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28.8.2019

Bericht #11 – Mein Jahr im Überblick

Leandra Ebel, USA, MRN SAP

Mein Name ist Leandra Ebel, ich bin 16 Jahre alt und mein vergangenes Schuljahr verbrachte ich in Guilford Connecticut, einer Kleinstadt im Nordosten der USA. Seit einigen Wochen bin ich nun wieder zurück in Deutschland und auch, wenn schon so langsam das Fernweh an der Tür klopft, habe ich mich hier unerwartet schnell wieder eingelebt. 

Um diese Zeit vor einem Jahr war ich voller Vorfreude und Aufregung im Packfieber und bereitete mich auf meine Reise vor, die am 8. August 2018 am Frankfurter Flughafen begann. Gedanken an diesen ausschlaggebenden Tag versetzen mich in gemischte Gefühle von einerseits Begeisterung und Neugierde, aber auch Aufregung und Nervosität. Nach einem nicht sehr angenehmen Abschied von meiner Familie saßen meine neue Freundin, mit der ich heute noch gut im Kontakt bin, und ich endlich im Flieger mit weiteren 50 deutschen Austauschschülern. Das unvergessliche Abenteuer konnte endlich beginnen, dachten wir, und starteten in Richtung New York City, wo wir acht Stunden später ankamen. 

Wenn ich heute gefragt werde, wie es denn in Amerika war, sage ich immer nur “gut” und schmunzel ein bisschen über die knappe Frage, die man ja so simpel und schnell wie erwartet unmöglich beantworten kann. Jemand gab mir vor meiner Reise auf den Weg, dass ein Auslandsjahr wie eine Achterbahnfahrt ist - es hat seine Höhen und Tiefen. Nach eigenen Erlebnissen und Erkenntnissen kann ich das nur bestätigen - damit wurde definitiv ins Schwarze getroffen. Daher ist es mir gerade ein Rätsel wie ich alle meine unglaublichen Erfahrungen, Bekanntschaften und Erlebnisse in Worte fassen und auf Papier bringen könnte; doch dies ist mein Versuch einer kompakten Zusammenfassung. Die monatlichen Berichte für den Blog als junge Botschafterin der Metropolregion Rhein-Neckar halfen mir außerdem dabei, mich mit den neuen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Schreiben im Allgemeinen ist eine besonders gute Methode zur Selbstreflektion - eins der Dinge, die mir meine Gastmutter lehrte. 

Der “Sprung aus dem Nest” fiel mir anfangs nicht sonderlich schwer. Mit meiner Gastfamilie verstand ich mich von Anfang an gut und da die ersten drei Wochen meines Aufenthalts noch Sommerferien waren, hatte ich die Möglichkeit mich einzugewöhnen, alles für die Schule zu regeln und das Wichtigste: Leute kennenzulernen. Durch meine fast gleichaltrige Gastschwester und meinen älteren Gastbruder hatte ich die Chance schon einige Menschen kennenzulernen, bevor die Schule überhaupt anfing. In der Schulzeit aber lernte ich natürlich noch mehr Leute kennen und fand schnell Freunde, die mehr oder weniger echte Freunde waren, da das Wort Freundschaft in Amerika etwas anders definiert wird als bei uns in Deutschland. In den Staaten ist es nämlich, wie sich herausstellte, etwas sehr Tolles viele Leute zu kennen und mit ihnen “befreundet” zu sein. Man versteht sich eben gut mit einer großen Anzahl von Menschen, aber nur zu einem gewissen Grad. Zwischenmenschliche Distanz ist oft der Normalfall, auch wenn es anfangs anders scheinen kann. Kontakte zu knüpfen fiel mir anfangs also leicht. Mit etwas Offenheit und Mut war es nicht schwierig Bekanntschaften zu machen - viele Schüler waren freundlich und interessiert. Doch einige, die mich am ersten Tag beispielsweise als “friend” bezeichneten, sagten am nächsten Tag nicht mal mehr Hallo. Über ein halbes Jahr kostete es mich, richtige und “wahre” Freunde zu finden; doch das war es auch wert! 

Das alles bemerkte ich als großen Unterschied der Mentalitäten und des Umgangs der Menschen miteinander, in Deutschland und in den USA. “Smalltalk” zum Beispiel ist in Amerika stark verbreitet - womit ich persönlich zwar schnell klar kam, weil ich sowieso relativ viel rede - trotzdem war es anfangs ungewohnt. Zurück in Deutschland fiel mir die ungewohnte Direktheit und Nähe der Menschen besonders auf, ob in meiner Familie oder mit meinen Freunden, was sehr interessant aber wieder gewöhnungsbedürftig war.

Unser AFS-Komitee in der Region war eine vielfältige Gruppe zwischen Austauschschülern und Betreuern und wurde nach einiger Zeit eine gute Gemeinschaft. Unsere häufigen Treffen waren wegen der großen Distanzen und der Gebundenheit ans Auto leider nicht immer einfach. Das unabhängige Reisen mit Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln, wie wir europäische Austauschschüler es gewohnt waren, war auf einmal überhaupt nicht mehr einfach. Dass ich Fahrradfahren einmal so sehr vermissen würde, hätte ich mir nie vorstellen können - genau wie Brot essen! Jedenfalls durften wir einerseits von AFS aus im ersten Semester noch gar nicht alleine reisen und andererseits waren die Bedingungen suboptimal. 

Leider konnten außerdem die auf den deutschen Vorbereitungsseminar versprochenen von AFS unabhängig angebotenen Reisen durch die USA nur wenige Austauschschüler genießen, weil die meisten Termine nicht mit den Schulferien übereinstimmten. Aufgrunddessen wurden diese Angebote nicht von AFS und den Schulleitungen zugelassen, was vorher nicht erwähnt wurde. Einige Austauschschüler hatten sich wie ich sehr darauf gefreut und wurden enttäuscht.

Durch Schule jedoch, öffneten sich Türen für mich, über die ich nie zuvor auch nur nachgedacht hatte. Ich belegte Kurse wie Chor und Theater - Bereiche, in denen meine Stärken nicht unbedingt lagen, jedoch letztendlich sehr durch das außergewöhnlich gute Kunst-Departement an der Guilford High School gefördert wurden. Kurse wählt man individuell am Ende jeden Schuljahres. Es gibt in jedem Fach verschiedene Level, so dass jeder seinen Fähigkeiten entsprechend die jeweiligen Kurse belegen kann. Die Schule, auf der ich war, nannte sich High-School und umfasste die 9. bis 12. Klasse. Verschiedene Schulabschlüsse gab es nicht, denn in Amerika geht jeder Schüler bis zur 12. Klasse in die High-School. Danach gingen die meisten aus meiner Schule aufs “College”, also auf die Universität. Die Rate der Studierenden nach dem Abschluss an der “Guilford High School” war über 95%, was im Vergleich zu anderen Schulen in Amerika nicht sehr gewöhnlich ist. Es herrscht ein landesweit ausgeprägter Wettbewerb um Studienplätze, aufgrund der hohen Kosten. Dies merkte ich schon in der High School, da das ganze “Senior Year”, also die zwölfte Stufe, eine Vorbereitung auf das Studieren ist. Die Schüler sind häufig einem hohen Druck ausgesetzt um in akademischen, athletischen oder außerschulisch aktiven Bereichen großartige Leistungen zu bringen und somit hinterher gute Stipendien für Universitäten zu bekommen. 

Neben den hohen Anforderungen im Unterricht merkte ich dies besonders im Bereich Sport. 

Im Herbst spielte ich für das Schulteam Volleyball, auf einem Level, das ganz anders war als gewohnt. Jeden Tag wurde intensiv trainiert um bei Spielen gegen andere Schulen im Staat die besten Plätze zu erreichen. Im Winter begann ich mit einer komplett neuen Sportart, die ich vorher noch nie für mich entdeckt hatte: dem Fechten. Anfangs fiel mir die Sportart noch schwer, doch nach viel Übung im Training und durch die Wettkämpfe, wurde ich am Ende der Saison sogar Zweite in unserer Liga im Staat Connecticut. 

Im Frühling wurde ich in vielen Bereichen sehr aktiv. Ich entdeckte das Schwimmen für mich, sowie das Streckenlaufen wo ich an 5 bis 10-Kilometer Läufen teilnahm, sowie Yoga und Achtsamkeitsmeditation. Außerdem setzte ich mich für einige Dinge ein wir für den Klimaschutz durch den Umweltclub an der Schule und ging auf Streiks und Kundgebungen, wie z.B. für eine Gesetzesänderung, Plastiktüten in unserer Stadt Guilford zu verbieten, die von Jugendlichen initiiert wurde. Auf Protesten und Veranstaltungen engagierte ich mich für die Einschränkung der Waffengesetze in den USA. Außerdem setzte ich mich aktiv durch Teilnahme der “Clubs” (Schul-AG´s) für Gleichberechtigung, Frauenrechte und LGBTQ-Rechte ein. 

Durch meine außergewöhnlichen Kurse in der Schule, meine verschiedenen interessanten Geschichtsklassen, die neuen Sportarten und mein aktives Engagement lernte ich viel Neues sowohl über Demokratie, Gerechtigkeit, Mitspracherecht und soziale Gemeinschaften, als auch über Verhältnisse zwischen Menschen und Unterschiede sozialer Klassen in den USA.

Darüberhinaus fällt mir immer wieder auf, wie viel ich durch meine Erlebnisse und neuen Erkenntnisse über mich selbst gelernt habe: raus aus dem Hotel Mama, rein in das Fremde, in die Welt hinaus - durch das Kennenlernen neuer Leute, das Leben in einer fremden Familie, die neue Schule, in einer fremden Sprache sprechen, lesen und lernen (was anfangs nicht immer einfach war) und durch neue Aktivitäten und Beschäftigungen. Auf einmal entwickeln sich neue Interessen und man beginnt sich an eine neue Lebensweise, Kultur und deren Bräuche zu gewöhnen. Außerdem lernt man sich selbst auf eine neue Art kennen, entdeckt neue Stärken, bekommt andere Ansichten und betrachtet Dinge aus neuen Perspektiven. Man entwickelt mit der Zeit eine höhere Toleranz und Empathie. 

Daher ziehe ich das Fazit, dass ich Vieles über mich selbst, über andere Menschen, deren Leben und insbesondere auch über deren Land, Familien und Umgebungen herausgefunden habe. Viele Dinge wie Selbstbewusstsein, -vertrauen und -akzeptanz konnte ich weiterentwickeln. Dieser große Schritt hinaus in die Welt öffnete mir die Augen in unterschiedlichste Richtungen. Auch ich erzählte den Menschen dort einiges über meine Kultur und repräsentierte mein Land, meine Region und mein Leben immer mit Freude. Meine Herkunft wurde mir im Ausland sehr bewusst, und zwar nicht nur weil ich immer “die Deutsche” genannt wurde, sondern weil ich mich auf einmal damit identifizierte. Genauso fühlte ich mich auch wie eine Amerikanerin.

An dieser Stelle möchte ich mich ein weiteres Mal bei meiner Gastfamilie bedanken, für all das, was jeder einzelne zu meinem Wohl beigetragen hat, für die Hilfe, die ich erhielt, wenn ich Probleme hatte, für das “mich von einem Ort zum anderen zu bringen”, und nicht zuletzt dafür, dass wir gute Freunde geworden sind. Mich durch diese großartigen Monate von Aufregung und Veränderung geduldig und verständnisvoll zu begleiten; ist etwas besonderes, was nicht selbstverständlich ist.

Meinen Eltern möchte ich außerdem einen großen Dank aussprechen, ohne die mein Auslandsjahr gar nicht möglich gewesen wäre. Sie gaben mir die Gelegenheit solch lebenswichtige Erfahrungen zu machen und unterstützten mich in jeder Hinsicht, sogar von der “anderen Seite des großen Teichs” aus!

Die Zeit im Ausland öffnete mir eine Welt, in der ich nicht aufgewachsen war, die jedoch immer ein Teil von mir bleiben wird, und die im Nachhinein viele Vorteile mit sich bringt - unter anderem die Sprache. Um solche Erfahrungen zu machen und Erkenntnisse über sich selbst herauszufinden, um eine Sprache fließend sprechen zu können, über Menschen und ihre Lebensweisen Neues zu lernen und an deren Leben teilzunehmen, um einen anderen Teil der Welt kennenzulernen, muss man einfach eine längere im Ausland verbringen. Daher bedanke ich mich vielmals bei meiner Organisation AFS und meinen Stipendiaten, die MRN GmbH und den mitwirkenden Unternehmen, die mir dazu verholfen haben, ein unvergessliches Jahr erleben zu dürfen.

Vielen herzlichen Dank 

Eure Leandra