27.10.2016

Bericht #2

Anfang September gab es eine grosse Ausstellung bzw. Ein Fest der oertlichen „Gesellschaft der Landwirte“ (Sociedad Rural), die 4 Tage dauerte. Dort konnte man Lamas, Kaninchen, Huehner, Pferde, Hunde, Rinder, Kuehe, Traktoren und andere Landwirtschaftliche Maschinen kaufen (und natuerlich auch anschauen). Meine Cousine (11) hat sich eine Ente gekauft, die jetzt in ihrem Haus wohnt. Meine Hauptbeschaeftigung auf diesem Fest war essen (wie könnte es anders sein) und handgefertigte typisch argentinische Sachen an den vielen kleinen Ständen zu kaufen. Es wurde Gaucho-Kleidung (ein Gaucho ist der argentinische Cowboy), Mate-Zubehoer und Silberschmuck angeboten.

Silberschmuck ist sehr typisch fuer Argentinien, kein Maedchen kommt ohne min. 3 Ringe an jeder Hand zur Schule. („Fun Fact“: Argentinien kommt vom lateinischen argentum = Silber). Des Weiteren hatte meine Gast-Schwester (11) ein Reitturnier auf der Ausstellung, welches sie gewann.

Außerdem haben wir mit meiner Klasse das ganze Wochenende lang in Schichten einen kleinen Parkplatz angeboten, um Geld fuer unsere Jacken zu sammeln. In der 6. Klasse, also im Anschlussjahr, macht sich jeder Kurs eigene Jacken und T-shirts, die dann das ganze Jahr statt der Schuluniform getragen werden, und es wird sehr viel dafuer unternommen, das Geld zusammen zu kriegen. Meine Klasse bezahlt schon das ganze Jahr lang jeden Monat 100 argentinische Pesos (ca. 6 Euro) – hier kann man einfach alles in Raten bezahlen; es gab schon eine Tombola, und letztens haben wir ein Spanferkel verlost. Das T-shirt und die Jacke kosten zusammen 2000 argentinische Pesos, das sind ca. 120 Euro und das kann sich keiner mal eben so leisten und die Eltern bezahlen das auch nicht.

Man merkt schon, dass die Leute hier nicht ganz so viel Geld haben; meistens koennen meine Freundinnen nicht mit mir ins Kino (das kostet ca. 5 Euro) weil sie kein Geld haben, und es gibt einfach dauernd irgendeine Aktion, zB. Empanadas oder Kuchen backen und verkaufen, um Geld zu verdienen.

Was mir sehr gut an Argentinien gefällt, ist, dass ich in den 9 Wochen, in denen ich schon zur Schule gehe, erst eine Woche hatte in der wir wirklich an allen 5 Tagen Unterricht hatten. Wenn nicht gerade irgendein Feiertag ist, streiken die Lehrer oder haben eine Fortbildung. Es gibt unglaublich viele Feiertage, zB. Tag der Lehrer, Tag des Direktors, Tag des Maestros, Tag des Respekts an die kulturellen Unterschiede … meistens wissen die Leute gar nicht wieso „heute“ eigentlich keine Schule oder Arbeit ist, es ist halt „feriado“.

Am 21.09. war zum Beispiel „Tag der Schüler“. Auf diesen Tag freuen sich die Schueler das ganze Jahr. Am Tag vorher gab es abends eine art Fest in der Schule, zu dem wir in Jeans kommen durften. Die Schueler der 6. Klassen (es gibt 2) kamen mit Trommeln und Konfetti, das ist so Tradition.

Danach gab es Musik von einem DJ und Hamburger. Im weiteren Verlauf des Programms gab es eine „Talentshow“, wo aus jedem Kurs jemand etwas vorfuehren musste. Es wurde gesungen und getanzt, ich hatte fuer meinen Kurs eine selbst ausgedachte Jazz/Modern Choreografie getanzt. Danach wurden der Koenig und die Koenigin ausgewaehlt. Jeder Kurs hatte vorher seinen Prinzen und seine Prinzessin gewaehlt, die nun nacheinander zu Musik einliefen. Jeder musste sich vorstellen und sagen, wieso er Königin oder Koenig werden moechte. Man muss nicht zwingend als Paar gewaehlt werden. Ein Komitee aus Lehrern wählte den Koenig und die Koenigin. Doch unser Kurs gewann leider nicht.

Am eigentlichen Tag der Schueler, der gleichzeitig auch Fruehlingsanfang war, trafen wir uns zusammen mit der Parallelklasse in einer Quinta, das ist ein grosses Anwesen mit Pool (der um diese Jahreszeit noch leer ist), einem Salon (ein Veranstaltungssaal) und, natuerlich, einem Asado-Grill. Wir haben „Choripan“ gegrillt und gegessen, das ist ein Chorizo in Brot mit Salat und Tomate. Bevor ich nach Argentinien gekommen bin, haette ich das niemals gegessen, aber jetzt schmeckt es mir total gut! Danach ist es irgendwie in eine Wasserschlacht ausgeartet ...

Nach jedem Feiertag (also relativ oft) gibt es in der Schule einen „acto“. Das heisst, wir haben nur die ersten 3 Stunden Schule und danach gehen wir alle in die Aula und es wird etwas vorgefuehrt. Zuerst tragen die 3 Schueler mit den besten Noten aus der 6. Klasse die argentinische Fahne auf die Buehne, wo sie stehen bleiben waehrend die Nationalhymne abgespielt wird. („Fun Fact“: Ein Klassenkamerad schreibt gerade extra schlechte Noten, damit er naechstes Jahr NICHT die Fahne tragen muss). Danach hält die Direktorin eine Rede, es wird etwas aus der Bibel vorgelesen und die 6. Klassen fuehren etwas auf. (Wie ihr schon seht, ich hab eigentlich fast nie Schule und die 6. Klassen muessen dauernd irgendwas machen.)

Die 6. Klasse, „promo“, ist hier sehr wichtig, jeder Jahrgang will der beste bzw. Coolste seigelesen, das Klassenzimmer wird schon Jahre vorher mit seinem „promojahr“ geschmueckt (also in unserem Fall die 17) und es gibt so eine Art Motto – unseres ist „Infin17a“ (Die 17 muss hier wie it gelesen werden), was so viel wie „fuer immer“ bedeutet. Die promo dieses Jahr ist „in16uable“ (die 16 muss hier wie ig gelesen werden), was so viel wie „unvergleichbar“ bedeutet. 

An einem anderen Wochenende sind wir mit der ganzen Familie in die Berge gefahren, wo wir ien Ferienhaus direkt am See haben. An einem Wochenende in den Urlaub zu fahren ist hier ganz normal, da lohnt es sich schon mal 600 km nach Buenos Aires zu fahren. Unser Ferienhaus ist ca. 200 km entfernt. Dort in der Nähe ist „Villa General Belgrano“ , ein deutsches Dorf. Naja, es ist ziemlich klischeehaft, mit seinen Fachwerkhäusern etc. erinnert es eher an die Schweiz oder Oesterreich. In diesem Dorf leben Deutsche, Schweizer, Österreicher und Norditaliener.

Wir haben dort zu Mittag gegessen und uns das Doerfchen angeschaut. Danach haben wir noch Freunde besucht, die Pferde haben. Im Sommer werden wir wohl oefter in die Berge fahren, denn wir haben dort einen Pool und das Haus liegt direkt am See. 

Kurz darauf war das 50-jaehrige Firmenjubiläum meines Gast-Vaters. Sein Vater hatte die Firma „el Tero“ gegruendet, und bis heute fuehren die Firma mein Vater mit seine 2 Schwestern weiter. Sie haben schon ueber 100 Angestellte und bieten einen Reparaturservice fuer LKWs an. Auch meine Mutter und die Ehemaenner meiner Tanten sowie meine 3 (fast) erwachsenen Cousins (17, 22 und 26) arbeiten dort. Es wurde ein grosser Salon gemietet und alle Angestellten mit Partner waren eingeladen (und natuerlich meine ganze Familie). Es war eine sehr festliche Angelegenheit, vorher kam extra eine Frisoerin zu uns nach Hause um meiner Schwester, mir und meiner Mutter die Haare zu frisieren. Es wurden Reden gehalten, gegessen und getanzt bis 6 uhr morgens, was voellig normal ist.

Des Weiteren holt mich so langsam der Schulalltag ein, wir muessen in jedem Fach ein „trabajo practico“ halten, also ein Referat (immer min. Zu zweit) halten, also zuerst eine schriftliche Ausarbeitung abgeben und danach praesentieren. Klausuren hab ich auch nicht wenige, aber die Klausuren sind manchmal Partnerarbeiten (also so offiziell) und es ist nie leise, die Lehrer haben da wenig Autoritaet. Meine schlechteste Note war bis jetzt eine 6, die beste Note ist 10 und die schlechteste 1.

Wenn man einen Durchschnitt von schlechter als 6 hat, in irgendeinem Fach, muss man an einem Tag in den Sommerferien im Dezember wieder kommen und nochmal eine Pruefung machen, wenn man da wieder durchfaellt, dh. Schlechter als 6 schreibt, muss man im Februar nochmal kommen. Wenn man da wieder durchfaellt schreibt man die Pruefung im naechsten Jahr nochmal schreiben, und wenn am Ende der 6. Klasse auch nur in einem einzigen Fach durchfaellt, darf man nicht an der Uni studieren. In einem Fach durchfallen heisst „llevarse una materia“, was soviel wie „ein Fach mitnehmen“ heisst. Man nimmt also ein Fach solange mit, bis man es besteht. Wenn man zu viele Faecher nicht besteht, muss man natürlich wiederholen.

Im Allgemeinen liebe ich Argentinien, die Herzlichkeit der Leute … alles. Aber eine Sache nervt mich echt: Ihre Unzuverlaessigkeit. Meine Familie ist da wirklich eine Ausnahme, wir sind immer relativ puenktlich und wenn wir familiäre Pläne haben, dann wird das auch so wie besprochen gemacht. Aber mit meinen Klassenkameraden kann man nichts auch nur einen einzigen Tag im Voraus planen.

Wenn man montags z.B. organisiert, dass man freitags feiern geht, kann man mit ziemlicher Sicherheit schon sagen, dass es abgesagt wird. Ich hatte fuer die letzten 3 Freitage plaene die jedes, wirklich jedes mal eine halbe Stunde vorher abgesagt wurden. Irgendwas kommt immer dazwischen. Auch wenn man sich morgens in der Schule für den Nachmittag verabredet, ist es relativ wahrscheinlich dass es wieder abgesagt wird. Das ist jedoch keineswegs böse gemeint, das ist einfach so. Irgendwas kommt halt immer dazwischen. Naja, muss man halt akzeptieren. Wer mich kennt weiss, dass ich ein sehr organisierter Mensch bin, also das komplette Gegenteil, aber was soll man machen :D

Manchmal ergibt sich dann spontan noch irgendwas anderes. Die Argentinier sind eben durch und durch spontan. Letzten Sonntag hatte meine Mutter Geburtstag. Meine Schwester und ich sind frueh aufgestanden ( um 9) und haben ihr ein grosses Fruehstueck von der Baeckerei um die Ecke ans Bett gebracht und so haben wir alle zusammen im Bett gefruehstueckt. Im Laufe des Tages kamen dann die ganze Freunde und Verwandtschaft vorbei.

Auch einige meiner Freunde hatten in letzter Zeit Geburtstag, dann werden immer die Maedchen nachmittags zum Kuchen essen eingeladen und am naechsten Wochenende wird dann eine Hausparty gemacht oder man geht zusammen feiern.

Achja, vorher war noch Muttertag. Das heisst wir sind mit der ganzen Familie essen gegangen und es gab, wie sollte es anders sein, Fleisch. Es gab wirklich 7 Gaenge Fleisch (mit Salat und Pommes) und das gibt es eigentlich immer wenn wir essen gehen oder wo eingeladen sind, das ist typisch argentinisch. Und selbst ich muss sagen dass es wirklich gut schmeckt, auch wenn ich Fleisch nicht ganz so in den argentinischen Mengen esse.

So, das wars dann mal wieder aus dem sonnigen Rio Cuarto. Naechste Woche fuellen wir den Pool ;)

Viele Grüße in die Heimat, Maike („la alemana“)