11.7.2017

Bericht #3 - Abenteuer Philippinen

Hi ich bin`s wieder. Ich weiß, es ist schon Monate seit meinem letzten Bericht her und das tut mir auch total leid. Auf den Philippinen ist es computertechnisch für mich sehr schwer. Meine Familie auf den Philippinen ist nicht vermögend. Deshalb ist auch der mir zur Verfügung stehende Computer recht alt. Dreimal hatte ich mit dem Bericht begonnen. Dreimal ist der Computer abgestürzt und alles war weg. Und es gibt noch so viel zu erzählen.

Ich beginne mit Weihnachten bzw. mit meinen Winterferien. Zu Ferienbeginn flog ich mit meiner Gastschwester, einem Cousin und einer kleinen Cousine nach Pampanga. Das ist eine Provinz mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern, auf der nördlichen Insel Luzon, etwa drei philippinische Autostunden nördlich von Manila, der Hauptstadt der Philippinen.

Ich nenne sie "philippinische Autostunden", weil es dort immer Stau gibt - obwohl wir nachts gefahren sind. Tatsächlich beträgt die Entfernung zwischen Manila und Pampanga nur etwa 80 km. Unser Flug war bereits in Davao mit 1 Stunde Verspätung gestartet. Hinzu kamen noch mal drei Stunden Verspätung für unseren Anschlussflug. Das war für philippinische Verhältnisse sogar recht wenig. Auf dem Bild seht ihr mich, meine 14-jährige Gastschwester und die 4-jährige Cousine, wie wir uns die Wartezeit auf dem Flughafen Cebu vertreiben.

Meine Gasttante hat selbst drei Kinder im Alter von 19 bis 29 Jahren. Es waren auch noch weitere Cousins zu Besuch. Wir haben alle zusammen im Haus der Tante geschlafen. Und nicht nur das: Die Cousinen und Cousins und auch ich haben zu acht zusammen in dem "Musikzimmer" eines der Cousins geschlafen. Ich hatte schon in einem vorigen Bericht erwähnt, dass es auf den Philippinen üblich ist, immer zusammen und nie allein zu sein und auch als Familie gemeinsam in einem Zimmer zu schlafen. In dem kleinen Zimmer stand ein Schlagzeug. An der Wand hingen Gitarren. Es gab eine Lichtanlage. Wir schliefen auf dem Boden. Auf dem Bild kann man das wilde Matratzenlager ansatzweise erkennen.

Der Gasttante betreibt auf dem Anwesen eine Geburtsklinik mit 8 Betten. Schon bei meiner Ankunft fragte sie mich, ob ich bei einer Geburt dabei sein wollte, falls sich die Gelegenheit ergebe. So etwas ist ja eine einmalige Erfahrung, deshalb stimmte ich zu. Und tatsächlich, irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr, bat mich die Tante in den Kreissaal. Dort lag ein 18-jähriges Mädchen in den Wehen und erwartete ihr erstes Kind. 18 Jahre ist auf den Philippinen ein ganz normales Alter für die erste Geburt. Ich will's mal so sagen, es war eine sehr interessante Erfahrung, die ich nicht missen, aber auch nicht unbedingt wiederholen will. Nach der Geburt musste ich mich erst mal draußen etwas hinsetzen und frische Luft schnappen.

Das Mädchen hatte nur ihren Freund dabei, eigentlich ein "No-go" bei den tiefgläubigen Katholiken, für die Sex vor der Ehe verboten ist. Die jungen Eltern schienen aber keine Probleme zu haben. Es kam aber auch schon vor, dass ein junges Mädchen in ähnlicher Situation nach der Geburt einfach verschwand und ihr Kind in der Klinik zurückließ. Die Gasttante gab diese Kinder dann in ein Waisenhaus oder ließ es von einem ihrer Familiengehörigen adoptieren. Ein Beispiel ist die kleine 4-jährige Cousine, die Ihr oben auf dem Flughafenbild seht. Der Kreissaal war sehr einfach eingerichtet: nur mit Geburtsstuhl, einem Wickeltisch mit Wärmelampe und einem Computer.

Eine weitere tolle Erfahrung, die ich niemals vergessen werde, ist der Off-Road Trip, zu dem mich mein Gastonkel mitnahm. Das war ein aufregendes Erlebnis. PG Ponce, ein Politiker aus der Gegend, Vorsitzender einer philippinischen Partei und Vertrauter von Präsident Duterte, hatte uns eingeladen. Wir sind mit ihm und anderen in Jeeps durch das Gelände gefahren. Die Aussicht war wunderschön. Ich kann die Schönheit gar nicht in Worte zu fassen, so beeindruckend war das für mich. Wir sind durch Schlamm gefahren. Das Wasser ist rechts und links hochgespritzt. Und natürlich ist gerade unser Geländewagen plötzlich im Schlamm steckengeblieben. Also zogen wir alle unsere Schuhe aus, stiegen aus und versuchten, den Jeep anzuschieben. Das klappte nicht. Aus einem anderen Wagen, der mit uns gefahren war, kam ein Mann mit einem Abschleppseil und versuchte unseren Wagen damit heraus zu ziehen. Das reichte leider auch nicht. Ein weiterer Wagen, der bereits vorgefahren war, wurde noch einmal per Walkie Talkie zurückbeordert. Mit seiner zusätzlichen Hilfe klappte es dann.

Die Wagen zogen zusammen und nach zwanzig Minuten waren wir endlich wieder frei. Der ganze Trip war aufregend und leider auch, wie immer, verdammt heiß. Nirgendwo gab es Schatten. Die Filipinos sind aber echte Gentlemen und gaben meiner Gastschwester und mir den einzigen Regenschirm, der dabei war, damit wir uns etwas vor der Sonne schützen konnten. Es waren mindestens 42°C und in der prallen Mittagssonne noch mehr. Wir sind noch an mehreren heißen Quellen vorbei gefahren und haben auf dem Rückweg einen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen. Vorher haben wir unter einem Wasserfall in einem Bach zu Mittag gegessen. Tische und Stühle standen im Wasser. Wie es typisch für die Philippinen ist hatte jeder etwas mitgebracht, der eine Reis, der andere Hühnchen, der andere Fisch, der nächste eine Kühlbox mit Getränken. Alle saßen wir zusammen und aßen gemeinsam von allen ... mit den Händen, obwohl sich die meisten gar nicht kannten - auch typisch philippinisch.

Weihnachten

Dann kam Weihnachten. Wie berichtet sind die Philippinen streng katholisch. Das rührt noch von der 330 Jahre währenden spanischen Kolonialzeit. Die Vorbereitungen begangen schon im September. Da wurde schon in allen Geschäften Weihnachtsschmuck verkauft während Weihnachtsmusik lief. Die Leute schmückten schon ihre Häuser und stellten Weihnachtsbäume auf. Dies waren natürlich keine echten, sondern Plastikweihnachtsbäume, meist aus buntem Fiberglas. Ab Oktober konnten schon sog. "Christmas Mansions" besucht werden. Dies sind extrem aufwendig geschmückte Privathäuser von eher reichen Leuten, die gegen ein Eintrittsgeld besichtigt werden können.

Meine Gastfamilie schmückte unser Zuhause nicht, da wir über Weihnachten nicht verreist waren. Meine Gastschwester und ich waren ja bei der Tante in Pampanga. Meine Gasteltern und mein Gastbruder verbrachten Weihnachten bei einer anderen Tante. Zwei Wochen vor Weihnachten besuchten wir täglich zur Nachtzeit den Gottesdienst. In Davao besuchten wir den Gottesdienst jeden Morgen um 3.00 Uhr (!) - also noch vor der Schule. In Pampanga gingen wir jeden Abend um 22.00 Uhr in den Gottesdienst. Der vorweihnachtliche zweiwöchige Nachtgottesdienst ist philippinischer Brauch. Wer zwei Wochen lang täglich einen Nachtgottesdienst besucht, darf sich nach philippinisch geprägtem Glauben etwas von Gott wünschen, das dann in Erfüllung geht. Leider konnte ich ein einziges Mal in diesen zwei Wochen nicht zum Nachtgottesdienst gehen, da wir einmal nicht zuhause waren. Deshalb kann ich auch nicht beurteilen, ob an diesem Brauch etwas dran ist.

Angesichts dieser großen und langen Vorbereitungsphase war das Weihnachtsfest dann aber enttäuschend. Am 24.12., der auf den Philippinen noch ein normaler Arbeitstag ist, sind wir gegen Abend mit Motorrädern durch ein Armenviertel gefahren und haben den auf der Straße sitzenden Bettlern etwas zu essen gegeben. Dies hat bei der Familie der Gasttante Tradition. Am 25.12. sind wir in der Frühe zum letzten Nachtgottesdienst gegangen. Die Kirche war übervoll, obwohl sie mir flächenmäßig so groß wie unser Dom in Speyer vorkam. Gottesdienstbesucher mussten sogar auf der Straße stehen. Hierfür waren Monitore aufgestellt, auf denen die Texte zu sehen waren. An Weihnachten selbst gab es dann keinen weiteren Gottesdienst mehr. Abends gab es das gleiche Abendbrot wie immer. Es gab nichts besonderes zu essen, es hatte sich auch niemand besonders schön angezogen. Es gab auch keine Bescherung wie man es in Deutschland kennt.

Die Gasttante hatte am 23.12. eine Party bei sich zuhause veranstaltet. Es kamen viele Gäste. Hier wurden bereits - und zum einzigen Mal - Geschenke verteilt und zwar in der Form, die wir als "Wichteln" kennen. Die im Haus der Tante anwesenden Familienmitglieder hatten bereits vorab Namen gezogen und mussten für den/die Gezogene/n ein Geschenk kaufen. Weitere Geschenke gab es nicht, bis auf einzelne Gastgeschenke der Partygäste für die Gasttante, größtenteils Süßigkeiten und süße Lebensmittel wie Müsli, Nutella, Kakaopulver, usw.

An Silvester haben wir schon 1/2 Stunde vor Mitternacht richtig Krach gemacht mit Töpfen u.Ä., um die bösen Geister zu vertreiben. Raketen wurden erst ab Mitternacht gezündet. Hier hatte ich etwas Angst, da diese Raketen nicht "TÜV-geprüft" sind. Es gab viele Querschläger. Eine Rakete ist sogar direkt schon am Boden explodiert. Ich war froh, dass uns nichts passiert war. Auf den Philippinen gibt es um Silvester herum immer mehrere Hundert Tote oder Verletzte wegen der teilweise selbst gemachten oder billig hergestellten Raketen. Deshalb ist es Privatleuten eigentlich verboten, Feuerwerkskörper zu zünden. Dies ist nur den Hotels u.Ä. erlaubt. In Davao besteht sogar ein generelles Feuerwerksverbot.

Nach Mitternacht sind wir dann relativ schnell ins Bett gegangen, da wir am nächsten Morgen schon sehr früh aufgestanden sind. Wir haben uns alle sehr schick in derselben Farbe angezogen, dieses Jahr in grün. Um 5.00 Uhr sind wir zu einer Kirche auf einem heiligen Berg gefahren, wo schon Wunder passiert sein sollen, und haben dort den Gottesdienst besucht. Dort konnte man Karten kaufen, auf die man ein Gebet schreibt. Die beschriebenen Karten steckte man in einen Umschlag und gab sie den Mönchen. Diese beten dann das Gebet. Es waren aber weit mehr als 1000 Leute da, die zum größten Teil solche Karten gekauft und beschrieben haben. Ob die Mönche wirklich jedes einzelne Gebet beten ...?

Und dann gab es kurz nach Weihnachten noch den Supertaifun „Nock-Ten“, der über die Insel Luzon wütete. Meine leiblichen Eltern zuhause machten sich aber mehr Sorgen als meine philippinische Familie. In Pampanga ging das Leben normal weiter, während sich der Taifun näherte. Tatsächlich spürten wir auch am Ende wenig. Es regnete zwar auffällig viel und es war sehr windig. Mehr passierte uns aber zum Glück nicht. Insgesamt gab es aber 6 Tote und mehr als 430.000 Menschen waren evakuiert worden. Viele Grüße, Eure Ella