11.4.2016

Bericht #5 - Innerhalb von zwei Wochen vom Rollstuhl aufs Surfbrett

Innerhalb von zwei Wochen vom Rollstuhl aufs Surfbrett und raus in die weite Welt.

Verehrte Leser,

Das Auslandsjahr hat mich gelehrt so ausweglos die Situation auch scheint stets an meinen Träumen festzuhalten.

Nach zwei Monaten Rollstuhl kehrte mit den ersten Schritten wieder Normalität in mein geliebtes Panamaleben ein. Aber was ist denn bitte hier in Panama schon ‚normal’?

„Los Carnevales“ waren es auf jeden Fall nicht!

Der panamesische Karneval zählt zu den größten in der Welt. Für vier Tage und Nächte herrschte im ganzen Land Ausnahmezustand. Angeheizt von lateinamerikanischen Rhythmen, leichtbekleideten Tänzer-innen und Unmengen an Alkohol feierten die Menschenmassen Tag für Tag ausgiebig unter Panamas strahlender Sommersonne.

Während die zahlreichen DJs die ganze Innenstadt beschallten und die Menschen zu Hunderten auf den Straßen tanzten, wurde aus riesigen Tanklastwagen Wasser auf die tobende Menge geschüttet. Das muss man sich als Europäer mal bildlich vorstellen: Wild in Bademode tanzende Männer und Frauen jedes Alters welche aus Schaumkanonen und Feuerwehrschläuchen bespritzt werden – und das alles passiert mitten in der Innenstadt um die Kirche herum! Zur Krönung dieses verrückten Spektakels flog plötzlich ein Helikopter über unsere Köpfe hinweg und ließ hunderte, an kleinen Fallschirmchen befestigte Bierdosen auf die klatschnasse Menge herab.

Mit dem Anbruch der Dunkelheit begann der feurige Kampf der tanzenden ‚Reinas/Königinnen’ auf ihren majestätisch geschmückten, hell erleuchteten Umzugswägen. Begleitet von Rhythmuskapellen zogen sie durch die Straßen, tanzten, winkten und lächelten um die Wette. Mit einem riesigen Feuerwerk, der Krönung der Reina und einer letzten Disconacht fand die aufregende Karnevalzeit ihr Ende.

Jedoch hat das farbenfrohe Fest auch seine Schattenseiten. Viele einfache Bürger verfeiern über die Karnevaltage Unmengen an Geld welches sie eigentlich gar nicht haben. In die prachtvollen Umzugswägen und die gigantischen Feuerwerke werden mehrere tausend Dollar investiert. Geld, das dieses Land und vor allem die einzelnen Familien viel nötiger hätten.

Das zweite große Problem hängt mit dem Wasser zusammen: Hier auf der Azuero Halbinsel ist seit Ende November kein Tropfen Regen mehr gefallen. Stellenweise gleicht die Landschaft bereits einer Steppe, viele Haushalte haben täglich nur für ein bis zwei Stunden Wasser! Der Vergleich von Luftaufnahmen aus den vergangenen Jahren zeigt, dass die Region von Jahr zu Jahr trockener wird. Die Leute wissen um diese Problematik, dennoch wird den Flüssen Jahr für Jahr an Karneval das letzte Wasser entzogen! Zum Glück neigt sich die Trockenzeit nun endgültig dem Ende, sodass sich die Region allmählich wieder erholen kann.

Am Wochenende nach Karneval ging es mit meiner Familie und zwei deutschen Freundinnen, welche wegen Gastfamilienwechsels vorrübergehend bei uns wohnten, nach Santa Fé, Veraguas (8°30'46.5"N 81°05'32.6"W). Dort in den Bergen liegt das bescheidene Elternhaus meines Vaters, direkt an einem Fluss. Mit zunehmender Fahrtdauer wurde die Landschaft immer grüner sodass wir sogar vereinzelte Nadelbäume zu sehen bekamen.

Als wir dann am frühen Abend ankamen, staunten wir nicht schlecht; Dschungelkulisse bei   angenehmen 20°C. Das kleine Haus war sehr einfach gebaut, statt einer richtigen Küche   wurde an einer Feuerstelle gekocht.

Als kleiner Junge ist mein Vater dort in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, Fleisch beispielsweise konnte sich die Familie nur einmal im Monat leisten. Wie viele Panameños hat er sein Glück in der Stadt versucht. Mit Erfolg, nach sehr schweren Jahren und Schicksalsschlägen besitzt er heute ein eigenes Unternehmen, vergessen wo er herkommt hat er jedoch nicht. Immer wenn ich mit ihm darüber rede, lässt sich die Dankbarkeit aus seinen Augen lesen.

Während die Familie die Matratzen im Haus bezog, entschieden wir drei Austauschschüler die Nacht draußen in Hängematten zu verbringen. Noch bevor die Sonne aufging wollte ich am nächsten Morgen einen Spaziergang auf einen der umliegenden Berge machen. Als mein Wecker um 5:30 klingelte, war meine Gastoma schon auf den Beinen. Also beschloss ich, ihr zu helfen. Wir hatten gerade das Feuer zum Kochen entfacht als meine Mutter sich zu uns gesellte. Gemeinsam kochten wir für die schlafende Meute ein typisch panamesisches desayuno ‚Frühstück’ bestehend aus hojaldras ‚frittierten Teigfladen’ und salchichas picadas ‚Würstchen in würziger Soße’.

Gestärkt, nutzten wir den Tag um an den Fluss zu gehen und etwas mehr von der Umgebung und der Natur zu sehen. Abends ging es dann zurück nach Chitré, stets der untergehenden Sonne entgegen.

Wenige Tage später fuhr mein Bruder Bryan mit seiner Freundin, mir und zwei Freundinnen für eine Nacht an den Playa Venao. Den Strand, zu dem ich seit meiner ersten Woche in Panama eine ganz besondere Verbindung habe. Diesmal campten wir jedoch nicht direkt am Strand sondern schliefen auf einem der umliegenden Hügel in der Wohnung eines Freundes. Von den Hängematten auf dem Balkon bot sich uns ein malerischer Blick auf die Strandbucht.

Ärgerlicherweise holten wir uns nachts um elf auf dem Weg zur Stranddisco einen platten Vorderreifen. Mein Bruder machte sich schon auf die Suche nach der Nummer der Pannenhilfe als ich ihm sagte, dass man als deutscher Junge vom Land durchaus weiß, wie man einen Reifen wechselt. Gesagt, getan, nach einer halben Stunde war der Ersatzreifen angebracht, der Abend war gerettet.

An dieser Stelle gehen Grüße an meinen Papa nach Deutschland.

Der Vollmond spiegelte sich auf der Wasseroberfläche und schien hell auf den Strand hinab. Mit Meeresrauschen im Hintergrund und einem wundervollen Blick auf die Sterne schlief ich in dieser Nacht auf dem Balkon ein.

Die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen kündigten einen tollen Strandtag an. Also ging es rauf auf die Surfbretter und rein in die Wellen! Ein unglaubliches Gefühl von Freiheit nach so langer Zeit endlich wieder auf dem Brett zu stehen.

Die drei monatigen Sommerferien neigten sich nun allmählich dem Ende. Es wurde Zeit sich von denjenigen, welche nur ein halbjähriges Programm hatten, zu verabschieden. Unreal, wie schnell die Zeit verging. Wir haben eine kleine Party am Strand organisiert, wodurch der Abschied jedoch keineswegs einfacher wurde.

Doch so wie die einen gingen, kamen neue Austauschschüler nach Panama, sodass ich jetzt   sogar einen thailändischen Gastcousin habe. Wenn ich die ‚Neuen’ sehe, erinnere ich mich gerne an meine ersten Tage hier zurück. Obwohl es mir einerseits vorkommt als wäre es gestern gewesen, ist andererseits seitdem unglaublich viel passiert. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wo ich in meinem Leben stehen würde, wenn ich den mutigen Schritt nach Panama nicht gewagt hätte.

Anfang Mai waren die Sommerferien vorbei. Ich hatte mich grade damit abgefunden, dass nun der panamesische ‚Ernst des Lebens’ wieder beginnt, als die Schule auf Grund von Restaurationsarbeiten nach drei Tagen wieder unbefristet schloss.

Also packte ich die Taschen und fuhr meine Freunde in Penonome, Coclé (8°33'34.0"N 80°21'19.4"W) für ein paar Tage besuchen.

Penonome ist eine schöne überschaubare Stadt auf halber Strecke zwischen Panama und Chitré. In den Gast-familien zwei Berliner Freundinnen bin ich inzwischen ein gerne gesehener Gast.

Vor meinem Unfall hatte ich im Dezember schon eine tolle Woche dort verbracht. Auch diesmal hatten wir wieder eine sehr schöne Zeit zusammen.

Der Arzt hält meine schnelle Genesung immer noch für ein kleines Wunder.  Trotzdem empfiehlt er mir bis Ende des Jahres keinen Sport zu treiben. Jeder der mich kennt weiß, wie schwer mir das fallen wird.

Auch heute, vier Monate nach meinem schweren Unfall, vergeht kein Tag an dem ich nicht daran denke. Oft kehre ich zu der Halle zurück, in der ich in jener Nacht fast mein Leben gelassen hätte. Ich glaube mein Unfall hat mich dankbarer gemacht, mir gelehrt jeden Tag wertzuschätzen.

Kleiner Funfact zum Schluss:

Die Frauen die hier in den Supermärkten die Kühlregale einräumen tragen oftmals Wollmütze, Winterjacke und Handschuhe.

Nächstes Mal erzähle ich euch etwas über Costa  Rica und meinen ‚ersten Geburtstag im zweiten Leben’.

Bis dahin,

euer Botschafter Julian