10.10.2019

Bericht #1 – 5.838,24 Meilen

Es ist fünf Uhr morgens an einem Mittwochmorgen, ich bin mit meiner Familie auf dem Weg zum Flughafen, der Regen prasselt auf die Frontscheibe des Autos und die Scheinwerferlichter um uns herum verschwimmen. Wenn ich jetzt auf diesen Moment zurückblicke, habe ich die Stimme meines Bruders im Kopf, wie er sagt, dass dieser Moment ein sehr wichtiger sein wird. Ich versuchte, es zu genießen, aber um ehrlich zu sein fühlte sich mein Vorhaben ziemlich normal an. Doch er behielt Recht: Es ist unglaublich, was für eine große Rolle dieser Tag jetzt spielt.

Niemals hätte ich gedacht, dass schon die ersten Wochen in meiner neuen Heimat nur so an mir vorbeifliegen würden. Es fühlt sich an, als würde ich schon seit einer Ewigkeit hier leben, und zugleich kann ich gar nicht fassen, dass ein großer Teil meiner Zeit schon vorbei ist..

Am 7. August fand ich mich nach einem 12- stündigen Flug wieder in einer Gepäckkontrolle in Los Angeles, an einem Flughafen am anderen Ende der Welt, auf einem Kontinent, auf dem ich noch nie zuvor gewesen war, mit Menschen, von denen ich keinen länger als 12 Stunden kannte. Es war nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Erkenntnis, dass ich meine Freunde und Familie für ein Jahr nicht sehen würde traf mich nicht wie ein kalter Sprung ins Wasser, sobald das Flugzeug startete, sie kam ganz langsam mit jedem mal, bei dem ich die Frage „How long are you gonna stay here?“ mit den Worten „the whole year“ beantwortet habe.

Ich durfte in meinem Leben schon ein paar Austauschschüler kennenlernen, und jetzt bin ich selbst plötzlich einer dieser mutigen und scheinbar verrückten Menschen, die sich einfach so entscheiden, alles hinter sich zu lassen und in ein neues Leben zu schlüpfen. Faszinierend daran ist auch, dass jeder von uns seine eigenen Gründe und Ziele für diesen Plan hat.

Meine Gastmutter arbeitet für AFS und war am Tag meiner Ankunft zuständig für den Empfang der neuen Schüler. Erschöpft, müde und aufgeregt stieg ich mit anderen Austauschschüler aus der Gegend in ein Shuttle, das uns von Los Angeles in unsere Heimat Gegend bei San Diego bringen sollte. Ich machte während der Fahrt schon allein hunderte Bilder, weil die Straßen so anders aussahen. Nach einer dreistündigen Fahrt kamen wir in einem benachbarten Ort an, wo mich mein Gastvater kurz darauf abholte.

Mein Jetlag war gar nicht so schlimm wie vermutet, ich passte mich recht schnell an die neun Stunden Zeitunterschied zu Deutschland an, obwohl ich während dem Flug insgesamt 25 Stunden am Stück wach war. Ich fühlte mich Zuhause von Anfang an wohl. Meine Gastfamilie besteht im engeren Kreis aus meinen Gasteltern Cynthia und Dan, meiner Gastschwester Bayaz, sie kommt aus Aserbaidschan und verbringt wie ich gerade ein Jahr im Ausland, meinem Gastonkel Lonny und fünf Hunden. Außerdem habe ich einen älteren Gastbruder, der allerdings vor ein paar Wochen in eine College Wohnung gezogen ist.

Wir leben auf einem kleinen Berg am Rande der Stadt Poway, die weniger als eine Stunde von San Diego entfernt liegt. Von unserem Haus aus kann man auf die Stadt und meine High School hinunterblicken, besonders bei Sonnenuntergang und nachts ist die Aussicht einfach atemberaubend.

Meine Gastfamilie passt besser zu mir, als ich es mir hätte vorstellen können: Ich kann offen über alles reden, wir verbringen viel Zeit gemeinsam, haben unendlich Spaß zusammen und eine sehr ähnliche Sicht auf die Welt.

In meinen ersten zwei Wochen bevor die Schule begann, unternahmen wir so gut wie jeden Tag etwas und waren ständig unterwegs: Ob in San Diego mit Tacos am Meer (Da wir sehr nah an der Grenze zu Mexiko leben, ist mexikanisches Essen hier überall- und ich habe absolut nichts dagegen, es ist fantastisch), einer naheliegenden Touristenstadt namens Encinitas oder am Strand. Außerdem leistete ich meinem Gastvater Dan beim Joggen Gesellschaft. Am dritten Tag nach Ankunft griff ich noch zum Fahrrad, als er mich an eine Bucht mitnahm, um dort 13 Meilen (etwa die Strecke eines Halbmarathons) zu rennen, danach wurde ich auch etwas mutiger und joggte hin und wieder mit ihm- meist nur etwa drei Meilen, aber immerhin. Wir besuchten eine bekannte Kunstausstellung und -show in San Diego, bei der Kunstwerke täuschend echt mit Menschen nachgestellt wurden.Es war beeindruckend (und kuschelig, es war eine unerwartet kühle Nacht und ich und meine Gastschwester ließen uns im Doppelpack in schätzungsweise fünf Decken einwickeln) 

Außerdem ging ich einige Male in Cross Country (Langstreckenlauf) und Feldhockey Training. Im Gegensatz zu Deutschland wird hier viel mehr Wert auf Sport gelegt: Nach der Schule ist eigentlich jeden Tag für etwa zwei Stunden Training, man kann bestimmte Schulfächer mit Sportarten belegen, die verschiedenen Teams der Schulen treten täglich gegeneinander an und jeden Freitag treffen sich die Schüler, um ihr Football Team zu unterstützen.

Schon in den Sommerferien zu trainieren war, wie sich herausstellte, eine gute Möglichkeit um schon einmal ein paar Bekanntschaften zu machen, auch wenn sich aus diesen Teams für mich persönlich keine langfristigen Freundschaften ergaben. Außerdem war das sich einstellende Gefühl, als wir bei Einbruch der Dämmerung unter den Lichtern des riesigen Football Feldes trainierten, einfach gigantisch- wieder einer dieser Momente, in denen es sich verrückt anfühlte, hier zu sein.

Kurz bevor die Schule begann, flog ich gemeinsam mit meiner Gastfamilie für vier Tage nach Nordkalifornien, um dort Dans Familie zu besuchen. Wir landeten in Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens, und fuhren von dort aus Richtung Nordosten nach Grass Valley- wunderschöne Landschaften, Flüsse, Wälder, und ganz viel Geschichte- In den 1850ern begann hier der sogenannte „Gold Rush“, dessen insgesamt etwa zwei Milliarden eingenommene Dollar kamen später hauptsächlich für die Industrialisierung und Entwicklung Kaliforniens auf. Als Gold entdeckt wurde, strömten tausende von Minenarbeitern in den Staat und die „Empire Mine“ wurde in Grass Valley errichtet- eine der bedeutendsten Minen Kaliforniens. Wir besichtigten diese und verbrachten des Weiteren einen Tag an einem naheliegenden Fluss und einen Abend in Nevada City, eine etwas alternative und pulsierende Kleinstadt, die ebenso einen großen Teil an Geschichte birgt. Viele Menschen haben dort in der Nähe Ferienwohnungen und kommen während ihres Urlaubs, um sich eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Die Straßen waren hell erleuchtet, in den kleinen Bars tanzten fremde Leute ausgelassen miteinander zu live Musik und man konnte die Energie um einen förmlich spüren. Wir genossen die kühle Abendluft im Mondlicht und ich nahm wahr, wie ich dachte, dass wenn ich überall auf der Welt für eine bestimmte Zeit leben könnte, dann wäre diese Stadt auf der Liste wohl ganz oben.

Am Abend vor Abflug fanden wir im Haus ein Keyboard, und nachdem wir es aufgebaut hatten, hörten wir begeistert Bayaz zu, wie sie für uns spielte- und fuhren mit dem Keyboard abends zu dem Haus von Dans Schwester, um es stabil einzupacken.

Einen Tag bevor die Schule für Bayaz und mich begann stiegen wir etwas wehmütig in das Flugzeug zurück nach San Diego, beladen mit dem Keyboard, das inzwischen ein neues Zuhause hat.

Schon allein die ersten vier Wochen hier waren einfach unglaublich, ich fühle mich bereits zuhause hier und ich kann nicht fassen, wie die Zeit an mir vorbeifliegt.

Bis zum nächsten Mal, dann mit den Erlebnissen einer typisch amerikanischen High School-Und da gibt es einiges zu erzählen.

Herzliche Grüße in die Heimat und genießt das Herbstwetter,

Eure Botschafterin Alina