22.6.2017

Bericht #4 - Rückblick auf meinen Winter in Russland

Es ist zwar schon Sommer und in wenigen Tagen fliege ich schon zurück, aber trotzdem würde ich euch gerne noch über das neue Jahr und Weihnachten berichten:

Am 31.Dezember hieß es für die ganze Familie um neun Uhr morgens: raus aus den Federn, ab in die Küche! Natürlich zum Essen machen. Es herrschte ein Chaos das glaubt mir keiner. Alle, wirklich alle aus meiner Familie waren da und dementsprechend liefen auch alle in der Küche rum. Die einen mehr oder weniger planlos, die anderen total gestresst. Meine Aufgabe hier schon seit dem ersten Tag ist es: Kartoffeln zu schälen. Ich mache es liebend gerne, es erfordert nicht zu viel Bewegung und ist einfach :D Normalerweise schäle ich immer eine mittelgroße Schüssel voller Kartoffeln, an diesem Tag kam mein Vater allerdings mit einem ganzen Eimer an. Na Super! Für den Rest des Tages hatte ich also eine Beschäftigung, habe mich also in ein Eckchen in die Küche gesetzt und war ziemlich entspannt, während alle wie aufgescheuchte Hühner rumgelaufen sind. Das ganze Haus wurde auseinander genommen. Hier und da noch mal geputzt, auf zwei kleine Jungs und ein Baby musste aufgepasst werden, geschnippelt wurde wie die Weltmeister und ein Kurzeinkauf musste auch noch gemacht werden.

Mein Gastvater ist grundsätzlich immer beim Essenmachen für die Fleischgerichte zuständig, (da er selber angelt und jagt essen wir nie gekauftes Fleisch, sondern das, was er nach Hause bringt)also er zerlegt alles selber und bereitet es anschließend zu. Er ist ein ziemlicher Fleischliebhaber und hat auch ein riesen Talent darin es zuzubereiten. Immer gibt es nicht nur eine Fleischsorte, sondern ganz viele: Fisch, Schwein, Rind und Bärenfleich, was hier fast täglich gegessen wird und  ich zum ersten mal probiert habe. Ganz lecker. Das Fleischgericht was der Vater will wird zubereitet, keine Diskussion! Ganz anders ist es bei den anderen Gerichten, zum Beispiel bei Salaten. Meine beiden Gastschwestern und Gastmutter führten eine lautstarke Diskussion darüber, was für Salate zubereitet werden sollten. Am Ende gab es sechs Salate. Also an Essen sollte uns wirklich nicht fehlen.

Nach den ganzen Vorbereitungen, die bis um acht Uhr abends gingen, wurde von den Eltern ein kurzes Schläfchen angeordnet, damit man über Neujahr auch wirklich fit ist.  Das erste Mal an diesem Tag kehrte Ruhe ein, die allerdings nur eine Stunde hielt. Nach diesem Powernap war es schon nicht mehr so hektisch, die Stimmung war viel lockerer und jeder lief mit einem Grinsen im Gesicht rum, denn  man freute sich so richtig auf die bevorstehende gemeinsame Zeit, Geschenke und das neue Jahr.

In Deutschland haben wir den Weihnachtsmann, hier bringt der “Дед  мороз” (dyed moros, heißt so viel wie “Väterchen Frost”) die Geschenke. Als dieser hat sich mein Gastvater verkleidet und ich habe genauso gestaunt wie die beiden kleinen Jungs hier. Es gab für jeden eine Box mit Süßigkeiten, um die zu erhalten sollte man allerdings ein kleines Gedicht aufsagen, ein Liedchen singen oder tanzen, ich habe mich für ein Gedicht entschieden. Das ist sozusagen ein russischer Brauch. Danach gab es natürlich noch die “richtigen” Geschenke. Ich habe von meiner Familie eine Wanduhr gekriegt, wo man ein Teil von meiner Stadt Lyubim sehen kann, “damit ich sie nie vergesse”. Und natürlich noch einiges mehr.

Um 23:45Uhr hält Wladimir Putin im Fernsehen eine Rede, die eigentlich von jedem geschaut wird. Eine Minute vor dem Jahreswechsel wird dann die Weltuhr in Moskau eingeblendet, wo die Sekunden gezählt werden und um 00:00 stößt man zu Hause mit seinen liebsten an. Also hört man nicht wie bei uns Feuerwerk, sondern Glaeserklirren. Nachdem dann angestoßen, ausgiebig gegessen und geredet wurde, gehen fast alle raus, entweder spazieren, zu Freunden, oder irgendwo anders feiern.

Ich bin mit einigen Freunden in die örtliche Disko gegangen. Um 01:00Uhr war Einlass und bis 6:30Uhr konnte getanzt werden, sogar mit DJ. Ich war ziemlich überrascht, als ich gegen sieben Uhr heim kam und noch alle lachend, erzählend und essend im Wohnzimmer vorfand. Als ich mich schlafen legen wollte, wurde großer Widerspruch eingelegt: „Johanna! Wir haben noch nicht mal acht Uhr und du willst schon schlafen gehen?!” Also habe ich mich noch ein halbes Stündchen zu ihnen gesetzt und bin dann todmüde ins Bett gefallen. Tja, das war mein Start in das neue Jahr.

Natürlich wird hier auch Weihnachten gefeiert, allerdings erst am 7.Januar. Es ist kein allzu großes Fest, der Sinn jedoch der gleiche: Die Geburt Jesu. Eigentlich wird immer mit der ganzen Stadt in der Stadtmitte gefeiert, egal wie kalt es ist, alle kommen zusammen , es wird für Unterhaltung gesorgt und für Essen, abends gibt es, ebenfalls draußen, eine Disko und anschließend Feuerwerk. Leider konnte ich das alles nicht miterleben, denn es waren minus 40 Grad Celsius, sodass die Stadt alle Veranstaltungen unter freiem Himmel abgesagt hat. Schon einige Tage davor und noch einige Wochen danach waren es immer zwischen minus 30 und minus 40 Grad und somit einer der härtesten Winter seit langem. Meine Gasteltern haben mich auch nicht aus dem Haus gelassen wegen der Kälte und wenn, dann nur tagsüber, wenn die Sonne geschienen hat und ich sehr dick eingepackt war.

Sogar jetzt im Sommer ist es nie wärmer als maximal 20 Grad. Allerdings sagen mir alle, dass es normalerweise schon viel wärmer ist, und man im Fluss schwimmen gehen kann. Einige scherzen auch, dass es so kalt ist, weil ich da bin. Naja, ich habe mich in das Land verliebt, egal zu welchen Temperaturen.

Ganz viele liebe Grüße, bis zum nächsten Bericht. Eure Johanna