30.10.2019

Bericht #2 – Die aktuelle Lage in Chile

Hallo liebe Metropolregion. Heute kommt mein zweiter Blog über die letzten beide Monate, die aktuelle Lage in Chile und wie ich das Ganze erlebe.

Mein Alltag wurde immer mehr zur Normalität, es hieß Montag bis Freitag um 6:50 Uhr aufstehen, fertig machen, frühstücken und ab zur Schule. Nach der Schule ging es heim und 2-3 Mal pro Woche ins Fitnessstudio und seit ein paar Wochen freitags ins Volleyball von der Schule. Am Wochenende geht’s Samstagmittag zu meiner Oma ein paar Städte entfernt und sonntags heißt es ausruhen und faulenzen.

Anlässlich des Unabhängigkeitstages am 18. September war am 7. September ein Schulfest. An diesem Tag waren im Pausenhof der Schule eine Menge Essensstände, in der Sporthalle gab es kleine Spiele und Tischkicker und am anderen Ende des Schulhofs wurden Tänze, wie u.a. der Volkstanz Cueca, sowohl von den ganz kleinen als auch von den ältesten und den Lehrer aufgeführt. Um den Volkstanz zu lernen hatten wir, 3 Austauschschüler, eine Stunde um zu üben. Dafür bekamen wir diese „hübschen“ Röcke und dann ging´s auch schon los. Die Stunde ist eigentlich eine AG für 4-6-jährige. Dabei zuzuschauen war schon sehr süß und es waren einige sehr talentierte dabei. Ohne Zweifel sah es aber bei allen besser aus als bei uns. Trotz allem war es sehr amüsant. Danach hieß es noch eine Woche Schule und dann FERIENNNN.

Der Unabhängigkeitstag ist ein sehr wichtiger Tag für die Chilenen. Wir fuhren an dem Tag zu meiner Oma, wo ich das erste Mal mein Cousin und meine Cousine traf und ebenso die Schwester meiner Oma. Dort haben wir gegessen und viel erzählt. Also um es besser zu beschreiben, alle haben geredet und ich habe probiert irgendetwas zu verstehen. Am Nachmittag sind meine große Schwester und ich mit unserem Cousin auf das Fondas in Rengo gegangen. Fondas ist eine Art Jahrmarkt für den Unabhängigkeitstag, jedoch gibt es mehr typisches Essen und Trinken als große Fahrgeschäfte. Wir sind in dieser Woche so gut wie jeden Abend zum Fondas in unsere Stadt gegangen, wo ich eine Menge neue und total liebe und nette Leute kennengelernt habe. Ein beliebtes Fahrgeschäft aller Jugendlichen auf dem Fondas ist das Tagada. Das ist eine schräge Drehscheibe einer Sitzbank außen herum. Das Tagada dreht sich in beide Richtungen, kann einen aber auch. Es war eine super schöne Woche mit einigen super schönen Erlebnissen.

Eine Woche später ging es dann mit unserer Stufe freitags nach der Schule ins Phantasialand in der Hauptstadt Santiago. Ich war zuvor noch nie in einem Phantasialand. Im Gegensatz zu unserer Parks, wie z.B. dem Europapark, ist es schön klein und niedlich und nicht so viel los, sodass man nie lang anstehen musste und alles sehen konnte. Die Achterbahnen waren gefühlt kürzer, aber fast alle mit Looping und super spaßig!

Wir ihr sicherlich mitbekommen habt, geht es zurzeit etwas in Chile etwas turbulent zu. Ich möchte die aktuelle Lage hier ein bisschen erklären und euch berichten, wie ich das ganze erlebt habe.

Es hat alles damit angefangen, dass der Präsident Pinera die Fahrpreise von 800 Pesos (99 Cent) auf 830 Pesos (1,03 Euro) gehoben hat. Das ist erst einmal nicht viel für uns Deutsche. Jedoch wurden die Fahrpreise schon einmal am Anfang des Jahres um 20 % angehoben und somit war das einer der Gründe, weshalb es mit harmlosen Studentendemos begann. Jedoch artete es in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober so sehr aus, dass einige U- und S-Bahnstationen in Santiago in Brand gesetzt, Busse angezündet und noch viele weitere Schäden angerichtet wurden. Das komplette Militär ist ausgerückt und es gibt bis zum momentanen Zeitpunkt 17 Tote und sehr viele Verletzte. Daraufhin wurde der komplette Nahverkehr und alle anderen U- und S-Bahnstationen in anderen großen Städten eingestellt und es stehen, bzw. standen viele Soldaten vor den U- und S-Bahnstationen. Mittlerweile demonstriert ganz Chile nicht mehr nur wegen den Fahrpreiserhöhungen, welche mittlerweile wieder zurück gezogen wurden, sondern auch wegen den extremen Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten, den schlechten Bildungsmöglichkeiten (Chile hat eines der teuerste und zugleich eines der schlechteste Bildungssysteme auf der Welt), den Pensionen, den langen Arbeitszeiten zu schlechtem Gehalt und vielem mehr. Ein kleiner Auslöser führte zu einer großen Krise, der die ganze Unzufriedenheit der Bevölkerung aufzeigt. Chilenen sagen sie seien in einer Revolution. Die Situation sei seit Pinochet nicht mehr so verschärft gewesen. Tagsüber sind viele Demos, sowohl friedliche als auch gewalttätige, nachts wird es jedoch überall gefährlich. Am Samstag, 26.10 waren allein in Santiago 1,2 Millionen Menschen auf der Straße, um zu demonstrieren. In Coquimbo gibt es immer noch viele Feuer, wenn auch nur kleinere. Des Weiteren gab und gibt es teilweise immer noch Ausgangssperren, teilweise von 18 Uhr bis 8 Uhr morgens. Viele Supermärkte haben komplett geschlossen, Restaurants schließen früher, andere öffentliche Geschäfte haben geänderte und verkürzte Öffnungszeiten. Die ganze Woche waren auch fast alle Schulen geschlossen, die nächste Woche haben manche Schulen immer noch gekürzte Unterrichtszeiten oder komplett geschlossen. Es bleibt zunächst angespannt und man weiß nicht wie es weitergeht. Jedoch wird es nach und nach immer friedlicher, wenn auch weiterhin große Demos stattfinden.

Zu Beginn meines 3. Monat in Chile stand die 2. Orientartion von AFS an. Diesmal ging es in die ca. 300.000 große Stadt Valparaiso direkt am Meer. Wir sind mit einer Art Flixbus über Santiago nach Valparaiso angereist, um dort am Busbahnhof direkt noch andere AFS Schüler zu treffen, mit denen wir den kurzen Weg zu unserer Unterkunft liefen, wo schon andere Schüler auf uns warteten. An diesem Tag wurden uns nur noch die Volunteers nach dem Abendessen vorgestellt. Ansonsten hatten wir Zeit, um unsere Erlebnisse auszutauschen. In der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober hat uns ein AFS Schüler, der in Santiago die Orientartion hatte, geschrieben, dass dort Unruhen sind und Alarmstufe 3 ausgerufen wurde und sehr viel Soldaten mit Schießbefehlt in den Straßen sind. Da waren wir noch froh in Valparaiso zu sein. Am nächsten Morgen hatten mir meine Eltern dann auch einen Link geschickt, was passiert war und alle Instagram Storys waren voll davon. An diesem Samstagmorgen hatten wir noch ein paar Programmpunkte. Am Nachmittag ging es dann endlich in die Stadt, wo wir eine Stadtführung bekamen (siehe Bilder). Valparaiso ist eine wunderschöne Stadt, es gibt kaum einen grauen Fleck, sogar jede Treppe ist mit Farbe und einer Idee dahinter geschmückt. Wir bekamen schon etwas von den Protesten mit, vor allem als wir nach der Stadtführung mit dem Bus zu unserer Unterkunft fuhren. Es waren eher kleinere Demos, jedoch schon größere Menschenmassen an verschiedenen Plätzen. Nach dem Abendessen hatten wir noch einige Programmpunkte. Als wir alle schon am zubettgehen waren, wurden wir alle noch einmal zusammengerufen. Wir waren schon genervt bis wir erfuhren warum. Zwei Blöcke von unserer Unterkunft entfernt war eine heftige und auch gefährliche Demo, jedoch sollten wir nichts befürchten und sie wissen was zu tun ist, falls doch etwas passieren sollte. Aus Sicherheitsgründen sollten die Leute, die an der Straße ein Zimmer hatten, ihr Zimmer wechseln und wir sollten auch nicht mehr an die Fenster zur Straße hin gehen. Man hat eine Menge Sirenen gehört und auch die Demonstranten, welche auf ihre Kochtöpfe hauten. Trotz allem konnte, ich sehr gut schlafen. Sonntagmorgen nach dem Frühstück gab es wieder Programmpunkte und am Mittagessen gab es dann für uns die Ankündigung, dass eine große Demo am späten Nachmittag stattfinden soll, weshalb die Teilnehmer, welche in einer naheliegenden Stadt leben auch direkt nach dem Mittagessen heimfuhren. Wir, die Leute von weiter weg, blieben dort und durften ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr in den Innenhof, da die Luft voll mit Tränengas und Rauchgeruch war. Man hörte und sah einige Hubschrauber und Schüsse - ein unwohles Gefühl. Es war noch nicht klar wie und ob wir überhaupt an dem eigentlichen Abreisetag heimkommen würden, denn es war zu gefährlich mit öffentlichem Verkehrsmittel zu fahren. Sonntags wurde dann nicht mehr viel gemacht, nur noch ein Film geschaut. Montagmorgens wurden wir früher als eigentlich angedacht geweckt, da ein Bus für 09:00 Uhr gebucht wurde und wir schon vor dem Frühstück alles fertig machen sollten. Nun gut, alles war fertig gepackt, fertig gefrühstückt, Bus nicht da. Um 09:30 Uhr wurde die Abfahrt um eine weitere Stunde verschoben. Als er um 11:00 Uhr immer noch nicht da war, gab es keine feste Uhrzeit mehr und es hieß warten. Schlussendlich ging es dann um 12 Uhr ab nach Santiago. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir aber noch nicht, wie es dort weitergeht. Zwei Stunden später kamen wir in Santiago an und wurden im offiziellen AFS Chile Büro mit Essen und Trinken begrüßt. Keine halbe Stunde später wurden wir mit Privattaxis abgeholt und kamen dann gut und sicher zuhause, bei unseren Familien, an. Die Woche drauf war die Schule wegen den Unruhen geschlossen. Als wir dann vor einigen Tagen wieder in unserer Innenstadt waren, war vieles zerstört und zugemauert. Außerdem hat man noch einige Plätze mit Demonstranten gesehen. Bei solchen Bildern geht einem noch einmal alles durch den Kopf und man bekommt ein anderes Weltbild. Vor 4 Monaten hätte ich niemals gedacht, dass ich so etwas mal in meiner Nähe miterleben würde, jetzt ist es soweit.

So langsam versuchen alle hier wieder in einen geregelten Alltag zu kommen und so war ich mit 3 andren 4 AFS-Mädels, zwei aus Italien, eine aus Frankreich, uns zum Essen und Wandern verabredet. Es war ein schöner, sonniger sommerlicher Tag. Beim Essen haben wir uns entschieden auf das Cerro San Juan in Machali zu wandern. In der prallen, heißen Sonne ohne jeglichen Sonnenschutz - nicht die beste Idee. Aber oben angekommen, hat sich das ganze doch gelohnt. Die Aussicht auf die anderen Berge und die Städte Rancagua und Machali von soweit oben mit einer so weiten Sicht war einfach nur super schön und nicht zu vergessen, die super lustige Fotosession am Gipfelkreuz. Wieder unten angekommen, waren wir alle außer Atem und vor lauter Durst, gingen wir noch einen Smoothie trinken. Es war wieder super schön alle zu sehen und sich austauschen zu können. Jetzt ist es nur noch ca. 1 Monat bis zu den dreimonatigen Sommerferien, auf welche ich mich schon riesig freue.

Trotz der ganzen Unruhen geht es mir richtig gut, fühle mich sicher und hoffe auf noch viel schöne Momente hier.

Vielen Dank fürs Lesen des Blogs.

Eure Merle