29.9.2019

Bericht #1 – Ankunft in Norwegen und die ersten Wochen

Heihei fra Norge!

Ich bin jetzt seit sechs Wochen in Norwegen und mir geht’s prima :) Aber ich will am Anfang anfangen, nämlich der Abreise und der Ankunft in Norwegen. Am Freitag, den 16. August, bin ich um fünf aufgestanden, um alles einzupacken, was ich vergessen hatte (später hat natürlich trotzdem noch was gefehlt). Um halb acht haben sich alle Austauchschüler am Frankfurter Flughafen getroffen, wo wir uns schließlich von unseren Familien verabschiedet haben. Die Vorstellung, sie alle für zehn Monate nicht zu sehen, war für uns alle sehr seltsam und surreal. Im Flugzeug nach Oslo wurde es leider nicht viel besser, meine Gefühle waren gemischt, denn ich habe mich natürlich sehr auf meine Familie und alles, was ich erleben würde, gefreut, aber gleichzeitig schon mein altes Leben vermisst. Es war nicht gerade ein Vorteil, dass ich auch noch alleine neben fremden Norwegern saß und niemand zum Reden hatte.

Am Osloer Flughafen wurden wir von ein paar freiwilligen AFSern in Empfang genommen; wir haben noch auf die Spanier, Neuseeländer und Kanadier gewartet und sind in den Bus zum Arrivalcamp gestiegen. Im Bus ist meine Vorfreude dann gestiegen und ich war total gespannt auf das Wochenende. Dort haben wir hauptsächlich zusammen Zeit verbracht, um uns Grundkenntnisse in Norwegisch anzueignen und mehr über das Land, die Bräuche oder Verhaltensweisen zu lernen. Am Sonntag bin ich um neun aufgestanden, um einen Flug nach Trondheim Værnes zu nehmen. Außer mir leben noch drei andere Austauschschüler aus Frankreich und Spanien in Trondheim, mit denen ich auch geflogen bin. Ich hatte schon wieder Pech mit dem Sitz, denn ich saß auf der anderen Seite des Ganges, gegenüber von den anderen, also war ich erneut allein. Aber ich habe die Zeit genutzt um noch einmal die Beschreibung meiner Gastfamilie durchzulesen und zu hoffen, dass ich später nicht vor Aufregung die Namen vergessen würde. Als wir aus dem Flugzeug ausgestiegen waren, mussten wir ans andere Ende des Flughafens laufen, was nicht weit ist, denn er ist überschaubar, obwohl Trondheim die viertgrößte Stadt Norwegens mit den drittmeisten Einwohnern ist. Dann konnten wir endlich unsere Familien begrüßen. Das war wirklich ein Moment, den ich nie vergessen werde :) Wir haben noch auf die Koffer gewartet und sind dann im Auto nach Hause gefahren.

Ich habe zwei Geschwister, mein Gastbruder ist dreizehn Jahre alt und meine Gastschwester ist siebzehn. Am Sonntagnachmittag hat mich meine Gastschwester kurz in der Nachbarschaft herumgeführt, damit ich bald auch allein die Bushaltestelle finden würde. Wir haben zusammen gegessen und dann bin ich schlafen gegangen, denn ich war total erschöpft vom Wochenende. Zum Glück konnte ich am nächsten Morgen ausschlafen, weil meine Gastmutter und ich erstmal in die Stadt gefahren sind, um alles Formale zu klären. Außerdem haben wir einen Austauschschüler aus Frankreich und seine Gastmuter getroffen um uns ein bisschen die Stadt anzuschauen.

Meine Gasteltern hatten eigentlich geplant, mich auf die Schule meiner Gastschwester zu schicken, aber diese hat mich nicht angenommen. Also gehe ich jetzt auf eine andere Schule, zu der ich morgens eine Dreiviertelstunde Bus fahren muss. Und weil die Busse wirklich nie pünktlich sind und nur alle zwanzig Minuten fahren, muss ich meistens schon eine Stunde vor Schulbeginn loslaufen. Das ist natürlich nervig, aber die Charlottenlund Videregående Skole hat selbst angeboten, mich aufzunehmen, und das ist ein besseres Gefühl als in eine Schule zu gehen, die mich eigentlich nicht will. Außerdem bin ich mit allen Lehren und Schülern sehr zufrieden. Es gibt ein paar Schüler, mit denen ich meine Pausen verbringe oder die mir helfen, wenn ich etwas nicht verstehe. Bis jetzt verstehe ich im Unterricht (noch) nicht so viel, außer in Mathe, Französisch und Biologie/ Chemie/ Physik (und natürlich Englisch). Das sind die Fächer, wo ich mir viel selbst erarbeiten kann und wir viele Aufgaben bekommen. Wenn mir aber sehr langweilig ist oder ich überhaupt nicht mitkomme, lerne ich Norwegisch auf Duolingo :) Das geht, weil alle Schüler einen Laptop haben und diesen fast immer benutzen. Ich war es gewohnt, für jedes Fach ein Heft oder einen Ordner zu führen, aber hier ist fast alles digital. So kann man zum Beispiel die Hausaufgaben oder Projekte einfach auf dem Schulportal hochladen. Ein anderer Unterschied zu Deutschland ist die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern, die hier viel persönlicher ist. Zum Beispiel sagt man hier immer den Vornamen und duzt sich, aber das ist nicht nur in der Schule so. Außerdem hat mir jeder einzelne Lehrer seine Hilfe angeboten, falls ich mal welche brauche und die Klassenlehrer haben am Anfang des Jahres mit jedem ein Gespräch, um die Schüler besser kennenzulernen. Das alles macht die Atmosphäre in der Schule ganz anders und viel entspannter.

Mir ist allerdings auch aufgefallen, dass es hier nicht so einfach und schnell geht, Freundschaften zu knüpfen. Viele Norweger ergreifen nicht so gern Initiative wie Leute in Ländern wie der USA oder Lateinamerika, deshalb muss man als Neuling selbst auf andere zugehen. Was für mich aber eher ein Problem darstellt, ist, dass sich eigentlich alle schon aus ihrer früheren Schule kennen und ihren Freundeskreis schon „festgelegt“ haben. Trotzdem kenne ich mittlerweile ein paar nette Menschen, mit denen ich mein Lunsj essen kann :)

In Deutschland war ich in einem Zirkus und in einem Orchester, und ich bin total froh, dass ich beides mehr oder weniger ähnlich weitermachen kann. Meine Gastmutter hat einen Zirkus in der Innenstadt gefunden, bei dem das Trainieren sehr anstrengend ist, aber viel Spaß macht. Einmal haben wir professionelle Fotos mit aufwendigem Make-up und Kostümen für die Website gemacht. Ansonsten trainieren wir für kleine Auftritte oder Aufträge. Außerdem spielen meine Gastgeschwister in einer Marschkapelle einer Grundschule Horn und Euphonium, und dann konnte ich auch ganz einfach aufgenommen werden. Weil in dieser Kapelle größtenteils Kinder zwischen zehn und vierzehn sind, spielen wir andere Stücke als in meinem alten Orchester. Das macht mir aber nichts aus, denn wenn man dabei marschieren muss, ist es gleich nicht mehr so einfach :) Letztes Wochenende hatten wir unseren ersten Auftritt in diesem Jahr, denn in einer kleinen Stadt in der Nähe hat ein Probenwochenende stattgefunden und die Eltern konnten sich am Ende anhören wie wir Kinderlieder von „Knutsen og Ludvigsen“ spielen. Ich bin mir sicher, dass alle mitsingen könnten, weil wirklich jeder diese Lieder aus seiner Kindheit kennt.

Um die Instrumente und alles andere zu finanzieren, wird jedes Jahr ein riesiger Flohmarkt veranstaltet, der dieses Jahr an meinem zweiten Wochenende stattfand. Ich habe zwei Tage durchgängig Zuckerwatte, Popcorn und Kuchen im Flohmarktcafé verkauft. Das war anstrengend, aber hat total Spaß gemacht und war wahrscheinlich besser als Möbel schleppen. An einem anderen Wochenende waren wir in Tydal in der Hütte meiner Gastfamilie. Das ist ein Dorf so ziemlich am Ende der Welt, mit etwa achthundert Einwohnern, aber sehr niedlich und norwegisch. Wir hatten viel Zeit, um vor dem warmen Ofen zu sitzen, denn es war nicht gerade warm. Außerdem waren wir Pilze und Blaubeeren sammeln (etwas sehr wichtiges in Norwegen). Es war so schön, in der Natur zu sein und nicht einmal Autos zu hören, was in Deutschland schon schwierig sein kann. Außerdem gab es einmal ein kleines Treffen von den AFSern in Trondheim mit einer Tour durch den Nidarosdom. Das war das erste Mal, dass wir uns seit der Ankunft wiedergesehen haben und es war schön, mal mit Leuten zu reden, die in derselben Situation sind.

Bis jetzt bin ich sehr zufrieden mit meinem Leben hier! Die Zeit geht ziemlich schnell vorbei und ich freu mich auf alles, was in den nächsten Wochen und Monaten auf mich zukommt. Ich kann selber noch nicht ganz glauben, dass ich schon (oder erst?) eineinhalb Monate hier bin.

Ha det bra! Liv :)