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18.12.2019

Bericht #2 – Which way? Poway!

Der Tag nach unserer Rückkehr aus Sacramento war mein erster Schultag in einer amerikanischen High School. Abgesehen davon, dass ich mir all meine Räume im vorhinein auf einem Plan markierte, war ich relativ gelassen. Regelrecht erschlagen wurde ich von einer Veranstaltung auf dem Footballfeld mit allen Schülern und Lehrern Poway Highs. Für mich, verloren in der riesigen Menschenmenge, sah das ganze aus wie in den Filmen. Ein Lehrer hielt eine Motivationsrede über Persönlichkeitsentwicklung, die mich begeisterte, und die vier Klassenstufen traten, teilweise in verrückten Kostümen wie Dinosaurier, gegeneinander an. Assemblies und Pep Rallies (Zusammenkommen von allen Schülern in der Halle während der Mittagspause, bei denen die Schüler sich auf baldige Events freuen, Cheerleader tanzen und Spiele stattfinden) sind hier ein sehr großer Teil des Alltags und bringen die Schüler zusammen.

Ich habe hier jeden Tag dieselben fünf Schulfächer in derselben Reihenfolge. Schule beginnt um 7:25 Uhr und endet um 14:35. Mittlerweile habe ich mich voll und ganz an den Schulalltag gewöhnt, aber am Anfang fielen mir doch einige Dinge auf, die für Deutschland sehr ungewöhnlich wären… Das Verhältnis von Schülern und Lehrern ist ziemlich freundschaftlich. Während in Deutschland Schüler so wie auch Lehrer zu einem leeren Saal hetzen, hat hier jeder Lehrer seinen eigenen Saal und die jeweiligen Kurse kommen dorthin. So sind dann die Säle oft voll mit ausgefallenen Dingen, die die Schüler mitbringen- Poster, Classroom quotes, Stofftiere. Eine meiner Lehrerinnen hat mal aus Spaß behauptet, sie könnte Nicholas Cage nicht leiden, und jetzt hat sie einen lebensgroßen in ihrem Saal stehen, sowie ein Kissen mit seinem Gesicht darauf. Gelegentlich wird man von Rockmusik empfangen, die dann einfach die Stunde über im Hintergrund läuft. 

Freitage sind sehr speziell hier: Alle kommen in den Farben der Schule, eine der Lehrerinnen spielt auf dem Campus mit einem Lautsprecher Musik ab und tanzt, und abends kommen die Schüler zusammen für ein Footballspiel, wo die eigene Mannschaft dann kräftig unterstützt wird. Sport wird hier sehr viel Bedeutung zugemessen. Das kann ich sagen, weil ich bereits drei verschiedene Schulsportarten ausprobiert habe. Trainiert wird jeden Tag für zwei Stunden nach der Schule, und für jeden Sport gibt es am Anfang der Saison Tryouts, bei denen der Coach das Team zusammenstellt - und die Konkurrenz ist in meiner Schule so hoch, dass man eigentlich nie sicher sein kann, es in ein Team zu schaffen. Oft wird sogar über Ferien und Feiertage hinweg trainiert, und für Familien von engagierten Sportlern ist es nicht möglich, Urlaub zu machen. Es ist aber ein unheimlich wichtiger Bestandteil des High School Lebens, und neben Klubs eine gute Gelegenheit, andere Schüler kennenzulernen. 

Sehr wichtig sind auch andere Events außerhalb der Schule. Ich erlebte beispielsweise Morp, was das Gegenteil von Prom darstellen soll: Alle tragen Neonfarben und verrückte Kleidung und tanzen zusammen. Morp hatte vor allem für alle Freshmen eine große Bedeutung, das sind die Schüler der Stufe 9, die ihr erstes Jahr auf eine High School gehen. Außerdem ging ich mit Freunden zum Homecoming Ball, der statt in einer normalen Schulhalle in einem Aquarium in San Diego stattfand. Wir gingen vorher zusammen essen und gingen dann zum Ball, der wirklich gut organisiert war, mit verschiedenen Tanz Räumen und Gängen mit riesigen Aquarienbecken 

Mir ist aufgefallen, dass sich Schulerfahrungen von Austauschschülern wesentlich unterscheiden: Während es in einigen Ländern eher eine Seltenheit ist, dass man sich in der Schule blicken lässt, und man dann zumindest anfangs auch eher nur eine exotische Attraktion ist, habe ich keinen einzigen Tag Schule verpasst und werde akademisch wie ein amerikanischer Schüler behandelt. Anfangs war es eine Challenge, mich an das Notensystem zu gewöhnen, einfach weil das hier alles viel selbstständiger funktioniert. Jeder Schüler hat einen individuellen Zugang zu verschiedensten Programmen, wo Arbeitsaufträge, Hausaufgaben, sowie Aufsätze angekündigt und auch online eingereicht werden. Die Noten erfährt man dann über eine Übersicht in anderen Programmen, die man regelmäßig aktualisiert. In dieser Hinsicht wird mit dem Fachlehrer nur kommuniziert, wenn etwas nicht klappt. Ich wurde auf diese Weise komplett ins kalte Wasser geschmissen, für Wochen habe ich durch Fehler nach und nach selbst den Umgang mit all dem erlernt. Das liegt wohl daran, dass meine Unvertrautheit mit diesen Dingen für niemanden nachvollziehbar war, schließlich wachsen die Schüler hier mit diesen Methoden auf. Tests werden eigentlich immer angekündigt, dafür wird aber auch so gut wie jede Hausaufgabe benotet. Für mich hat alles eine Weile gedauert, aber letztendlich sind meine Noten im ersten Trimester sehr gut. Auch die andere Schüler behandeln mich nicht unbedingt anders. Ich denke, der Grund dafür ist vor allem, dass die Vereinigten Staaten, besonders Kalifornien, eine Mischkultur ist mit so vielen Einflüssen und Vielseitigkeit. Jeder hier hat einen unterschiedlichen ethnischen oder auch kulturellen Hintergrund, und das ist normal und auch gut so. Gerade der Umkreis um San Diego ist sehr geprägt von der mexikanischen Kultur, ein großer Anteil meiner Mitschüler hat einen mexikanischen Hintergrund und man findet wo auch immer man hinsieht auch spanische Hinweise.

Die Spannweite an Kultur, die ich erleben darf, ist unglaublich: Mein Onkel, der mit uns zusammen lebt, hat eine sehr lange Zeit in Mexiko gewohnt, meine Gastmutter verbrachte in ihrer Jugend ein Jahr in Thailand und mein Vater in Deutschland, meine Gastschwester ist aus Aserbaidschan und bringt eine Menge osteuropäische Kultur mit sich, die sie sehr gerne mit den Menschen um sich herum teilt und vor uns haben mein Gasteltern schon zahlreiche Austauschschüler von überall auf der Welt aufgenommen.

Ich verbrachte beispielsweise ein Wochenende mit anderen Austauschschülern des San Diego und Los Angeles AFS Teams in Hollywood. Wir sahen dort unter anderem Thai-Town, wo wir uns traditionell kleideten, Gesten und Tänze erlernten, auf den Markt gingen und in einem Crashkurs Thai Massagen erlernten. Wir feierten auch den mexikanischen Día de los Muertos in meiner Gastfamilie, den Tag der Toten, wo Familien ihre verstorbenen Vorfahren und Liebsten ehren. Man dekoriert einen Altar mit traditionellen Blumen, Motiven wie Skeletten und weiterem, stellt Bilder auf sowie einige Dinge, die die Familienmitglieder sehr mochten, häufig sind das Nahrungsmittel. Dann wird zusammen gekocht, es werden Geschichten geteilt über die Verstorbenen und man sagt, dass sie für einen Tag lang wieder bei einem sind.

Ich finde mich hier inzwischen wieder im Alltagsleben, was sehr wichtig für mich ist. Mein Ziel ist es, das hier zu einem normalen Leben zu machen, statt einfach nur zu reisen und in einem anderen Land zu Gast zu sein. Die Zeit fliegt an mir vorbei und inzwischen ist schon Adventszeit.

Ganz viel Liebe in die Heimat und ich wünsche euch allen eine wundervolle Weihnachtszeit,

Eure Botschafterin Alina