19.4.2016

Bericht #9

Erdbeben in Ecuador

Samstag, 16.04.2016 18:58 Uhr. Alles fängt an zu schwanken. In den ersten Momenten könnte man es für einen plötzlichen Schwindelanfall halten. Doch es hört nicht auf. Man sucht etwas, um sich festzuhalten, das Licht fällt aus und alles wird dunkel, man wird ganz perplex und das einzige was jetzt noch zählt ist: raus! So schnell wie möglich raus auf die Straße. Draußen angekommen, ist es nicht viel besser. Weinende Menschen, sirrende Alarmanlagen der Autos.

Das Handynetz ist ausgefallen und keiner weiß, ob es den Lieben noch gut geht. Das Einzige was bleibt, ist abwarten und Radio hören. Mit jeder Minute wurden es mehr und mehr Tote und Verletzte. Und noch immer werden Hunderte vermisst. Und so schnell wie es kam, hörte es auch wieder auf und hinterließ ein riesiges Chaos.

Das schlimmste Erdbeben in Ecuador seit 1979 mit einer Stärke von 7.8 auf der Richterskala. So stark, dass sogar eine Tsunamiwarnung ausgesprochen wurde. Glücklicherweise blieben wir davon verschont.

Ecuador liegt geografisch am sogenannten Pazifischen Feuerring, einem Gürtel aus etwa 450 aktiven Vulkanen. Er ist etwa 40.000 Kilometer lang und wie ein Hufeisen geformt. Dort treffen verschiedene Platten der Erdkruste aufeinander. Es kommt zu tektonischen Verschiebungen und Verwerfungen, die Vulkanausbrüche (wie Ende August der Ausbruch des Cotopaxi in den ecuadorianischen Anden), Erdbeben und Tsunamis zur Folge haben.

Das Halbrund aus „Feuerbergen“ reicht von den Küsten Süd- und Nordamerikas bis zu einer Reihe von Inselketten im asiatisch-pazifischen Raum. Der Erdstoß kam aus 20 km Tiefe und war auch in Peru und Kolumbien zu spüren.

An der ecuadorianischen Küste herrscht Ausnahmezustand, die meisten Städte sind nicht mehr als ein Trümmerhaufen. Auch in meiner Gaststadt Guayaquil, wo das Erdbeben mit einer Stärke von 7.2 zu spüren war, hat es sehr viel Schaden und Verzweiflung hinterlassen. Vor allem im Zentrum der Stadt herrscht Verwüstung: die Häuser eingestürzt, die Straßendecken aufgerissen.

Das Internet mit seinen Social Medias und auch das Fernsehen sind durchzogen mit Bildern von der Zerstörung und weinenden Menschen, die immer noch Teile ihrer Familie vermissen oder bereits verloren haben. Das Erdbeben hat (bis heute) über 400 Menschenleben gefordert und weit über 2.000 Verletzte zurückgelassen.

Doch es gibt Hoffnung. Es ist unglaublich wie solidarisch Ecuador sich zeigt. Überall werden die Menschen, die das Glück hatten, nichts verloren zu haben, aufgefordert zu spenden: Kleidung, Wasser, Essen. Alles wird angenommen. Jeder in diesem Land hilft, wo er nur kann und es macht mich so stolz und glücklich zu sehen, wie viel alleine in Guayaquil schon gespendet wurde.

In keinem einzigen Supermarkt lässt sich auch nur noch eine Flasche Wasser finden, abgepacktes Essen ebenso wenig. Alles wurde aufgekauft, damit diejenigen, die durch das Erdbeben alles verloren haben, nicht zu sehr leiden müssen. Auch ich selbst bin in den nächstgelegen Supermarkt und habe Seife, Pflaster, Watte etc. gekauft und es zu der nächsten Abgabestelle gebracht.

Ebenso gibt es Hoffnung zu sehen, wie schnell und zu welchen Zahlen aus anderen Ländern Hilfe kommt: Seit gestern ist ein Team der Hilfsorganisation Humedica vor Ort. Der internationale Caritas-Verband stellte für die Soforthilfe in Ecuador 100.000 Euro zur Verfügung und auch Papst Franziskus sprach den Betroffenen vor Tausenden Pilgern in Rom sein Mitgefühl aus: „Beten wir für die Bevölkerung in Ecuador“.

NOS CAÍMOS, PERO NOS VAMOS A LEVANTAR.

WIR SIND GEFALLEN, ABER WIR STEHEN WIEDER AUF.

Mir und meinen Eltern, die seit Samstagmorgen in Ecuador sind, geht es zum Glück gut und niemandem ist etwas passiert. Ebenso kann ich mit Sicherheit sagen, dass es allen Austauschschülern der Organisation AFS gut geht. Wir alle sind geschockt, doch wir tun unser Menschenmögliches um zu helfen.

Ich hoffe sehr, dass sich die Lage schon bald bessert und „mein Ecuador“ wird, wie es vorher war.

Bis zum nächsten Mal. Ich hoffe ich konnte euch ein wenig die momentane Lage beschreiben, weil mich schon so viele deswegen angeschrieben haben…

Norita