25.7.2018

Bericht #10 – Letzte, ereignisreiche Tage und Abschied von Chile

Liebe MRN,

die letzten Wochen vor meiner Rückreise kamen ganz anders als ich sie erwartet hatte, denn die öffentlichen Schulen in Punta Arenas streiken seit Ende Mai. Zunächst fand ich es total toll, denn so hatte ich Zeit mit meinen Freunden etwas zu unternehmen und genoss die kurze Auszeit. Von Woche zu Woche gab es jedoch keine Anzeichen dafür, dass die Schule wieder starten wird, so bekam ich Bedenken, ob ich vielleicht gar nicht mehr die Möglichkeit bekomme, meine Lehrer und Klassenkameraden zu verabschieden. Da ich normalerweise in der Schule meine Freunde treffe, vermisste ich meinen geregelten Tagesablauf sehr. Trotz allem versuchte ich nicht den Kopf in den Sand zu stecken und plante so viel wie möglich, was nicht immer ganz einfach war. Meine Freunde sind sehr nett, aber nicht unbedingt die unternehmungslustigsten. Erschwerend kommt in dieser Jahreszeit noch dazu, dass es morgens spät hell und abends früh dunkel wird, draußen kalt ist - zeitweise lag sogar Schnee und dadurch die Motivation zum Rausgehen nicht unbedingt steigt. Das hat mich manchmal schon ganz schön viel Energie gekostet.

Der Streik hatte jedoch auch gute Seiten, denn in dieser Zeit besuchten mich meine Eltern aus Deutschland. Da keine Schule war, hatte ich die Möglichkeit ihnen ein bisschen was von meiner neuen Heimat zu zeigen. So fuhren wir z.B. auch (für mich war es bereits das dritte Mal) zum Nationalpark Torres des Paine. Mit meinem Gastpapa und einem Bergführer starteten wir morgens bei minus 8 Grad unsere Wanderung zu den „Türmen“, das ist im Winter bei Eis und Schnee ohne Begleitung nicht erlaubt. Das Highlight am Ende unseres Tages war ein Puma in freier Wildnis, der nur ca. 20 Meter vor uns entfernt war. Wir saßen im Auto und fühlten uns sehr sicher, so konnten wir ihn lange beobachten, wie er kurz davor war, sich einen Hasen zu schnappen. Das war gigantisch und erfüllte mir einen großen Wunsch. Insgesamt verbrachten wir schöne Tage zusammen, doch auch als meine Eltern wieder abreisten, war kein Streikende in Sicht.

Wenige Tage später bekam ich die Möglichkeit, für eine Woche bei meiner Freundin auf Feuerland zu wohnen. Vielleicht erinnert ihr euch noch an meinen vorletzten Bericht, als ich euch von ihrer Knieverletzung berichtete. Da das Dörfchen mit grad mal 60 Einwohnern eine eigene kleine Schule (1.-8. Klassenstufe) hat, konnten wir dort etwas mithelfen. Dass hat total viel Spaß gemacht! Die Klassen sind so klein, dass die 1.- 4. Klasse und die 5.- 8. Klasse zusammen unterrichtet werden. Gleich am 2. Tag gab es einen Buchstabierwettbewerb in Englisch bei dem sich mehrere Schulen trafen. Total ungewöhnlich für mich war, dass alle Dorfbewohner zu dieser „Feierlichkeit“ frei hatten. Es gab Essen (natürlich viel Fleisch, was sonst) und Trinken und einige schöne Auftritte der Schulkinder.

Einige Tage später fand dort die „Fiesta del Fuego“, das Fest des Feuers, statt. Mit dem größten Lagerfeuer Chiles wurde der 500. Jahrestag der Überquerung der Magellanstraße des portugiesischen Seefahrers Fernando de Magallanes (1480-1521) gefeiert, der damals die großen Feuer auf dem Feuerland fand, die die Ureinwohner gezündet hatten. Bei minus 7°C und Schnee tanzten die Schulkinder ihre einstudierte Choreografie auf die traditionelle Musik der Selk’nam u Onas mit Mützen, Schals, Handschuhen und Schneehosen.

Kurzfristig kam dann die Frage auf, ob ich nicht auch am Umzug in der nächstgelegenen Stadt mittanzen könnte, denn es fehlten immer noch Teilnehmer. So lernte ich am Tag zuvor noch schnell die Choreografie und das Dorf stellte ein Schafskostüm für mich zusammen. Ich war jedoch nicht die Einzige auf den letzten Drücker! Eine Nachbarin hatte am Tag vorher immer noch nicht die Rattenkostüme für die Familie gebastelt und so wurde im Dorf kurzfristig das Aggregat für das Licht  eine Stunde länger laufen gelassen. So einfach geht das ;-). Am Tag des Auftrittes waren die Kostüme dann zum Glück alle fertig und wir fuhren 2,5 Stunden mit mehreren Autos die Strecke von 150 km zum nächsten Dorf, nach Porvenir. Nach unserem gelungenen Auftritt, nahm ich das Schiff und kehrte wieder zurück nach Hause. Eine wirklich tolle und ereignisreiche Woche in der ich viele extrem nette und herzliche Menschen kennenlernen durfte!

Die letzten Wochen vor meiner Rückkehr vergingen im Flug! Zwischen Abschlussfeiern mit meiner Klasse und Freunden, mussten natürlich auch Abschiedsgeschenke gemacht und Mitbringsel besorgt werden. Der Streik stoppte bis heute leider nicht, doch im Moment sind 3 Wochen Winterferien in Chile. Ich hoffe natürlich für meine Klassenkameraden, dass der Unterricht bald weiter geht, denn die Abschlussprüfung steht ihnen in 1,5 Jahren bevor. Für mich bedeutete das 8 Wochen “Freizeit“, bei dem ich von Woche zu Woche gehofft habe, dass der Unterricht bald wieder startet.

Einen Tag vor meiner Rückreise nahm ich dann mit meiner Freundin beim „Chapuzon“ in Punta Arenas teil. Um es einfach zu erklären: Es ist ein Festival an dem ca. 2000 Menschen, im Winter bei Minusgraden gleichzeitig ins Meer stürmen, um sich kurz „abzukühlen“. Die Idee ist eigentlich total verrückt, doch es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Jeder Teilnehmer bekam ein T-Shirt, ein kleines Handtuch und eine Tasse als Andenken geschenkt. Zuvor wärmten sich alle gemeinsam mit lauter Musik und Zumba auf und kurz vor dem Badespaß wurde wie immer ganz laut (und für mich das letzte Mal) die Nationalhymne gesungen oder besser gesagt geschrien.

Aus aller Welt kamen Fans zu dem jährlichen Event. Brasilianer, Ecuadorianer, Italiener, Japaner, … und natürlich auch Deutsche nahmen am Festival teil, das sogar im Fernsehen übertragen wurde. Dank der Mama einer Freundin wurde ich auf der Bühne gegrüßt und sie wünschten mir eine tolle Rückreise nach Deutschland. Leider hörte ich die Grüße nicht, da ich mich zu diesem Zeitpunkt mit dem eiskalten Wasser rumschlug, hihi.

Am darauffolgenden Tag verabschiedete ich mich von meinen Gasteltern und Freunden am Flughafen. Mit einer Zwischenübernachtung in Santiago flog ich dann mit den anderen deutschen AFS-Schülern zurück nach Deutschland. Nun bin ich seit wenigen Tagen wieder zuhause und habe mich glücklicherweise nicht gleich erkältet. Der Temperaturunterschied von minus 5°C auf 35°C machte mir die ersten beiden Tage ziemlich zu schaffen. Langsam gewöhne ich mich aber an diese extremen Temperaturen hier und freue mich natürlich den restlichen Sommer im T-Shirt zu verbringen!

Bis bald, einen letzten Bericht schreibe ich noch…. ;-)

Eure Luise