29.9.2015

Bericht #2

All you need is Ecuador!

Einen Monat bin ich nun schon in dem Land, das ich mittlerweile meine neue Heimat nennen kann. Seit meinem letzten Bericht sind nur wenige Wochen vergangen, aber ich habe trotzdem das Gefühl, wenn ich jetzt nicht schreibe, würde dieser Bericht wohl kein Ende finden.

Das Schulsystem in Ecuador hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem deutschen. Es gibt die „Escuela“ und das „Colegio“. Ich gehe zur Zeit in die 5. Klasse des „Colegio Vespucio Americano“ zusammen mit 45 anderen Schülern in meinem Alter. Normalerweise fassen die Klassen an den Schulen hier nicht so viele Schüler, da meine Schule allerdings sehr klein ist, hat man sich dafür entschieden alle in eine Klasse gehen zu lassen. Ich muss sagen, das ist wirklich nicht gerade eine gute Idee angesichts dessen, dass die Lehrer es kaum schaffen die Schüler zum Schweigen zu bewegen.

Schulalltag in Ecuador
Aber fangen wir mal am Anfang eines Schultages an: Die Schule beginnt um 7 Uhr, was für mich persönlich nicht gerade toll ist, vor allem da ich wegen meiner Gastmutter, die an dieser Schule unterrichtet, immer als Erste da bin. Der erste Schultag war ein wenig gewöhnungsbedürftig. Sobald um 7 die Schulklingel ertönt, wird sich in Reih und Glied, der Größe nach geordnet, aufgestellt – klassenweise und Jungen und Mädchen getrennt. Oftmals wird auch noch ein korrektes Tragen der Uniform überprüft. Die Schuluniform für Mädchen ist ein blau-rot-karierter Rock, ein weißes Poloshirt, schwarze Ballerinas und dunkelblaue Socken. Für Jungen das gleiche weiße Poloshirt mit dunkelblauer Anzughose und schwarzen Anzugschuhen. Die Sportuniform ist für alle gleich: ein weißes T-Shirt, lange dunkelblaue Jogginghosen und weiße Sneaker, die wirklich sehr ungeeignet sind zum Laufen.

Das Komische an der Sportuniform ist allerdings, dass man sich nach dem Sportunterricht nicht umzieht, sondern die Uniform anbehält. Sobald sich alle formiert haben, hält der Direktor eine Ansprache; meist über Disziplin und Arbeitsgeist etc. Montags wird dann noch die Nationalhymne gesungen und „VIVA ECUADOR!“ gerufen. Die Formation wird erst dann aufgelöst, wenn der Direktor die Klassen bittet in ihre Klassensäle zu gehen – Señoritas immer zuerst.

Die Unterrichtsstunden dauern wie in Deutschland 45 Minuten. Für die höheren Klassen ist die erste Pause nach der 4. Stunde, die 2. nach weiteren 3 Stunden. Ende ist um 13:45. Der Unterricht ist in Fächern wie zum Beispiel Biologie, Chemie-Physik oder auch Mathematik nahe dem deutschen Standard. Die anderen Fächer, wie Literatur oder Ciudadania (Staatsbürgerkunde), lassen sich nicht mit dem deutschen Stundenplan vergleichen. Und Englisch ist hier zwar mit 5 Unterrichtseinheiten vertreten, dennoch befinden sie sich auf dem Stand von Fünftklässlern in Deutschland (mein Englisch ist besser als das meiner Lehrerin.)

Ich kann nicht sagen, wie es an den anderen Schulen in Ecuador aussieht, aber mein Unterricht besteht zum größten Teil aus Diktieren, was es mir erschwert mitzukommen. Was mich sichtlich verwundert hat, ist das sehr viele meiner Mitschüler im Unterricht schlafen, am Handy spielen oder mit Kopfhörern Musik hören, ohne das der Lehrer etwas dazu sagt.

Ich würde mir trotzdem wirklich wünschen, dass das Lehrer-Schüler-Verhältnis in Deutschland so wäre wie hier. Der Schüler steht zwar immer noch unter dem Lehrer, dennoch ist es ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Man umarmt einander auch mal oder kann gut mit ihnen über Gott und die Welt reden; in Deutschland nicht wirklich möglich. Eine weitere Sache, die mir hier extrem auffällt, ist die Integration: Außenseiter existieren hier nicht wirklich. Alle werden integriert, keiner wird ernsthaft gemobbt (natürlich gibt es hier auch Neckereien und Sticheleien).

Schule hier gefällt mir insgesamt wirklich gut, dennoch ist es sehr ernüchternd zu hören, dass ich nach meinen zweiwöchigen Ferien auch samstags zur Schule gehen muss. Das wurde durch die ganzen Umstände wegen des Ausbruchs des Vulkans Cotopaxis und der bevorstehenden Regenzeit beschlossen. Das Gute daran ist allerdings, dass ich schon Ende Januar und dann bis Mitte April Ferien habe – viel Zeit zum Reisen! :D

Wie Heimweh kommt und wieder geht…
Auch wenn ich am liebsten gar nicht darüber schreiben möchte, denke ich, dass es wichtig ist anderen zu erzählen, dass es nicht nur schöne, sonnenreiche, sondern eben auch sonnenarme Tage gibt: Heimweh. Da ich noch nie so lange von zu Hause weg war, schon gar nicht ohne meine Familie, konnte ich mir nicht ausmalen, wann und wie stark sich das Heimweh in mir breit machten würde.

Dazu kann ich nun mehr sagen. In meiner 3. Woche hier hat mich das Heimweh überrumpelt. In einer Intensität, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Das Gefühl alleine zu sein, kann wirklich sehr schmerzhaft sein. Zwar war ich nicht alleine, aber trotzdem: Niemanden zu haben, mit dem man persönlich reden kann, ohne vorher minutenlang über den Satzbau nachzudenken, ist wirklich schwierig. Zum Glück habe ich hier bereits Freunde gefunden, die mich so gut es ging getröstet haben und auch meine Gastfamilie hat mir sehr dabei geholfen, mit tröstenden Worten und Umarmungen. Dazu kommen noch die Briefe meiner Freunde aus Deutschland, die ich seit Anfang meiner Reise dabei habe und für die ich mich auch an dieser Stelle noch ganz herzlich bedanken möchte.

Doch es gibt auch mehr als genug andere Faktoren, die das Heimweh abmildern. Zum Beispiel meine zweite AFS-Orientation in Playas. Es war herrlich meine ganzen neuen Freunde aus aller Welt wieder zu sehen und zu hören, was sie bisher alles erlebt und gesehen haben. Auch mal wieder die eigene Sprache sprechen zu können, tut sehr gut. Unglaublich, dass ich nach so kurzer Zeit schon mehr als einmal ein Wort in Deutsch verzweifelt gesucht habe, da nur die spanische Version davon in meinem Kopf existierte. Dieses Wochenende habe ich wirklich sehr genossen. Meine Zeit am Strand, in der ich mich trotz mehrfachen Eincremens mit Sonnencreme ziemlich verbrannt habe oder anderen Aktivitäten wie zum Beispiel Banana-Boat-Fahren waren eine tolle Abwechslung zum Schulalltag. Hier lässt es sich wirklich gut leben!

Andere Länder, andere…
Na ja, ein oder zwei Kritikpunkte gibt es ja immer. Dazu zählen Sachen, an die ich mich wohl in meinem ganzen Jahr nicht gewöhnen werde: Erstens, dass Toilettenpapier hier nicht in die Toilette geworfen wird, sondern in einen Mülleimer und dass es bei mir im ganzen Haus kein warmes Wasser gibt. Man hat uns dies zwar schon im Orientation-Camp mitgeteilt, toll ist es allerdings trotzdem nicht. Vor allem da es hier an der Küste üblich ist, mehr als einmal am Tag duschen zu gehen.

Zweitens wäre da das Zeitmanagement, welches mir wohl demnächst den letzten Nerv raubt. Ein kleines Beispiel ist, dass ich ein Zertifikat meiner Schule gebraucht hatte. Lediglich mein Name, meine Schulzeit, die Unterschrift des Direktors und der Schulstempel sollten auf das Blatt. Mir wurde mehrfach gesagt, ich könne es am nächsten Tag abholen. Ich bin eineinhalb Wochen lang jeden Tag in das Direktorat, um es abzuholen und als sie mir es dann endlich aushändigten, fehlte die Unterschrift des Direktors.

Ein anderer Punkt ist, dass ich mich hier ein wenig eingesperrt fühle. Guayaquil zählt zu den Städten mit der höchsten Kriminalität im Land, was ich bisher auch schon zweimal miterlebt habe. Deshalb ist es mir nicht erlaubt, alleine vor die Tür zu gehen, schon gar nicht sobald es dunkel wird. Aber dafür hat es mich umso mehr gefreut, als meine Familie mir erlaubt hat mit einer Schulfreundin zum Stadion zu fahren und mich nach Sportmöglichkeiten umzuschauen und mit ihr ins Kino gehen durfte, was eine äußerst lustige Angelegenheit war.

Kino hier ist ganz anders als in Deutschland. Hier wird richtig mitgefiebert. Während es in Deutschland nicht erwünscht ist, während einer Vorstellung zu reden, fangen hier alle an zu rufen „Lauf! Lauf doch!“ oder „Nein! Geh da nicht rein!“ wenn es spannend wird oder der Held sich in einer misslichen Lage befindet. Oder die Leute lassen sonstige Kommentare zu dem Film ab, die wirklich sehr amüsant sind. Klingelt ein Handy während einer Vorstellung, wird natürlich auch abgenommen und telefoniert. Es macht viel mehr Spaß  hier einen Film zu schauen, da durch dieses Mitfiebern der Film meiner Meinung nach um einiges lebendiger wird.

Das war es auch schon von meinem zweiten Bericht aus Ecuador. Mal schauen was ich nächstes Mal zu erzählen habe. Bis dahin, Hasta luego ! Nora :)