11.1.2018

Bericht #11 - Zurück in Alaska -- 7 Jahre später!

Hallo Metropolregion Rhein-Neckar,

mittlerweile sind über sieben Jahre vergangen, seitdem ich mein Auslandsjahr mit AFS und als Rhein-Neckar-Botschafter in Alaska, USA, verbracht habe.

In der Zwischenzeit ist viel passiert und nun stehe ich kurz vor meinem Master-Abschluss. Also ein Grund noch einmal auf die vergangene Zeit zurückzublicken, auf das Auslandsjahr im Schuljahr 2009/10, auf ein Wiedersehen mit meiner Gastfamilie im Sommer 2015 und auf einen Besuch meines Gastvaters in meiner Heimat vor einigen Wochen…

Als ich mich damals für ein Auslandsjahr mit AFS in den USA entschieden hatte, dachte ich nicht im Traum daran, dass ich dieses in Alaska verbringen werde. Umso größer war die Überraschung, als ich erfuhr, dass es für mich tatsächlich in den 49. Bundesstaat der USA gehen sollte, genauer gesagt nach Homer. Vor meiner Abreise hatte ich überhaupt keine Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Aber der erste „Schrecken“ ist schnell der Vorfreude und Abenteuerlust gewichen. Also stieg ich in das Flugzeug und flog meinem neuen Zuhause auf Zeit entgegen.

Dort angekommen wurde ich sofort herzlich von meiner Gastfamilie willkommen geheißen und einen Tag später ging es schon auf unseren ersten Ausflug, mit einem Wasserflugzeug zu einem Gletscher. Aber das sollte nur der erste von vielen weiteren Höhepunkten sein. Meine Gastfamilie (mein Gastvater ist Fischer von Beruf) hat mich sofort in ihren Kreis aufgenommen und mir Einblicke in ihre, für mich völlig andere und neue Lebensweise, gewährt. Das Leben als Fischer in Alaska ist in keiner Weise mit unserem geordneten, ja fast „spießigen“ Leben hier zu vergleichen. Während unser Alltag hier weitestgehend durch Termine, Abmachungen, viele geschriebene und ungeschriebene Regeln bestimmt wird, haben sich die Menschen dort weitestgehend von diesen Zwängen befreit – so zumindest meine Erfahrungen, die ich aus meinen Begegnungen gewinnen durfte.

Statussymbole wie Autos, Kleider und Handys waren dort weniger wichtig. Und wurde das Auto in den letzten 6 Monaten nur einmal gewaschen und war die eigentliche Wagenfarbe in Folge dessen nicht mehr erkennbar, hat das auch niemanden gestört. Grundsätzlich wurde immer hinterfragt, ob man dies oder jenes tatsächlich benötigt oder die Anschaffung nur zusätzlichen „Ballast“ bedeutet. Dieses Prinzip hat meine Gastfamilie aber nicht nur auf die Anschaffung von materiellen Gütern angewandt, sondern auf alle größeren und kleineren Entscheidungen in ihrem Leben. Durch die Befreiung von materiellen und gesellschaftlichen Zwängen waren sie in der Lage, ihr Leben bewusster zu erleben.

Natürlich klingt dies auf den ersten Blick hervorragend, denn wer möchte sein Leben nicht bewusster erleben? Auf den zweiten Blick erfordert diese Lebensweise aber viel Mut und eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst. Wer bin ich wirklich? Was ist mir wichtig? Was sind meine Ziele? Was brauche ich, um wirklich glücklich zu sein? Für meine Gastfamilie bedeutet es das Sammeln von Erfahrungen – das Kennenlernen von Menschen, von Kulturen und von neuen Ländern – auch alles Gründe, warum sie sich schließlich für die Aufnahme eines Gastkindes entschieden haben.

Rückblickend betrachtet, war meine - doch relativ außergewöhnliche - Gastfamilie ein riesiger Glücksfall für mich. Zusammen mit ihr habe ich viel erlebt: Wir waren u.a. auf mehreren unvergesslichen Rafting-Trips inmitten der Wüste von Utah und Nevada; waren im Sommer auf ihrem Fischerboot fischen; sind auf zugefrorenen Seen mit dem Auto „driften“ gewesen und vieles mehr. Durch all diese Erlebnisse und Erfahrungen, die ich im Rahmen meines Auslandsjahres machen konnte, habe ich eine Menge gelernt, über mich und über eine andere Art das Leben zu gestalten. Diese Art von Wissen kann man sich nicht am Schreibtisch Zuhause oder in der Schule aneignen und das macht es so wertvoll.

Für mich war klar, dass ich irgendwann einmal wieder zurück möchte, um meiner Gastfamilie von damals einen Besuch abzustatten. Doch nach meiner Rückkehr nach Deutschland in 2010 hat es noch einmal fünf Jahre gedauert, bis ich die Gelegenheit im Zuge meines Auslandsstudiums erhalten habe.

2015 habe ich für ein Jahr in Colorado Springs (zweitgrößte Stadt im Staat Colorado) studiert. Mein, während der Zeit in Alaska, gewecktes Reisefieber war noch lange nicht erloschen und während ich schon mehrere Roadtrips unternommen habe, Hawaii einen Besuch abgestattet habe und in Aspen Skifahren war, war es nur folgerichtig, dass ich die Chance nutze und zu meiner Gastfamilie nach Alaska fliege. Zusammen mit einem Studienfreund, der zur selben Zeit in den USA studiert hat, haben wir uns also auf den Weg gemacht.

Es war ein sehr schönes Wiedersehen und fast wie früher – nur, dass ich diesmal selber Auto fahren durfte. Wir haben alle Orte von damals, wie zum Beispiel die Homer High-School oder die Landzunge „Homer Spit“ besucht. Auch haben wir das gute Wetter ausgiebig genossen, haben ausgedehnte Strandspaziergänge unternommen und abends gab es dann wie gewohnt selbstgefangenen und geräucherten Alaska-Seelachs mit selbstgemachtem Himbeereis und selbstgemachter Schokoladensauce zum Nachtisch. Danach wurde wie üblich bis spät am Abend Bridge gespielt. Diese Woche verging wie im Flug und es wurde ein zweites Mal Abschied genommen.

Ein nächstes Wiedersehen, zumindest mit meinem Gastvater, fand dann 2017 relativ spontan statt. Auf dem Rückflug von einer seiner Reisen ist er in Deutschland zwischengelandet und hat seinen Aufenthalt um ein paar Tage verlängert, sodass ich die Gelegenheit hatte, ihn etwas durch meine Heimatstädte Schwetzingen und Heidelberg zu führen. Aber auch diese Tage vergingen viel zu schnell und es wurde erneut Abschied genommen – nicht ohne der festen Absicht sich eines Tages wieder zu sehen!

Seit meinem Auslandsjahr als Jungbotschafter ist eine lange Zeit vergangen und doch sind viele Erinnerungen noch sehr präsent. Natürlich besteht das Auslandsjahr nicht nur aus Höhepunkten, sondern auch aus Tiefpunkten. Aber gäbe es die Tiefpunkte nicht, könnte es auch keine Höhepunkte geben. Während der Zeit im Ausland schaut man natürlich nur von Höhepunkt zu Höhepunkt und würde alles andere gerne überspringen. Aber rückblickend betrachtet, sind gerade die schwierigen Zeiten die wertvollen, in denen man wächst und sich weiterentwickelt.

Daher kann ich jeden, der momentan eine solche Zeit erlebt, nur ermutigen dabeizubleiben. Und allen anderen, die gerne ein Jahr im Ausland verbringen möchten, sage ich: Lasst euch nicht von Hürden, ob organisatorischer oder anderer Art, abhalten -- es lohnt sich! Der wahre Wert eines solchen Jahres wird einem erst im Nachhinein bewusst. Die Erfahrungen, die neuen Freundschaften und die eigene Weiterentwicklung kann einem niemand mehr nehmen.

Beste Grüße

David Wirth