29.1.2016

Bericht #6

„Halbzeit...“ Ich kann es nicht glauben... ich weiß, immer wieder dieselbe Leier, das ich jedes Mal wieder sage, wie schnell die Zeit vorbei geht. Aber jetzt, da die Halbzeit schon überschritten ist, ist das noch einmal ein ganz anderes Gefühl. Natürlich habe ich auch noch etwas anderes zu erzählen, als „Wehklagen und Herumgeheule“!

Hallo meine geliebte MRN!

Ja es gibt wirklich sehr viel zu erzählen... wie eigentlich immer :D

Ein Monat ist seit meinem Familienwechsel vergangen und es könnte mir hier nicht besser gehen! So kam es auch, dass wir uns kurzerhand entschieden hatten, nach Salinas an den Strand zu fahren. Gesagt, getan. Um 6 Uhr morgens wurden wir aus den Federn geschmissen und sind ans Bus-Terminal gefahren. Drei Stunden später waren wir dann endlich am Meer.

Gefährliche Brandung am Pazifik…
Riesige Wellen, Sonne und ein wunderschöner Strand. Diese riesigen Wellen des Pazifik waren allerdings alles andere als spaßig. Beinahe wären meine Gastschwester Darling und ich ertrunken. Das Ganze passierte, weil der Strand sehr abschüssig und das Meer allgemein sehr unruhig war. Diese Abschüssigkeit des Strandes brachte einen so starken Untersog mit sich, dass selbst, wenn das Wasser nur bis zur Wade ging, es mich umgerissen hat.

Darling, die allgemein schon Probleme mit ihrem Knie hatte, und ich wollten ins Meer gehen, um uns die kleinen Steinchen aus den Hosen und T-Shirts zu säubern (hier ist es eher unnormal mit Bikini schwimmen zu gehen, sondern eher normal mit T-Shirt und Hosen). Doch wieder zum Strand zurückzukehren, erwies sich schwieriger als gedacht. Der Sog war so stark geworden, dass man, sobald man am Strand angekommen war und stehen konnte, sofort wieder zurück ins Meer gezogen wurde. Zu allem Übel verweigerte das Bein von Darling auch noch den Dienst, so dass sie sich an mir festhalten musste, um nicht zu ertrinken, was mich wiederum fast zum Untergehen brachte. Wir schafften es dann zum Schluss doch noch, während schon die ersten Lebensretter angelaufen kamen, um uns aus dem Wasser zu fischen. Da wir vorher schon von ein paar Wellen erwischt wurden, in der ich zum Beispiel meinen einen Flip-Flop verlor und meine Gastschwester den ihren auch, waren auch unsere Sachen, die sich in den Rucksäcken befanden klatschnass.. nichts ist unverschont geblieben.

Zurück ging es dann eben in nassen Sachen und mit einem kaputten Rucksack, da wegen der durchnässten, schweren Sachen die Träger abgerissen waren. Erschöpft und müde kamen wir dann Zuhause an und am nächsten Tag durfte ich mir dann in der Schule unzählige Male anhören, wie gut mir die rote Farbe doch stünde, da ich mich trotz Sonnencreme schrecklich verbrannt hatte.

Aber dieses Erlebnis wird mich sicher nicht davon abhalten, wieder an den Strand zu gehen. Vor allem jetzt, da ich endlich Ferien habe und mir erlaubt ist, meine „viaje inocente“ also meine „unabhängige Reise“ anzutreten, was bedeutet, ich kann mich frei im Land bewegen, ohne an meine Gastfamilie gebunden zu sein.

Meine Begegnung mit der „Alltagsrealität“ Straßenraub…
Ein anderes Erlebnis, das ich noch unbedingt mit euch teilen möchte und so schnell auch nicht mehr vergessen werde, ist die Geschichte wie ich ausgeraubt wurde. Auch wenn es sich jetzt im ersten Moment schrecklich anhört, was es eigentlich auch war (aber im Nachhinein kann ich einfach nur darüber lachen), gehört es hier mehr oder weniger zum Tagesablauf. Dass es nicht schon früher passiert ist, ist schon sehr verwunderlich. Ich bin auch keineswegs die Erste, die ausgeraubt wurde. Eine Belgierin hatte das Pech schon zweimal ausgeraubt worden zu sein. Nun wie gesagt, es gehört mehr oder weniger dazu wenn man in Guayaquil wohnt, und als ich das meinen Freunden aus der Schule erzählt habe, schüttelten diese nur den Kopf. Aber ich will euch mal erzählen wie das Ganze abgelaufen ist:

Vorneweg noch einmal die wichtigste aller Regeln, wenn ihr in der 2,5 Millionen-Einwohner-Stadt Guayaquil unterwegs seid: Seid ihr auf der Straße, holt niemals euer Handy oder irgendwelche Wertsachen heraus! Es wird euch schneller abgenommen als ihr gucken könnt. Meine Gastmama hat mir erzählt, dass ihr mal ein Handy aus der Hand während dem Telefonieren abgenommen wurde. Leider ist das bei mir nicht so einfach abgelaufen.

Meine Gastschwester und ich waren an diesem Tag im Kino und meine Gastmama, die immer sehr besorgt ist, hatte mich schon im Kinosaal angerufen. Da ich allerdings nicht während des Filmes telefonieren konnte, ließ ich den Anruf unbeantwortet. Als der Film zu Ende war, verließen meine Schwester und ich die Mall, wo draußen strömender Regen auf uns wartete. Immerhin befinden wir uns ja gerade in der Regenzeit, was bei uns in Guayaquil schlimme Überflutung verursacht, sodass in manchen Teilen der Stadt das Wasser mannshoch in den Straßen steht (bei uns zum Glück „nur“ bis zu den Knien.)

Nun direkt vor der Mall wollten wir dann auf den Bus für nach Hause warten, der aber nicht kam. Wir warteten eine halbe Ewigkeit, bis wir uns entschieden nach Hause zu laufen, da wir nicht weit von der Mall weg wohnen und sowieso schon klatschnass waren. Gesagt, getan. Jetzt kommt die obige Regel ins Spiel. Wir suchten uns Schutz unter einer Brücke, wo ich mich noch über einen Mann lustig machte, warum er denn im Regen stünde, wo er doch zwei Meter neben dran trocken unter der Brücke wäre. Währenddessen rief mich Darlings Mutter wieder an, und diesmal dachte ich mir, kann ich den Anruf nicht unbeantwortet lassen und ging ran. Ich versicherte ihr, dass alles gut ist und wir in Kürze daheim wären. Ich legte auf und wir liefen weiter.

Auf einmal erschien dieser Mann, über den ich mich vorher noch amüsiert hatte, vor uns aus dem Nichts – ich kann mir bis heute nicht erklären wie er uns überholt hat, ohne dass wir es gemerkt haben. Dieser Mann kam gezielt auf mich zu, bedrängte mich und hatte eine Hand unter seinem T-Shirt. Meiner Schwester hat er nicht ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt. Mit den Worten „Ich habe eine Waffe, gib mir dein Handy“ kam er dann immer näher an mich heran. Ich war vollkommen überfordert mit der Situation und verstand überhaupt nicht, was er von mir wollte. Er sprach so undeutlich, dass ich nur das Wort „Handy“ verstand und mich noch wunderte, wieso er die Hand unter dem T-Shirt hat.

Nach einer gefühlten Ewigkeit rief mir meine Gastschwester dann zu, ich solle ihm doch endlich mein „scheiß Handy“ geben. Ich tat, wie mir geheißen, doch verstanden, dass ich ausgeraubt wurde, hatte ich erst, als er mit der Beute davon rannte. Meine Gastschwester und ich sind direkt zur Polizei gegangen und nach ca. 20 Minuten, die ich mit einem Polizisten auf seinem Motorrad in immer noch strömenden Regen verbracht habe, hatten wir ihn leider immer noch nicht gefunden. Zum Schluss sind wir dann klatschnass, frierend und ich noch voller Adrenalin und Angst von der Polizei nach Hause gebracht worden, wo wir von unserer Mutter schon sehnsüchtig erwartet wurden.

Später fragte meine Gastmutter mich, ob ich denn seine Waffe gesehen hätte, und ich sagte Nein, da er sie ja unter seinem Shirt hatte. „Ach Nora“, hat sie dann gemeint, „das nächste Mal wenn dich jemand ausrauben will, sagst du, dass du seine Waffe sehen willst, denn oftmals haben sie gar keine. Sag einfach „Zeig mir deine Waffe oder du kriegst mein Handy nicht“. Ganz so klug erscheint mir dieser Rat nicht, lieber gebe ich mein Handy, als mich mit einem Messer in der Brust im Krankenhaus wieder zu finden – oder schlimmer…

Wieder eine Erfahrung mehr, die ich noch meinen Enkeln erzählen kann. :D So schlimm das Ganze auch klingen mag...fast ertrunken... ausgeraubt worden...aber ich kann euch versichern:

Es gibt auch noch Dinge, die wirklich super sind…
Als kleinen Beweis zum Beispiel die AFS-Camps. Da ich ja schon mehr als die Hälfte rum habe, war auch schon das Midstay-Camp. Es war dieses Mal in den kühleren Bergen und eine wirklich willkommene Abwechslung zu der Hitze, die dauerhaft in Guayaquil herrscht. Und mich endlich wieder mit den anderen AFS-Leuten zu unterhalten, war genial. Erfahrungen austauschen, Missgeschicke teilen etc. Da wir in den Bergen waren, nutzten wir die Gunst der Stunde, um uns ein bisschen heimisch zu fühlen und sind wandern gegangen. Was und wem man da so über den Weg läuft... z.B. einer tellergroßen Tarantel.

Da ich ja jetzt Ferien und danach nur noch eineinhalb Monate Schule habe, bin ich schon mal Unterschriften sammeln gegangen. Ich dachte mir, es ist eine schöne Erinnerung an meine Schule und an meine Klasse. Also habe ich mir eine Flagge von Guayaquil gekauft und alle darauf unterschreiben lassen: Schüler, Lehrer, meine alte Gastfamilie und natürlich meine jetzige Gastfamilie.

Auf den drei Sternen der Flagge haben sich meine Gastschwester und meine zwei besten Freundinnen verewigt. Das gleiche plane ich noch mit den ganzen Austauschschüler von AFS, allerdings mit der Flagge von Ecuador.

Das war‘s auch schon wieder. Das nächste Mal kann ich euch dann vielleicht schon ein bisschen mit meinen Reisen neidisch machen... Wer weiß ? ;) Süße Grüße Norita :-*

P.S. Man nennt mich hier Norita, das „-ita“ ist so etwas wie die Verniedlichungsform „-chen“. Man kann das mit allem benutzen, z.B. sopa (Suppe) – sopita; cosa (Sache/Ding) – cosita; etc.