19.2.2016

Bericht #4 - “So hoch geflogen, so tief gefallen“

Liebe MRN, Hallo Leute

Dieser Bericht ist längst überfällig, jedoch brauchte ich diese Auszeit.

“So hoch geflogen, so tief gefallen“

Zwei Monate ist mein schwerer Unfall hier jetzt her, noch immer versuche ich alles zu verarbeiten.

Die letzten Wochen waren alles andere als einfach, wahrscheinlich die härtesten meines bisherigen Lebens.

Alles begann in der Nacht vom 16. auf den 17.  Dezember mit einer leichtsinnigen Entscheidung, einem folgenschweren Fehler. Ich versuchte die ausgebüchste Katze meiner Familie von einem der umliegenden Dächer zu holen. Nur wenige Tage zuvor war die andere Katze über Nacht überfahren worden und hatte Tränen in der Familie hinterlassen. Vom dritten Stock unseres Hauses war es ein leichtes auf die umliegenden Gebäude zu steigen. Neben stabilem Wellblech hatte dieses Dach jedoch kleine Aussparungen aus Plastik welche ich im Mondlicht kaum sehen konnte. So kam das Eine zum Anderen...

Ein lautes Krachen, im nächsten Moment lag ich auf dem harten Betonboden einer Halle. Ich versuchte aufzustehen doch brach direkt wieder zusammen. Gute fünf Meter über mir sah ich das Loch, durch das ich so eben gefallen war. Fahles Mondlicht, die pochende Schläfe am kalten Betonboden, warmes Blut auf der Haut. Ich fluchte, schrie. Noch war ich mir meines unglaublichen Glückes meinen Körper spüren zu können nicht bewusst. Immer wieder fielen mir die Augen zu.

Blaulicht eines Krankenwagens, Stimmen der Sanitäter, grelles Licht, vertraute Gesichter meiner Familie; alles geschah wie in Trance, hinter einer dicken trüben Glasscheibe. Die erste Nacht in der Notaufnahme zog sich ewig, noch schien alles wie ein schlechter Traum. Mit der aufgehenden Sonne und dem nächsten Tag kamen erste Diagnosen: Neben den starken inneren Blutungen hatte ich mir Frakturen an Handgelenk, Ellbogen, Oberschenkel und Hüfte zugezogen.

Während ich im stationären Bereich des Krankenhauses mit Schmerzmittel vollgepumpt wurde, arbeiteten AFS Panama und AFS Deutschland auf Hochtouren.

Alison, meine sonst sehr introvertierte Gastschwester, wachte ab der ersten Sekunde Tag und Nacht an meinem Bett. Meine AFS Freunde kamen, wenn es sein musste, auch gerne mal außerhalb der Besuchszeiten auf unerwünschtem Wege durch ein kleines Toilettenfenster an mein Bett.

Die Nachricht des ‚glücklichen Gringos’ der solch einen Sturz überlebt hatte, sprach sich sehr schnell im Krankenhaus rum. Nüchtern wartete ich auf den Operationstermin, der Tag für Tag nach hinten verschoben wurde. Die Nächte schienen endlos, rührungslos lag ich da und zählte hellwach die Minuten bis zum Morgen runter. Erstmals wurde mir richtig bewusst, wie fern ich von Zuhause war.

Um beste ärztliche Versorgung zu gewährleisten wurde ich in eine Privatklinik nach Panama Stadt verlegt.

Während ich in den Krankenwagen geschoben wurde sah ich ein letztes Mal verschwommen die traurigen Gesichter meiner Familie und Freunde.

Nach qualvollen holprigen vier Stunden Fahrt kamen Alison und ich am Abend des 19. Dezembers im „Hospital San Fernando“ an.

Gegessen und getrunken hatte ich schon seit über 60 Stunden nichts mehr.

Am nächsten Tag lag ich auf dem Operationstisch; der Oberschenkelhals wurde mit drei langen Schrauben, der zersplitterte Ellbogen mit einem Drahtgeflecht gerichtet. Ellbogen und Handgelenk wurden eingegipst.

Als ich aus der Narkose erwachte wartete bereits meine aus Deutschland eingeflogene Mama an meinem Bett. Über nichts auf der Welt hätte ich mich mehr gefreut. Unmengen an Kraft, aufmunternden Worten und Genesungswünschen brachte sie mir aus der so fernen Heimat.

Um mich vor multiresistenten Keimen zu schützen, wurden wir samt Rollstuhl in ein nahegelegenes Hotel verlegt. Dort sollte sich meine Mama um mich kümmern, bis mein Gesundheitszustand sich etwas stabilisiert hatte und ich zurück zu meiner Gastfamilie konnte. Für einen Moment schien alles gut zu werden.

Entgegen aller Erwartungen verschlechterte sich meine körperliche Verfassung in den folgenden Tagen jedoch drastisch. Kraft und Farbe schwanden vollkommen. Durch die inneren Verletzungen waren inzwischen vier Liter Blut in meinen Bauch geflossen.

Die Schmerzen fesselten mich ans Bett, bewegen konnte ich mich nicht. Zusammen mit den letzten Kraftreserven verlor ich meine sonst so positive Gesinnung, das einzige was mich über Wasser gehalten hatte. Ich wurde traurig und wütend, glaubte selbst nicht mehr daran, es schaffen zu können.

Es war keine Besserung in Sicht, aufzugeben schien um so Vieles einfacher. Das Angebot von AFS, mich mit dem nächsten Flieger zurück nach Hause zu Freunden und Familie zu bringen, war zu verlockend.

Meine Traumwelt hier schien auseinanderzubrechen, noch wollte ich jedoch nicht aufgeben.

Dann kam Heiligabend und ein Weihnachten, das ich nie vergessen werde. Während die anderen Austauschschüler bei ihren Gastfamilien traditionell Weihnachten feierten und mit Heimweh zu kämpfen hatten, lag ich neben meiner Mutter im Hotelbett und kämpfte darum, in Panama bleiben zu können.

Am 25. Dezember überraschten mich meine Gasteltern in der Lobby des Hotels. Sie hatten den weiten Weg aus Chitré auf sich genommen, um Weihnachten mit uns zu verbringen.

Gemeinsam fuhren wir auf die vor der Stadt gelegenen Inseln; frische Meeresluft und strahlende Sonne statt endlosen Krankenhausgängen und stickigen Hotelzimmern. Zu sehen, wie sich besonders meine beiden Mütter ohne gemeinsame Sprachkenntnisse auf Anhieb super verstanden, machte mich unglaublich glücklich.

Dieser wundervolle Tag, an dem ich erstmals wieder lächeln konnte, gab mir viel Kraft die restlichen Tage im Hotelbett zu überstehen.

Als der Doktor mich am 28. Dezember als transportfähig erklärte, überbrachte meine Mama mich nach Chitré. Dort hatte meine Gastmutter Shirley bereits die lokale Feuerwehr gerufen, welche mit Einsatzwagen und Blaulicht anrückte um mich mit sechs Mann in den zweiten Stock des Hauses zu tragen. So lernte meine Mama dann mein panamesisches Zuhause kennen. Sie hatte die Familie in Deutschland ausgerechnet über Weihnachten verlassen um mich am Tiefpunkt aufzubauen, ohne sie hätte ich es nie soweit geschafft. So plötzlich wie sie gekommen war, verschwand sie zwei Tage später zurück nach Deutschland, ein sehr emotionaler Moment. Noch eine Weile schaute ich im Rollstuhl sitzend dem Bus hinterher. Ich konnte also bleiben, kaum zu glauben.

Den Jahreswechsel feierte ich mit meiner Familie und einer guten Freundin. Demütig blickte ich zurück auf das Jahr 2015 und das, was es mit mir gemacht hatte.

Der Januar wurde zu einem sehr harten Monat: schlaflose Nächte, langweilige Tage im Rollstuhl, trübe Gedanken, Schmerzen und viel Therapie. Während die anderen Austauschschüler ihre Sommerferien an aufregenden Orten verbrachten, saß ich im zweiten Stock unseres Hauses im Rollstuhl fest.

Auf dem steinigen Weg der Genesung konnte ich immer voll auf meine Gastfamilie zählen. Sie munterten mich an grauen Tagen auf und gaben mir das Gefühl ein unentbehrliches Familien-mitglied zu sein. Wir verbrachten viel Zeit miteinander und rückten alle ein ganzes Stück näher zusammen.

Weitere Lichtblicke gaben mir die aufmunternden Nachrichten und Genesungswünsche aus Deutschland sowie Freunde, die mich besuchen kamen.

Therapie und Willensstärke zahlten sich aus, langsam aber sicher machte ich große Fortschritte.

Der Doktor staunte Mitte Januar nicht schlecht, die Röntgenbilder zeigten gut verheilte Brüche, auch einem künstlichen Hüftgelenk konnte ich scheinbar knapp entgehen.

Generell habe er in Panama noch nie so gute Knochen gesehen, sagte er. Mein Dank dafür gilt wohl Haribo und deutschen Milchkühen. Über einen Monat früher als erwartet durfte ich nun anfangen mein Bein zu belasten. Für ihn ein kleines Wunder „Made in Germany“.

Das Kämpfen hatte sich gelohnt.

In den nächsten Tagen fand das lange herbei-gesehnte AFS Midstay-Camp statt. Wie immer war die gemeinsame Zeit mit den anderen Austauschschülern grandios, besonders nachts als wir Gitarre und Songtexte auspackten.

Mitte Februar, als das Haus meiner Gastfamilie mal wieder zum Austauschschülertreffpunkt wurde, kam die Nacht in der ich erstmals kleine Schritte ohne Krücken machte. Ein unglaubliches Gefühl wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Tag für Tag geht es nun voran, wortwörtlich ‚Schritt für Schritt’.

Sowohl die medizinische Versorgung hier in Panama als auch die von AFS eingeleiteten Notfallmaßnahmen haben mich sehr positiv überrascht. Dank der langjährigen Erfahrung der AFS Mitarbeiter, hatte ich zu jeder Zeit das Gefühl in guten Händen zu sein.

Das also waren meine letzten zweieinhalb Monate. Und obwohl sie schrecklich waren und mich an meine Grenzen gebracht haben, kann ich so viel Positives daraus ziehen. Ich habe bei meinem Sturz aus dieser Höhe unglaubliches Glück gehabt. Der Gedanke, dass ich mein Leben hier beinahe verloren hätte, macht mir bis heute noch Tag für Tag sehr zu schaffen. Meine Narben werden mich noch in fünfzig Jahren an mein großartiges Auslandsjahr erinnern.

Ich bin gefallen und doch wieder aufgestanden, habe nicht aufgegeben, sondern an meinen Träumen festgehalten. Viele tolle Menschen haben mich dabei unterstützt und stets an mich geglaubt. Ich bin unglaublich froh noch hier zu sein, fünf weitere Monate bleiben mir noch ehe ich Ende Juli aus diesem Traum erwachen muss. Durch die extrem emotionalen letzten Wochen ist die Beziehung zu meiner Gastfamilie noch fester und tiefgründiger geworden. Natürlich hätte ich mir meine Sommerferien anders vorgestellt. Aber ich bin endlos froh gesund und munter zu sein, und das ist doch das Wichtigste!

Viel lieber hätte ich euch einen Bericht über Panama und seine Kultur geliefert. Der Dezember hatte mit einem einwöchigen Besuch bei Freunden in der Stadt Penonome super begonnen: Aufregende Abenteuer, selbstgebackenen Plätzchen zum Muttertag und vieles mehr. Leider ist all das in den letzten Wochen jedoch sehr in den Hintergrund geraten.

Bald werde ich euch wieder mit vollem Elan über Land und Leute berichten können.

Bis dahin, Hals- und Beinbruch

Euer Botschafter Julian