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14.8.2018

Bericht #11 – Rückblick auf Chile: “How lucky I am…”

How lucky I am to have something that makes saying Goodbye so hard

(Winnie the Pooh)

Es ist Mitte August. Seit rund vier Wochen bin ich wieder zurück in meiner südpfälzischen Heimat. Zeit für meinen Abschlussbericht, Zeit für eine Bilanz.

Der 16. Juli – der Tag vor meiner Abreise in Chile und der Tag vor meiner Rückkehr nach Deutschland. Elfeinhalb Monate verbrachte ich in einer anderen Stadt, einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, auf der anderen Seite der Welt. Unglaublich wie schnell diese Zeit verging. In fast 12 Monaten lernte ich eine neue Familie kennen, schloss neue Freundschaften und versuchte eine neue Kultur zu verstehen. Ich startete ein neues Leben, ein Leben in einem Jahr. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich eingefunden hatte und es ist unfassbar für mich, dass ich nun schon am Ende angelangt bin, von dem was ich mir so mühevoll aufgebaut habe.

Ich erinnere mich an letztes Jahr, den 3. August 2017, einen Tag, den ich wahrscheinlich nicht mehr so schnell vergessen werde. Der Abschied stand bevor. Kurz vor der Ankunft am Flughafen aß ich die letzten Veggi-Köttbullar bei Ikea in Düsseldorf. Mein letzter Moment als Vegetarier. Vieles wurde danach anders, nicht nur in Bezug aufs Essen. Ich verabschiedete mich von allem Gewohnten und mein Abenteuer ins Unbekannte begann!

Ein Jahr später kann ich nun sagen:

Ich habe die tollsten Freunde gefunden, die ich mir vorstellen kann, auch wenn auf die Frage, ob wir uns treffen, meistens ein „nein sorry, ich bin müde“ kam. Ich habe sie sehr ins Herz geschlossen und sie waren für mich da, wenn ich sie brauchte. Wenn wir uns trafen, war es immer schön, egal ob wir Schlittschuh fuhren oder zusammen in der Mall shoppen gingen. Wenn mir im Unterricht etwas unklar war, warfen sie alles hin, um mir weiterzuhelfen, auch wenn meine Noten die allerunwichtigsten waren. Wenn ich keine Lust auf Mathe hatte, war es selbstverständlich, dass mich jemand beim Nichtstun begleitete. Ich habe die anderen sehr oft vom Arbeiten abgelenkt, aber wir hatten immer unglaublich viel Spaß!

Wir quatschten mit den Lehrern, ich brachte meinen Freunden deutsche Wörter bei (aber das einzige Wort, was sie sich merkten war „aufwachen“), sie unterrichteten mich in „Chilenismen“ und ich lernte alle „Garabatos“ (Beleidigungen), die man im Wortschatz der Chilenen findet. Außerdem gab es irgendwann Listen mit spanischen Wörtern, die ich nicht aussprechen kann und sie machten sich über meine Fehler lustig. Sie lachten mit mir und über mich. Sie lernten mich das „pasalo bien“ (eine gute Zeit zu haben) und sie brachten mir bei, wie man aussichtslos lange Schultage übersteht.

Durch meine Schule, vor allem durch die Mitschüler bekam ich unglaublich viele Einblicke in die chilenische Kultur. Ein Jahr mit Uniform, ein Jahr mit 40 Klassenkameraden, ein Jahr mit unglaublich netten und offenen Lehrern und ein Jahr, in dem ich eine eigentlich total ungerechte Schulbildung kennenlernen durfte, eine Bildung, die rein auf den Einkommensverhältnissen basiert. Eine ewig lange Schulwoche mit mehr als 40 Schulstunden, die aber den Vorteil hat, dass nicht alles so streng getaktet ist wie in Deutschland, und man es sich gut leisten kann, ein paar Schulstunden zu nutzen, um das soziale Miteinander zu pflegen. Dies hat mir gut in meiner Schule am „Liceo Juan Bautista Contardi“ gefallen!

Natürlich gab es auch Dinge, die ich bis zum Ende des Auslandsjahres nicht verstehen konnte, sie jedoch einfach akzeptieren musste. Dazu zählt zum Beispiel die Frau, die in den Pausen vor den Toiletten saß und das Klopapier verteilte, anstatt auf diesen Job zu verzichten und einfach einen Haken in der Toilette anzubringen. Was hat das für einen Sinn? Auf diese Art werden nämlich auch Unmengen von Papier vergeudet.

Weitere Beispiele: Warum gibt es eine Vorschrift für die Haarlänge der Jungs? Warum werden keine Piercings geduldet und auch die Fingernägel dürfen nicht lackiert sein? Warum sind Ohrringe bei Mädchen erlaubt aber nicht bei Jungs? Warum muss einerseits Schuluniform getragen werden, damit es keinen „Wettbewerb“ gibt, wer die besseren Marken und die teuerste Kleidung trägt, aber andererseits darf jeder sein neustes Handy präsentieren? Und warum müssen Mädchen, die sich vielleicht eher wie Jungs fühlen, einen Rock tragen? Ich weiß es nicht. Das sind einige der Fragen, die ich mir im Laufe des Jahres so gestellt habe.

Ein neues Zuhause… aller Anfang ist schwer: Fremde Menschen, die man zuvor noch nie gesehen hat, seine Familie zu nennen; die Gewohnheiten und Abläufe zu verstehen, ohne die Sprache zu können und ohne sich bei Gastgeschwistern etwas „abzugucken“… Das und vieles mehr brauchte Zeit und war nicht immer leicht.

Meine Gasteltern haben sehr viel für mich getan und mich unterstützt, wo sie konnten. Ausflüge in Patagonien, Wochenenden im Torres des Paine, Kanu fahren, Geschenke bedrucken, AFS Hoodies organisieren, Freunde zu Ausflügen mitnehmen, Fahrdienste ….  all das war immer selbstverständlich. Sie ermöglichten mir, in den Sommerferien ganz Chile zu bereisen, dafür bin ich unglaublich dankbar und diese Eindrücke werde ich nie vergessen!

Das AFS-Komitee in Punta Arenas dagegen hat mich enttäuscht. Es unterschied sich sehr von unserem Komitee hier in der Südpfalz – und auch von anderen Komitees in Chile. Es fanden keine regelmäßigen Treffen statt, es wurden keine Ausflüge organisiert und ich hatte nicht das Gefühl, dass jemand nach mir fragte oder sich um mich kümmerte. Das fand ich sehr schade. Die größeren Camps wurden vom Komitee in Santiago organisiert. Diese Wochenenden mit anderen Austauschschülern waren total gut geplant, hilfreich und haben mega Spaß gemacht. Ohne die anderen 150 AFS-Schüler wäre mein Jahr nicht das gewesen, was es war. Nicht nur bei den Treffen war es toll, Zeit mit ihnen zu verbringen, sondern auch der Austausch unterm Jahr war schön und man fand Freunde aus der ganzen Welt.

Natürlich gab es auch schwere Zeiten, Zeiten in denen ich mich am liebsten ins Flugzeug gesetzt hätte und zurückgeflogen wäre. Momente, in denen ich meinte, ich hätte in Deutschland etwas verpasst. Tage, an denen ich mich einfach nur alleine und hilflos fühlte. Aber die Reise durch Höhen und Tiefen hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt!

Ich habe so viel über mich selbst gelernt wie noch nie zuvor. Ich habe über mein Leben, die Welt, meine Vergangenheit und vor allem über meine Zukunft nachgedacht. Ich versuchte Dinge zu verstehen und sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Dazu fühlte ich mich als Teil einer für mich neuen Kultur, die ich in allen Facetten kennenlernen durfte. Ich lernte eine neue Sprache, was wahrscheinlich das größte Geschenk eines Auslandjahres ist. Ich kann nun mit 420 Millionen Menschen mehr auf der Erde sprechen, als ich es noch letztes Jahr im Juli konnte ?. Das ist ein unglaublich tolles Gefühl, denn ich erinnere mich grau an die erste Zeit, die Zeit in der ich nichts verstand, weder in der Schule noch sonst irgendwo. Die Zeit, in der ich lächelte und nickend immer mit „si“ antwortete, in der Hoffnung, dass es keine Frage war. . .

Das Auslandsjahr ließ mich wachsen; ich wurde selbstbewusster und die Hürden, die ich überwinden musste, haben mich stärker gemacht. Ein Auslandsjahr ist kein Urlaub, wie viele glauben.

Danke an alle, die dazu beigetragen haben, dass mein Jahr so unvergesslich wurde. Ich danke auch der SAP und der MRN GmbH für die Unterstützung. Ich hoffe, dass ich als Jungbotschafterin unsere Region gut vertreten und den Menschen am anderen Ende der Welt meine Heimat näher gebracht habe!

Chile wird immer ein Teil meines Herzens bleiben!  Gracias por todo Chile.

Luise Bachtler