2.12.2016

Bericht #2 - Turbulente Philippinen

Leider komme ich erst jetzt dazu, meinen zweiten Bericht einzustellen. Zum einen erlebe ich hier so viel, zum anderen bleibt mir neben der Schule und den Familienausflügen wenig Zeit für anderes. Denn wie ich bereits im Auftaktbericht geschrieben hatte, beginnt die Schule jeden Morgen um 7.20 Uhr mit der sog. „Zeremonie“. Der Unterricht endet um 16 Uhr. Danach habe ich noch 2 Stunden „Volleyballtraining“ mit der Schulmannschaft. Ich schreibe das in Anführungszeichen, weil das Training nicht mit einem Vereins- oder Schultraining, wie wir es in Deutschland kennen, vergleichbar ist. Zum einen ist das Training schon an sich nicht besonders anspruchsvoll, zum anderen trainieren 12 Mädchen und 12 Jungen gemeinsam auf einem Betonplatz vor der Schule. Aber Spaß macht es mir natürlich trotzdem, vor allem die Trainingsspiele gegen die anderen Schulen. 

Meine Gastschwester, mein Gastbruder und ich werden jeden Tag mit dem Auto zur Schule gefahren. Die Schule ist eigentlich nicht so weit weg, aber der Verkehr ist höllisch. Die einfache Fahrzeit dauert deshalb etwa 2 Stunden. Ich stehe also jeden Morgen um 4.00 Uhr auf, um rechtzeitig in der Schule zu sein und komme abends entsprechend spät nach Hause. Dort teile ich mir zwar das Zimmer mit meiner Gastschwester. Die ganze Familie hält sich aber meistens bis zum Schlafengehen immer gemeinsam in einem Raum auf. Zum Schlafen kommt dann meist mein kleiner 10-jähriger Gastbruder zu uns ins Zimmer, weil er nicht alleine einschlafen will. Wenn mein Gastvater noch spät arbeiten muss, kommt meine Gastmutter auch zu uns, weil sie nicht alleine einschlafen will. Und schließlich kommt dann mein Gastvater auch noch und die ganze Familie schläft in unserem Zimmer. Auf den Philippinen gibt es einfach wenig Privatsphäre. Man ist so gut wie nie allein. Das ist für mich auf der einen Seite schön, manchmal aber auch anstrengend. An den Wochenenden besuchen wir dann meist die umfangreiche Verwandtschaft. Alleine meine Gastmutter hat 11 (!) Geschwister. 

Erlebnisse der letzten Zeit

In der vergangenen Zeit seit dem letzten Bericht habe ich besonders viel erlebt. Es gibt viel Tolles zu berichten, aber leider auch manches nicht so schöne. Mitte August war hier Kadayawan. Dieses Fest entspricht in etwa unserem Erntedankfest. Die Filipinos danken für das Leben an sich, für die Ernte, die Blumen, Tiere usw. Das Kadayawam wird allerdings viel größer gefeiert als unser Erntedankfest. Insbesondere in Davao City, der Stadt, in der ich lebe, wird das Kadayawam Festival über mehrere Tage lang gefeiert. Es ist das größte Fest der 1,5 Millionen Metropole und entsprechend berühmt und beliebt. 

Am letzten Tag des Festes durfte ich mit den anderen AFS-Austauschschülern aus Davao auf einem eigenen Wagen beim großen Umzug mitfahren. Dieser Umzug wurde sogar im Fernsehen übertragen. Das war wirklich lustig. Wir Austauschschüler trugen entweder folkloristische Kleidung aus der Heimat (“national dress“) oder hängten uns unsere Nationalflagge um, damit man unsere Herkunft erkannte. Ich habe zum Glück mein original bayrisches Dirndl auf die Philippinen mitgenommen, das ich dann auch während des Umzugs trug. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob man ein Dirndl wirklich als „national dress“ bezeichnen kann. Ich fand es aber passend. Während des Umzugs standen wir auf unserem Umzugswagen, lächelten, winkten und posierten für Fotos. Das hat uns sehr viel Spaß gemacht. Die Menschen dort waren richtig begeistert, uns zu sehen, und jubelten uns zu.

Die Filipinos hier sind generell sehr begeistert von Ausländern. Die Schülerinnen und Schüler aus meiner Klasse und insbesondere auch aus den jüngeren Klassenstufen zum Beispiel sind total entzückt über meine Haare ( -- für deutsche Verhältnisse absolut durchschnittlichen). Dauernd will jemand sie anfassen. Und wenn ich an den Räumen der Grundschulklassen vorbeilaufe, schauen mich die Kleinen mit ihren großen Augen an und flüstern „Oh, the German girl“. Wenn ich sie dann anlächle, rennen sie kichernd weg. Zumindest war das in den ersten sechs Wochen so. Jetzt kennen fast alle meinen Namen und trauen sich auch „Hallo“ zu sagen. Manche kommen auch auf mich zugerannt und umarmen mich spontan. Auch wenn ich mit meiner Familie einkaufen gehe oder mich in der Shopping-Mall aufhalte, fühlt es sich an wie auf einem Laufsteg, weil fast alle mich anschauen. Daran habe ich mich immer noch nicht ganz gewöhnt. Jetzt, während der Regenzeit, ist es sogar schon vorgekommen, dass Fremde mir ungefragt ihren Regenschirm über meinen Kopf gehalten und mich ein Stück auf der Straße begleitet haben, damit ich nicht nass werde. „Please, m‘am…“

Ein weiteres großes Ereignis war das 60-jährige Jubiläum meiner Schule, des San Pietro College. Am 26. August versammelten sich alle Schüler und viele Eltern in der Turnhalle, die zu einem richtigen Festsaal umdekoriert worden war. Es gab viele sehr sehenswerte Aufführungen von Schülern, aber auch von Lehrern. Die Schüler und Schülerinnen hier sind nämlich künstlerisch alle sehr talentiert. Das erstaunt mich immer wieder. Manche singen extrem gut, andere tanzen, malen oder basteln oder spielen verschiedene Instrumente. An der Schule wird sehr viel Wert auf die individuelle Förderung der Kreativität und des Talents gelegt. Beim Jubiläum sah ich beeindruckende Ausdruckstänze, Modern Dance, traditionelle Tänze. Der Schulchor sang und zwei Bands spielten. Ich durfte auch auftreten. Mit meiner Gastschwester und vier weiteren Mitschülerinnen spielten wir verschiedene Stücke auf der Geige, wobei uns eine Band begleitete. Aber auch die Lehrer beeindruckten mich. Fünf Lehrerinnen, darunter auch meine Klassenlehrerin, gaben eine Gesangseinlage von sich. Und alle Lehrer führten zusammen einen Modern Dance auf. Alles in allem war das ein sehr lustiger und schöner Abend.

Terroranschlag in Davao

Nun noch zu einem weniger schönen Thema: Ich weiß nicht, ob ihr es mitbekommen habt, hier auf dem Marktplatz von Davao City gab es Anfang September einen Bombenanschlag der muslimischen Terrororganisation Abu-Sayyaf. Dabei kamen 15 Menschen ums Leben und mehr als 60 Menschen wurden verletzt. Ich war an diesem Tag zum Glück nicht in der Stadt. Seitdem gibt es hier in Davao City nochmal mehr Sicherheitsvorkehrungen als es sie ohnehin schon gab. Die Bewohner von Davao City hat der Bombenanschlag wenig beeindruckt. Alles geht weiter seinen Gang und man hört nur ein ironisches „So viel zur sichersten Stadt der Welt“. Dafür halten die Einwohner von Davao nämlich ihre Stadt, nachdem Rodrigo Duterte hier 20 Jahre lang Bürgermeister war und mit radikalen Maßnahmen die Kriminalitätsrate extrem gesenkt hat.

Kontroverse Sicht auf das Staatsoberhaupt

Dies wiederum ist auch international ein aktuelles Thema. Seit 30.06.2016 ist Rodrigo Duterte Präsident der Philippinen. Gleich nach Amtsantritt begann er damit, sein Wahlversprechen einzulösen: die hohe Kriminalitätsrate auf den Philippinen zu senken. Seitdem gibt es hier sogenannte „Todesschwadronen“, die ungestraft Drogendealer und -abhängige, die hauptsächlich für die Kriminalität verantwortlich gemacht werden, umbringen.

Von meiner Familie in Deutschland bekomme ich immer die Nachrichten und die Kritik, die Dutertes Verhalten in der westlichen Welt auslöst, mit. Hier habe ich noch kein einziges Mal Kritik an ihm gehört. Alle sind sehr stolz auf Duterte, vor allem, weil er ja aus Davao kommt. Viele Einwohner tragen Gummiarmbänder, auf denen Dutertes Namen steht. Und wenn man durch Davao fährt, sieht man sehr viele Plakate mit der Aufschrift „Die XY-Familie gratuliert Duterte zur Präsidentschaft“.

Für mich ist es merkwürdig, dass hier wirklich niemand an Dutertes Politik Anstoß nimmt. Ich habe zum Beispiel meine Gastfamilie gefragt, was sie davon hält, dass Duterte US-Präsident Obama kurz vor einem geplanten Treffen als „Son of a bitch“ titulierte (das habe ich übrigens auch nur von meiner deutschen Familie erfahren, hier in den philippinischen Nachrichten war das gar kein Thema, soweit ich das beurteilen kann). Meine Gastmutter meinte daraufhin, seine brutale Sprache zeige doch nur, dass er stark und kein „Weichei“ sei. Für die Filipinos seien die 15 Präsidenten davor jeweils nur der Schoßhund von Amerika gewesen. Aber Duterte sei anders. Er habe keine Angst, seine Meinung zu sagen.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite verstehe ich die Filipinos. Hier gibt es so viel Korruption und Kriminalität, unter denen alle leiden. Und endlich gibt es mit Duterte einen Präsidenten, der diese Übel ernsthaft bekämpft. Duterte lässt aber auf diese Weise auch Menschen töten, allein zum Beispiel wegen ihrer Drogen-Abhängigkeit. Nach meinem Verständnis verstößt das gegen die Menschenrechte.

Aber die Menschen hier sehen das anders. Zum einen sei das die einzige Möglichkeit, die aus dem Drogenkonsum resultierende Kriminalität zu bekämpfen. Zum anderen sei das Leben der Drogenabhängigen sowieso schon zerstört. Sie zu töten, befreie sie in einer gewissen Weise sogar von ihrem Leiden. Zumindest die Einwohner hier sind stolz darauf, dass mittlerweile schon 300.000 Menschen getötet wurden.

Es ist ja auch nicht nur das Töten selbst, das mich irritiert. Es ist auch die öffentliche Zurschaustellung der Getöteten, die das Ganze so unmenschlich und surreal macht. Die Getöteten bekommen Schilder umgehängt, auf denen „Drogendealer“ oder „Süchtiger“ steht: Manche bekommen auch das Gesicht mit Dekoklebeband beklebt, auf dem dann ein Strichmännchengesicht gemalt wird. Dies wird dann regelmäßig in den Fernsehnachrichten gezeigt. Dort sind jedes Mal neue Bilder von getöteten Drogenabhängigen zu sehen, die frisch erschossen auf der Straße liegen. Das soll wohl der Abschreckung dienen.

Allerdings bekomme ich hier in Davao City von der Drogenkriminalität und den Todessschwadronen selbst überhaupt nichts mit – von den Nachrichten mal abgesehen.

Ich habe hier zum Glück trotz allem eine echt tolle Zeit und bin gespannt, wie es mit der philippinischen Politik weitergeht. Der dritte Bericht ist schon in Arbeit und wird bald folgen. Versprochen!

Schöne Grüße aus den Philippinen,

Ella