27.11.2017

Bericht #2 - Eingelebt im amerikanischen Alltag

Nun ist auch schon einige Zeit seit meinem ersten Bericht verstrichen und natürlich auch so einiges passiert. Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt und führe einen typisch amerikanischen Alltag. Das heißt, morgens gehe ich zur Schule, am Nachmittag stehen dann Schulsport -- ich habe mich für Cheerleading entschieden (Bild) -- und Hausaufgaben an. Abends wird dann gemeinsam mit meiner Gastfamilie zu Abend gegessen. Ich besuche hier die Watertown High School, die sich abgesehen von der Schüleranzahl von etwa 1.200, sehr von meinem Frankenthaler Karolinen-Gymnasium unterscheidet. 

Es fängt damit an, dass Schulbeginn schon um 7:45 ist. Und Zuspätkommen wird hier um Einiges strenger genommen, als ich es von Deutschland gewohnt bin. Jedoch wird Schule hier nicht nur mit Pauken gleichgesetzt, sondern ist für viele der Mittelpunkt im Leben. Denn Sport wird in den USA nicht in Vereinen gemacht, sondern an der Schule. Und der Sport wird auch sehr ernst genommen. So ist es durchaus üblich, dass man fünfmal die Woche trainiert und am Wochenende noch eine „Competition“ ansteht. Generell ist man als Schüler in den USA sehr viel enger mit seiner Schule verbunden. Kurz gesagt: Schoolspirit wird hier ganz groß geschrieben und auch ordentlich gezeigt. Beispielsweise bei den wöchentlichen Football-Spielen, die für viele (nicht nur die Spieler und Cheerleader) das Highlight der Woche sind.

Geprägt ist das amerikanische Schuljahr von einigen weiteren Höhepunkten. Der große Auftakt ist das sogenannte „Homecoming“. Bei uns in Watertown läuft das wie folgt: In der Woche vor dem eigentlichem Homecoming-Dance steht jeder Tag unter einem anderen Motto. So wird am Sonntag Window painting und das powder puff game veranstaltet. Bei Window painting bemalt jeder Sport-Club der High-school ein Schaufenster an der Mainstreet. Am darauffolgenden Abend findet das große powder puff game statt. Dort werden dann sozusagen die Rollen getauscht: Die Mädels treten stufenweise gegeneinander auf dem Footballfeld an und die Jungs feuern sie als „Cheerleader“ an.

Von Montag bis Freitag war dann die eigentliche Mottowoche angesagt, so hieß es am Montag Pyjama-Day und am Dienstag Twin day etc. Freitag stand das Footballgame an und am Samstag, dann endlich der Homecoming-Dance. Zusammen mit meiner Gastschwester und zwei Freundinnen haben wir uns schon nachmittags getroffen, um uns zu stylen. Abends kamen dann die Jungs dazu und wir haben noch ein paar Fotos gemacht und sind Essen gegangen. Anschließend geht es dann natürlich zum Ball. Anders als bei uns wird hier bei den Bällen, zumindest denen von der Watertown Highschool, mehr fetzige Musik gespielt und auch nicht klassisch Standard getanzt, sondern viel mehr freestyle – so wie man eben auf Partys tanzt. Jedenfalls kann ich sagen, ich hatte einen riesigen Spaß während der kompletten Homecoming week.

Doch langweilig wurde es für mich auch sonst nie, denn ich bin glücklich sagen zu können, dass meine Gastfamilie sehr unternehmungsfreudig ist. So bin ich mit meiner Gastmutter und -großmutter auf den Markt nach Madison (Hauptstadt von Wisconsin) gefahren, der in einem Quadrat rund um das Wisconsin State Capitol building (Bild) aufgebaut ist. Das Regierungshauptgebäude ist 85 Meter hoch, und in der Architektur sieht es dem Kapitol in Washington zum Verwechseln ähnlich. Jedoch hat Madison auch noch so einiges mehr zu bieten. So gibt es dort Kinos mit soweit zurückverstellbaren Sitzen, dass man fast liegen kann. Das ist aber noch lange nicht alles. An den Sitzen gibt es einen hell leuchtenden Knopf, den man drücken kann und dann kommt auch schon eine Bedienung, bei der man Pizza, Nudeln, Burger etc. oder auch Cocktails bestellen kann. Wenig später kommt diese dann zurück und serviert das Essen und die Getränke - einfach perfekt

Im Oktober bekamen wir zwei Tage frei wegen einer Lehrerkonferenz. Dies nutzte meine Gastfamilie zu einem Ausflug zu den Dells. Die Dells-Waterparks sind ein recht bekannter Ort in Wisconsin. Auf dem Weg dorthin machten wir noch einen Zwischenstopp an einem etwas kleineren Nationalpark, um wandern zu gehen. Zu unserem Aufenthalt im Wasserpark gehörte auch eine so genannte Ducks tour. Denjenigen unter euch, die so wie ich erst einmal an Ententour gedacht haben, bei der man im Park am Ufer spaziert und Enten füttert, kann ich gleich mal sagen, dass das zwei komplett verschiedene Paar Stiefel sind. Unter einer ducks tour versteht man eine Art Van, der sowohl fähig ist auf der Straße zu fahren als auch im Wasser herumzutuckern, d.h. auf dem Wisconsin river. Leider spielte das Wetter nicht so ganz mit, da ein eisiger Wind aufzog. Für mich, die den Sommer liebt, noch ungewohnt. Aber der nahende Winter wird sicher noch um einiges kälter.

Aber nicht nur mit meiner Gastfamilie habe ich schon einiges unternommen, sondern auch mit meiner Austauschorganisation AFS. Letzte Woche waren wir sogar für einen Tag in Chicago. Die Millionenstadt (drittgrößte der USA) ist nicht vergleichbar mit irgendeiner anderen Stadt, die ich je zuvor gesehen habe. Unzählige himmelshohe Wolkenkratzer ragen dort in die Luft. Auf dem höchsten, dem 442 Meter hohen Willis Tower (ehemals Sears Tower), der auch für eine Zeit lang das höchste Gebäude der Welt war, waren wir sogar auf dem "Skydeck". Von dort aus hatten wir eine atemberaubende Aussicht auf die "Windy city", wie die Stadt auch genannt wird.

Doch das war natürlich nicht die einzige Attraktion Chicagos, die wir zu Gesicht bekamen. So ging es dann auch zur "The Bean" (offizieller Name eigentlich Cloud Gate). Und tatsächlich hat die riesige Skulptur im Millennium Park die Form einer Bohne, allerdings einer XXXL-Bone, in der man neben seinem eigenen Spiegelbild auch das der unzähligen Wolkenkratzer sehen kann. Von dort aus sind wir dann die Michigan Avenue, die Einkaufsstraße der Megacity entlang gelaufen. Jetzt war Freizeit zum Shoppen angesagt, die ich und die anderen AFSer eifrig nutzten.

Nach einem Vierteljahr in den Vereinigten Staaten kann ich sagen: Ich habe hier eine echt super Zeit und bin froh, all das erleben zu können.

Viele Grüße, Hanna