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2.6.2016

Bericht #10

Der Abschied naht...

Nun...meine Zeit in Ecuador neigt sich ihrem Ende zu. Der letzte Monat ist angebrochen. Der Moment, als ich realisiert habe, dass ich unter die „Vier-Wochen-Marke“ gerutscht bin. Eben der Moment der die ganze Zeit Lichtjahre entfernt schien. So sehr ich mir am Anfang auch gewünscht hatte, die Zeit würde schneller vorbei ziehen, so wünsche ich mir jetzt umso mehr, sie würde stehen bleiben oder sich gar rückwärts drehen.

Genauso wie ich mich so oft gefragt habe: Nora, wieso warst du so blöd? Wieso gehst du in ein Land, obwohl du nicht einmal die Landessprache annähernd verstehst? Wieso bist du nicht einfach in die USA gegangen, alles wäre viel einfacher gewesen und du hättest dir einige Tränen gespart. Ich hatte Momente, in denen ich kurz davor war abzubrechen, einfach weil ich nicht mit der Einsamkeit klargekommen bin. Ich dachte, ich wäre gut vorbereitet gewesen. Wahrscheinlich war ich das auch (so gut es eben ging), aber auf so etwas kann man sich einfach nicht richtig vorbereiten.

Doch ich kann euch sagen, wieso ich so „blöd“ war und in ein Land gegangen bin ohne die Sprache zu sprechen, ohne die Kultur zu kennen. Ich wollte mich an meine Grenzen bringen und etwas Neues lernen. Ich bin mehr als zufrieden mit diesem unglaublich tollen, vielfältigen Land und ich genieße jede Minute meines Lebens hier in vollen Zügen. Jetzt, da mein Spanisch auch sehr gut ist, geht es auch in der Schule, die vor knapp drei Wochen wieder angefangen hat, mit meinen Freunden viel besser. Sie reden mehr mit mir, sie interessieren sich mehr für mich und ich bin einfach glücklich. Doch so langsam, so hart es auch ist, muss ich mich nach und nach von allen und allem verabschieden, was ich in den letzten neun Monaten kennen und lieben gelernt habe. Nur wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen...

Aber wie gesagt, ich genieße momentan mein Leben in vollen Zügen, wie zum Beispiel letztes Wochenende, als wir wieder eine AFS-Reise hatten. Diesmal ging es nach Cuyabeno in der Provinz Sucumbius, ganz im Nordosten des Landes. Nach ca. 18 Stunden Busreise ging es weiter mit einem kleinen Boot zwei Stunden auf dem Amazonas in den tiefsten Urwald hinein. Und schon dort konnten wir einiges entdecken: Aras, Faultiere, Affen und noch andere Vögel.

Angekommen in der Samona Lodge, kam erstmal die Ernüchterung: keine Elektrizität, kein W-Lan, kein Handyempfang. Ich denke für jeden Jugendlichen hört sich das an wie die Hölle, doch ich fand es unglaublich erholsam. Unsere Aktivitäten für den ersten Tag waren recht ruhig. Auf dem Weg zu einer Lagune in der wir auch badeten, sichteten wir unsere ersten rosa Delfine. Ja tatsächlich, rosa Delfine. Sie sind aus dem gleichen Grund rosa wie auch Flamingos, denn sie ernähren sich von Krebsen, die sehr viel Karotin enthalten. Also konnte ich den Punkt „mit Delfinen schwimmen“ schon mal von meiner To-do-Liste streichen, selbst wenn sie nicht in direkter Nähe waren.

Am nächsten Morgen ging es dann auf Dschungelerkundung, begleitet von – wie sollte es auch anders sein – Regenschauern. Durch den ganzen Regen erwies es sich als recht schwer sich aufrecht zu halten und nicht hinzufallen, letzten Endes hat sich dann aber doch jeder mindestens einmal im Dreck vergnügt. Da halfen auch die Gummistiefel nichts.

Ihr wisst ja, was wäre der Dschungel ohne sein Krabbelvieh? Was dort so alles kreucht und fleucht, wurde uns noch am selben Abend gezeigt. Da die meisten Tiere nachtaktiv sind, haben sich die Sichtungen von Spinnen, Ameisen und Co. auch schon bald gehäuft. Egal ob Tarantula oder die „Golden Spider“ – die giftigste Spinne, die es dort gibt und deren Biss Menschen, die allergisch reagieren, in knapp 20 Minuten töten kann – alles haben wir gesehen. Ich denke nicht, dass es für euch etwas Neues ist, dass man dieses Krabbelvieh zum Großteil essen kann, und wenn man denn schon mal dort ist, sollte man ja auch alles probieren, oder nicht?

Der nächste Tag war mit einem Besuch bei einem kleinem Dorf und bei einem Schamanen verplant. Bevor wir allerdings das Dorf betreten konnten, mussten wir unsere Gesichter bemalen, uns wurde gesagt: „um den Einheimischen Hallo zu sagen“. Noch dazu wurden uns einige „Leckerbissen“ vorgeführt, gefüllt mit Proteinen. Man kann sie lebend oder über dem Feuer gegrillt essen, ganz wie einem zumute ist. Ich selbst habe einen Wurm lebend gegessen, was meiner Meinung nach nicht die beste Entscheidung war. Er schmeckte vorwiegend nach Mais, war unglaublich schwer zu kauen und noch dazu wollte er auch nicht lange in meinem Magen bleiben… Der gegrillte hingegen schmeckt erstaunlich gut, fast ein wenig wie Hühnchen.

In dem Dorf wurde uns gezeigt, wie man Pan de Yuca (Yucabrot, auch bekannt als Maniok-Brot) macht: von der frisch geernteten Wurzel bis zum essfertigen Fladen. Es ist wirklich schade, dass es in Deutschland kein Yuca gibt. https://de.wikipedia.org/wiki/Maniok

Nachdem alles aufgegessen war, stiegen wir wieder ins Boot und es ging zum Schamanen. Dort wurde uns erklärt, wie man zum Schamanen wird und gezeigt wie Patienten „gereinigt“ werden und wie sie herausfinden, was ihnen fehlt. Damit war das Abenteuer im Dschungel auch schon wieder vorbei.

Aber nicht, dass ihr denkt ich hätte außer Reisen nichts anderes im Kopf. Neben der Schule gehe ich dienstags und donnerstags in eine Schule, die mit einer Art Waisenheim verknüpft ist. Die Kinder dort sind zwischen zwei und sechzehn Jahren, sind allerdings keine richtigen Waisen. Sie haben noch Eltern, die sich aber meist finanziell nicht um ihre Kinder kümmern können und sie deshalb dort abgeben. Ebenfalls bei häuslicher Gewalt, was in Lateinamerika leider keine Seltenheit ist.

Mein Job dort besteht darin, dem Englischlehrer ein bisschen unter die Arme zu greifen und ich darf auch selbst unterrichten. Es ist unglaublich anstrengend, aber dennoch macht es sehr viel Spaß und wenn ich mal gerade nicht Englisch unterrichte, helfe ich meinem belgischen Freund mit den ganz Kleinen von ungefähr fünf Jahren.

Die Angst bleibt...

Über ein Monat ist seit dem ersten starken Erdbeben vergangen und auch wenn die Erde mal gerade nicht wackelt, bleibt man paranoid. Bei der kleinsten Bewegung, wenn z.B. jemand an das Bett stößt, denkt man gleich wieder an das Schlimmste. Seit dem 16. April gab es mehr als 200 weitere kleinere Erdbeben. Erst vor ungefähr einer Woche gab es eines, dass uns in der Schule überrascht hat. Die Erdbebenalarm-Übungen, die anfangs so lächerlich gewirkt haben, haben auf einmal Sinn bekommen und man ist dankbar, dass wenigstens die Lehrer die Ruhe bewahren und wissen was zu tun ist.

Genau am Tag des Erdbebens waren meine Eltern in Ecuadors Hauptstadt Quito angekommen. Um genau zu sein, zwei Stunden zuvor. Für uns alle war es ein riesen Schock, denn so etwas gibt es nicht in Deutschland, man kennt es einfach nicht.

Das wars schon wieder... bis zum nächsten Mal, wahrscheinlich aus Deutschland. Eure Norita