9.2.2018

Bericht #4 - Mein Jahreswechsel im Sunshine State

Hallo Metropolregion Rhein-Neckar, 

ich hoffe alle sind gut in das neue Jahr gestartet und haben die Zeit "off" genossen. Zum Auftakt erstmal noch ein Rückblick auf meinen Jahresausklang 2017: Ich muss zugeben, dass ich nicht wirklich in die klassische Vorweihnachtsstimmung gekommen war. Das lag vor allem daran, dass es hier in Florida die ganze Zeit noch deutlich über 20°C hatte.

Weihnachten und Jahreswechsel am Strand…

Klar, viele Häuser waren aufgepimpt mit LED-beleuchteten Krippen-Figuren oder Nikoläusen, die sich vom Dach abseilen. Mein persönlicher Favorit war das Schneepanorama, das von mehreren flutlichtartigen Scheinwerfern an die eine oder andere Garage gezaubert wurde. Dass die Weihnachts-Dekorierungen von vielen Leuten tatsächlich als ein größeres Hobby wahrgenommen werden, machte sich auch daran fest, dass diverse Familien den Vorgarten mit Schmuck zupflasterten und die Stromrechnung anscheinend der nächsten Kreuzfahrt vorziehen. Typisch amerikanisch eben.

Als dann aber unser Weihnachtsbaum stand, konnte ich mich auch in die allgemeine Weihnachtsstimmung immer mehr einbringen. Heiligabend verbrachte ich in Cocoa Beach, ein Ort in der Nähe von Cape Canaveral – am Strand mit den "Surfing Santas". Ich würde das so beschreiben: Mehrere hundert Surfer kommen zusammen, um sich mit Nikolausmützen und interessanter Verkleidung in die Fluten zu stürzen. Dazu habe ich am 24. auch gehört! Das war eine Menge Spaß, auch wenn die Wellen an diesem Tag relativ dürftig waren.

Ich habe dort viele coole Leute getroffen und zum Mittag waren wir dann in einem Restaurant namens „Heidelberg“ in Cocoa Beach, das von einem Wiener geführt wird. Das Restaurant hatte eine durchaus amerikanische Speisekarte, doch der Chef sprach deutsch.

Vor ein paar Tagen war ich mit meiner Familie sogar richtig gut deutsch essen. Es war zumindest so, dass ich das als Deutsch durchgehen lassen würde. Ich war überrascht, es war wirklich essbar. Ich hatte mich für Jägerschnitzel entschieden, der Rest der Familie für Eisbein. Aber auch meine Leberwurst-Platte war zum Verlieben. 

Tatsächlich findet man solche Restaurants überall in Florida, manchmal sogar mit einer deutschen Flagge im Vorgarten – da sieht man, wie sich auch die deutsche Aussteigerkultur im immer warmen Sunshine State ausgebreitet hat. ;-)

Der Sunshine State machte allerdings in den ersten Januartagen seinem Namen leider keine Ehre: Wir hatten hier einige richtig kalten Tage mit Nachttemperaturen unter dem Gefrierpunkt. Absolut untypisch und ungewohnt. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich die deutschen Winter in Zukunft durchstehen soll, allein schon der Gedanke an feucht-kaltes Wetter ist furchtbar!

Zu Silvester gibt es nicht viel zu erzählen, das war vergleichsweise unspektakulär, meine Familie und ich verbrachten den Jahreswechsel am Strand.

Finale im College Football, Superbowl und AFS-Camp

Am Neujahrstag fand in Orlando der Citrus Bowl statt, eines der jährlichen Finalspiele im College Football. Das ist ein relativ komplexes Thema und nicht so leicht zu durchschauen. Im Prinzip spielen die ersten 4 - aus der sogenannten Top 25 - den besten aus, mit wechselnden Austragungsorten, den verschiedene „Bowls“, die aber immer am gleichen Ort sind.

Das Spiel, das in Orlando jährlich stattfindet, den sogenannten Citrus Bowl, trugen dieses Jahr die Teams der Colleges Notre Dame und Lousiana State University (LSU) aus. Meine Sympathien lagen bei den „Fighting Irish“ von Notre Dame, die ich ähnlich gut finde wie die Florida Gators, vor allem wegen des deutschen Receivers. Mein Gastvater hingegen sympathisiert mehr mit den LSU „Tigers“, da er aus Louisiana stammt.

Am Ende besiegte Note Dame LSU mit 21:17. Es war ein großartiges Spiel, spannend bis zum Schluss! An der Stelle möchte ich mal ein Vorurteil beseitigen, das viele Deutsche über amerikanischen Sport haben: Ja, es ist wahr, in den großen Profi-Ligen, vor allem in der MLB (Baseball) herrscht kaum Stimmung. Aber nicht so im College-Sport! Die Stimmung hier ist jedes Mal hervorragend und mit deutscher Sportkultur vergleichbar. Und das Level, auf dem gespielt wird, ist wirklich hoch. Die Stadien sind voll und es sind einige dabei mit über 100.000 Plätzen, das macht dann schon richtig Spaß!

Im neuen Jahr fand unser 2. AFS Camp statt, welches tolle Eindrücke bei mir hinterlassen hat. Ich lernte superviele tolle Leute aus der ganzen Welt kennen und wir haben uns ausnahmslos top verstanden untereinander. Es waren relativ viele deutsche Austauschschüler vertreten und es kam einem richtig komisch vor Deutsch zu reden…wieder gewöhnungsbedürftig. Sonst verläuft bis jetzt alles relativ unspektakulär, Schule halt und natürlich viel Training. Es macht mir aber weiterhin Spaß, vor allem mit den Leuten hier.

Letzte Woche kam auch die Saison im Profi-Football zu ihrem krönenden Abschluss, der Superbowl stand an, das größte Einzelsport-Event der Welt. Ich oute mich übrigens an dieser Stelle als Mitglied der „Anti-Brady Fraktion“, eigentlich bin ich Fan der in Oakland beheimateten Raiders, die leider nach Las Vegas umziehen. Superbowl ist sportlich der absolute Hammer, egal von wem man Fan ist. Die Half-Time-Show hingegen hat mich dieses Jahr nicht überzeugt, aber das liegt daran, dass ich einfach kein Fan von Justin Timberlake bin.

Abstecher nach Lousiana

Während ich diesen Bericht schreibe, sitze ich in Louisiana auf der Couch – während es draußen 5 °C kalt ist. Da fragt man sich jetzt, was macht der Junge während der Schulzeit in Louisiana statt in Florida? Nun, ich bin gerade in einem kleinen Ort namens Doyline bei Verwandten meiner Gastfamilie. Wir haben leider einen familiären Krankheitsfall, daher sind wir außerplanmäßig hier. Zum Glück ist es nicht so schlimm, wenn ich das richtig mitbekommen habe. So entspanne ich jetzt ganz im Nordwesten von Louisiana, rund 1.500 Kilometer entfernt von meinem Gastort Deltona, was für mich persönlich ganz interessant ist.

Was würde ich zu Louisiana sagen? Schwierig, hier ist eigentlich nicht viel, es ist sehr ländlich. Was ich bis jetzt von den USA gesehen habe, würde ich sagen, gehört dieser Teil des Landes zu den ärmsten. Und was ich hier leider auch immer wieder aufschnappe, ist offener Rassismus. Natürlich nicht bei allen Menschen, aber doch trifft man hier auf Leute mit Aussagen und Einstellungen, wie man sie in Florida normalerweise nicht sieht und hört.

Ich finde das einerseits sehr interessant und auf der anderen Seite auch krass, weil die Gesellschaft hier echt gespalten ist. Ich kenne leider keine Austauschschüler in Louisiana, sonst würde ich mal nach deren Meinung fragen. Das wäre sicher interessant, da einen tieferen Blick reinwerfen zu können.

Das Essen ist hier gut und ich habe viel Spaß!

So viel zu mir. Man hört voneinander, Servus Rhein-Neckar!