballtrikots gekauft.

Wenige Tage später bekam ich für ein paar Tage Besuch von einem Freund aus Panama-City. Gemeinsam verbrachten wir ein paar schöne Tage bei verschiedenen anderen Austauschschülern aus der Provinz bevor wir uns zu dritt auf den Weg zum 'Gegenbesuch' in Panama-City machten. Angekommen im Wohnviertel meines Kumpels habe ich zum ersten Mal selbst erfahren was es heißt, in einer gefährlichen Gegend zu leben (9°05'32.1"N 79°22'53.7"W). Eine der Schattenseiten der doch so schönen Hauptstadt. Der Weg von der Bushaltestelle zu seinem Haus war jedes Mal unangenehm und in einer Nacht haben wir vereinzelte Schüsse gehört. Tagsüber haben wir verschiedene Sachen in der Stadt unternommen.

Da der Bruder meines Kumpels dort in einem der Hochhäuser wohnt, durften wir an einem Tag bei ihm im Towerpool mit toller Aussicht über die Stadt verbringen. Danach bin ich noch für eine Nacht zu einem anderen Freund nach Panama-Pazifico (8°54'05.3"N 79°34'43.9"W) gefahren. Der restaurierte Stadtteil auf der anderen Seite des Kanals, in dem die US-Army lange stationiert war. Stolz kann ich sagen in diesen Tagen weitere Facetten der vielseitigen Stadt gesehen zu haben, mehr und weniger schöne.

In der darauffolgenden Woche ging es mit ein paar Panameños und fünf AFSern aus Chitré wieder in die Hauptstadt, diesmal ins 'Estadio Rommel Fernández (9°02'06.8"N 79°28'11.4"W). Das große WM-Qualifikationsspiel gegen den direkten Nachbar Costa Rica stand bevor. Mit Trikots, Fahnen, Schals und Tröten sicherten wir uns schon vier Stunden vor Anpfiff die besten Plätze im Stadion. Auf den besonders kräftigen Support unserer kleinen Gruppe sind die Reporter schnell aufmerksam geworden, sodass sie kamen und uns interviewten. Mit den ersten Anrufen von Freunden wurde klar, dass wir es tatsächlich für über eine Minute in die offizielle Fernsehübertragung geschafft hatten. Die beiden Mannschaften lieferten sich einen ebenbürtigen Kampf und die Stimmung auf den Rängen war   spitze. Obwohl wir den 'Tícos' am Ende knapp mit 1:2 unterlagen, habe ich das Stadion heiser aber stolz verlassen. Insgesamt ein klasse Ausflug.

Der Höhepunkt dieses Monats war natürlich der AFS-Trip nach Bocas del Toro (9°18'48.1"N 82°13'29.3"W). Mit 25 Austauschschülern ging es für drei Nächte auf die karibischen Inseln, von denen ich schon in meinem ersten Bericht nicht aufhören konnte zu schwärmen. Auch wenn wir mit dem Wetter nicht so viel Glück hatten, wurde es für alle ein unvergesslicher Trip. Jeden Tag standen verschiedene Strände und Inseln auf dem Plan. Zum Glück unterschied sich das Programm von dem, das mein Bruder mit mir gemacht hatte sehr.

Wir sind auf verlassenen Inseln abseits des Weges durch den Dschungel gewandert, haben uns meterhohen Wellen gestellt, Delfine aus nächster Nähe bewundert, Beachvolleyball gespielt und vieles mehr. Auf jeden schönen Tag folgte eine unvergesslich legendäre Nacht, der Hotelbesitzer wird uns wohl auch noch eine Weile in Erinnerung behalten. 

Auch ein zweites Mal hat dieser Ort es geschafft, mich sprachlos zu machen.

Wenn mir letztes Schuljahr in Deutschland in der Schule die Augen für einen Moment zugefallen sind, habe ich von fernen Welten und karibischen Stränden geträumt und auf einmal bist du da, mittendrin.

Das klare rauschende Meer, der feine weiße Sand zwischen den Zehen, die Palmen um dich herum... alles scheint so unreal, zu schön um wahr zu sein. Ich weiß schon jetzt, dass ich genau das zurück in Deutschland sehr vermissen werde.

Grade heute hatte ich einen der schönsten Tage der bisherigen Zeit. Bis auf meine Schwester Alison und mich war die ganze Familie über das Wochenende verreist. Also beschlossen wir beide kurzerhand, ein Abenteuer zu suchen. Also liehen wir uns durch einen Anruf bei Papa José einen der alten Transporter des Unternehmens aus. Ich sollte so viele Freunde einladen, wie auf die Ladefläche passen. Bis drei Uhr morgens machten wir zwei gemeinsam den Wagen 'roadtrip-fertig'.

Am nächsten Morgen starteten wir mit sechzehn Leuten, Verpflegung, Musik, Surfbrettern, Hängematte, Grill, Volleyball und viel Euphorie in Richtung Playa Venao (7°25'55.9"N 80°12'03.4"W). Der wolkenlose Himmel setzte die an uns vorbeiziehenden Landschaften und das weite Meer mit seinen gigantischen Wellen besonders schön in Szene. Und dann kam der Moment, an dem ich zum ersten Mal auf einem Surfbrett war. Das war auch ein Art Traum, der auf einmal plötzlich in Erfüllung ging.

Für die Meisten war es das erste Mal, dafür haben wir uns echt tapfer geschlagen und hatten unglaublich viel Spaß. Wir surften bis die rote Abendsonne allmählich hinter den Hügeln verschwand und die ersten Sterne das dunkle Himmelblau erleuchteten. Zum Abschluss eines so perfekten Tages machten wir noch ein riesiges loderndes Lagerfeuer am Strand während aus den Boxen 'We don't look back in anger' erklang. Beim Heimfahren hatten wir von der Ladefläche aus einen malerischen Blick auf die vielen hell leuchtenden Sterne. Ob es die selben sind die ihr zuhause seht...

Nach drei Monaten voller Umstellungen kann ich sagen, dass das neue, komplett unterschiedliche Familienleben mir an meisten zu schaffen gemacht hatte. Die Unterschiede zu meiner deutschen Familie sind einfach gravierend.

In Deutschland bin ich mit zwei jüngeren Schwestern das älteste Kind. Familie und Gemeinschaft haben in unserem Alltag einen sehr hohen Stellenwert. Wir verbringen viel Zeit gemeinsam, essen nach Möglichkeit immer gemeinschaftlich und reden sehr viel miteinander.

Hier bin ich der Jüngste, meine drei Geschwister sind alle schon Volljährig. Wir leben alle unter einem Dach, jedoch oft aneinander vorbei. Jeder macht sein   eigenes Ding, ich komme mir oft vor als würde ich in   einer Wohngemeinschaft leben. Man schnappt sich den Teller und verschwindet, wir haben nicht mal einen Essenstisch. Da man tagsüber zusammen arbeitet, verbringt man die Abende oft für sich alleine, meist im Schlafzimmer vor dem Fernseher. Da das Unternehmen unter dem gleichen Dach wohnt, ist die Arbeit allgegenwärtig und es werden auch am Wochen-ende noch einige Kleinigkeiten erledigt, wodurch nicht viel von der wertvollen gemeinsamen Zeit bleibt.

Aber ich habe mich inzwischen daran gewöhnt und bin zuversichtlich, dass ich mich in den nächsten Monaten noch besser einbringen kann. Es ist nicht wirklich schlecht, es ist einfach anders. Trotzdem bin ich mir sicher, dass ich es mit meiner Familie richtig gut getroffen habe, dafür bin ich unglaublich dankbar.

Dass man von Anfang an als wirklicher Sohn der Familie angesehen wird wäre zu viel verlangt. Meiner Meinung nach ist es ein langer Prozess des Kennenlernens und der Annäherung, wenn man sich als festen Teil einer fremden Familie etablieren möchte. Ich habe meine Familie jedoch schon richtig ins Herz geschlossen und bin mir sicher, dass wir auf einem guten Weg sind.

Meine Eltern geben mir alle Freiheiten. Ich bewege mich hier völlig selbstständig und organisiere mein Leben selbst. Ohne Eigeninitiative würde sich hier kaum etwas tun, also nehme ich es selbst in die Hand. Ich genieße vollstes Vertrauen meiner Familie wodurch sie mich alles selbst ausprobieren lassen, mich im Zweifelsfalle auch auf die Nase fliegen lassen.

Für sie ist es kein Problem, wenn mal ein paar andere Austauschschüler zum Übernachten vorbeikommen. Doch egal wie schön der Trip ist, ich freue mich immer auch wieder nach Hause zu meiner Familie nach Chitré zu kommen.

Auch die panamesische Küche unterscheidet sich sehr von der unsrigen deutschen. Mindestens zweimal am Tag steht Reis auf dem Tisch, ich habe hier in drei Monaten mehr Reis gegessen als in 16 Jahren in Deutschland.  Abhängig von der kochenden Person schmeckt der Reis hier auch ohne das auf der Verpackung stehen muss dass er vom Fuße des Himalayas kommt, ja darüber kann man gerne mal nachdenken. Mit dem Reis gibt es fast immer Hühnchen, dazu werden oft verschieden zubereitete Kochbananen, Bohnen oder Linsen serviert. Drei warme Mahlzeiten am Tag sind normal. Genauso normal, wie alles was bei drei nicht auf dem Baum sitzt, zu frittieren. Nach etwas Gewöhnungszeit schmeckt es mir hier jedoch ganz gut, auch wenn ich nichts gegen etwas mehr Abwechslung hätte. Das frische günstige Obst jedoch ist einfach spitze.

Während meine Mitschüler noch zwei Wochen ihre Jahresabschlussexamen schreiben, haben für mich schon die Ferien begonnen. Da das neue Schuljahr erst Ende Februar startet habe ich nun jede Menge Zeit, so viel zu reisen und erleben wie möglich. Es ist schon einiges geplant, lasst euch überraschen.

Bald geht auch dieses Jahr 2015 zu Ende, ein Jahr in dem ich die beste Entscheidung meines bisherigen Lebens getroffen habe. Auch wenn hier im Restaurant gestern tatsächlich eine Salsa Version von 'Oh du Fröhliche' lief kommt hier bei 35° Hitze keine Weihnachtsstimmung auf. Keine Weihnachtsmärkte mit hellen Lichtern, großen Kinderaugen und Glühwein. Über Schnee oder einen echten Weihnachtsbaum brauche ich wohl gar nicht erst nachdenken.

Ich wünsche euch allen ein Frohes Fest und besinnliche Tage mit den Liebsten.

Feliz Navidad!

Euer Botschafter Julian