2.9.2015

Bericht #1

„Weeena Leo, cómo estai?“

Das ist chilenische Jugendsprache und heißt soviel wie „Hallo Leo, was geht?“ Wieso Chilenisch...?

Ja, ich kann es selbst kaum fassen, aber seit fast 4 Wochen befinde ich mich in Chile, ca. 9000 Kilometer südlich und 7000 Kilometer westlich meiner Heimat, der Metropolregion Rhein-Neckar.

Ich habe ein Auslandsjahr angetreten und bin sehr gespannt, was es für mich bereit halten wird. Wie gesagt, ich bin gerade mal weniger als ein Zehntel der Zeit hier, aber ich habe das Gefühl, ich kann allein schon über diesen Zeitraum und die damit verbundenen Erlebnisse ein Buch verfassen. Ich möchte sie mit Dir, lieber Leser, teilen und erzählen, was ich bis jetzt so erlebt habe...

Den Entschluss für dieses Abenteuer habe ich vergleichsweise spät getroffen. Ich habe nicht lange gegrübelt oder Ähnliches, ich hatte einfach Lust und fühlte mich bereit dazu. Die Bewerbungszeit für ein Auslandsjahr 2015/16 war schon fast rum, aber es reichte gerade noch. Es folgten drei Vorbereitungswochenenden, bei denen ich viel Nützliches mitnehmen konnte und die mich wirklich sehr gut auf die Reise vorbereitet haben.

Die restliche Zeit bis eine Woche vor Abflug verging unglaublich schnell und schon fing ich an, so manche Dinge zu realisieren. Das letzte Mal Fußballtraining, den letzten Besuch der Großeltern oder die vielen Glückwünsche und den ein oder anderen Rat eines Freundes. Da merkte ich: Jetzt geht´s los!!!

Der Abschied war natürlich alles andere als leicht und irgendwie alles schien mir so unwirklich, einfach nicht real, vergleichbar mit einem Traum. Doch dann plötzlich war es real. Ich saß im Flieger, schaute aus dem Fenster und sah die Landschaften Deutschlands an mir vorbeiziehen. Kurze Zeit später war ich auch schon über den Wolken und schaute auf meine immer kleiner werdende Heimat hinab und ich wusste, dass ich sie in einem Jahr ein wenig anders sehen werde.

Ich flog zunächst von Frankfurt nach Miami und nach sechsstündigem Aufenthalt weiter nach Santiago de Chile, wo einige Volunteers meiner Organisation AFS auf uns Jugendliche warteten und uns herzlich in Empfang nahmen. Wir kamen an einem Freitagmorgen an und es war ein weiteres Vorbereitungswochende geplant, bei dem alle 106 Jugendliche aus der ganzen Welt, welche sich für ein Auslandsjahr, bzw. –halbjahr in Chile entschieden hatten, zusammen in das chilenische Leben eingewiesen wurden.

Das war für mich auch schon der erste Höhepunkt. Alle paar Minuten kam ein weiterer Flieger an mit Gleichaltrigen aus einem anderen Land und innerhalb kürzester Zeit hatte ich viele Bekannte aus der ganzen Welt. Aus einigen dieser Bekanntschaften haben sich erste Freundschaften gebildet. Das muss man sich mal klar machen: Beispielsweise habe ich jetzt einen Freund aus Australien. Das komplett andere Ende der Welt. Und wo haben wir uns kennengelernt? In Chile. Ich glaube, das ist das, was meine Organisation AFS als „interkulturell“ bezeichnet und jedes Mal wenn ich daran denke, freue ich mich, dass ich mich zu diesem Jahr entschlossen habe und somit diese unglaubliche Erfahrung machen durfte.
 

 

Sonntagmorgen ging es dann früh los. Jeder Jugendliche lief, fuhr oder flog zu seiner Gastfamilie. Meine Gastfamilie lebt in Valdivia https://de.wikipedia.org/wiki/Valdivia , 900 Kilometer südlich von Santiago. Das heißt ich hatte Glück, dass ich „das Recht“ zu fliegen hatte. Es dauerte gerade mal eine Stunde mit dem Flugzeug, die Alternative wäre der Bus mit 11 Stunden Fahrzeit gewesen. Am kleinen Flughafen Valdivia wurde ich dann von meiner Familie abgeholt und wir fuhren gemeinsam zu meinem neuen Zuhause.

Mein Zimmer ist fantastisch, das Essen lecker und meine neue Familie nett und fürsorglich. Es war der beste Start in ein spannendes Abenteuer! In den ersten Tagen erledigte ich erstmal den notwendigen Papierkram (Visum, Ausweisbeantragung, etc.) und weitere wichtige Dinge wie beispielsweise eine Schuluniform kaufen, einen Handyvertrag machen oder mir für die weiten Strecken hier in der Stadt ein Fahrrad zuzulegen, was sich jetzt schon nach nur drei Wochen als einer der besten Einfälle herausgestellt hat.

Mein erster Schultag war unglaublich spannend. Ich habe mich fast nochmal gefühlt wie an meinem ersten Schultag der Grundschule. Alles war neu, ich verstand nicht was die anderen sagten und ich kannte die vielen neuen Gesichter nicht. Doch dieses Gefühl legte sich schon nach den ersten drei Unterrichtsstunden, denn dann ist die 20min Pause und ich wurde sofort in die Gemeinschaft aufgenommen und überall mit hingenommen. Ich lernte innerhalb von 20min sehr viele Jugendliche kennen und ja, es stimmt was mir gesagt wurde: Die Chilenen sind gegenüber Ausländern sehr herzlich, offen und vor allem an ihnen interessiert.

Was mir als erstes auffiel, war die Tatsache, dass hier ein Spitzname unglaublich wichtig ist. Meine Klassenkameraden nennen mich „Leo“, die Lehrer „Leandro“ und beim Fußball werde ich „Leonidas“ gerufen. Aber mal ganz ehrlich, das finde ich mega cool, daran könnte ich mich gewöhnen J. Ich finde es auch immer spannend zu beobachten, wie die Person mir gegenüber darauf reagiert, wenn ich mich mit meinem Namen Leander vorstelle, denn die Reaktion ist jedes Mal dieselbe: Ich nenne meinen Namen und werde fragend angeschaut oder gebeten zu wiederholen, aber sobald ich dann sage, dass sie mich auch Leo oder Leandro nennen können, ist augenblicklich alles klar. Wo ist der Unterschied? Vielleicht, weil sie es gewohnt sind, dass männliche Namen auf O enden? Oder ist der Name Leander einfach zu speziell? Spannend, sowas zu erleben, aber genau aufgrund dieser kleinen Dinge bin ich nun hier und verbringe ein Jahr mal ganz anders, als ich es gewohnt bin.

In den darauf folgenden Tagen kümmerte ich mich vor allem um Sportmöglichkeiten, da ich Sport einfach brauche und ich mir sicher war, so noch mehr Jugendliche in meinem Alter mit ähnlichen Interessen kennenzulernen. So war es auch; ich habe den ein oder anderen Teamkollegen und guten Kumpel im Fußball gefunden. Drei bis vier Mal pro Woche trainiere ich nun und sollte ich noch nicht genug haben, gehe ich mich in einem Fitnessclub austoben. Eigentlich war es mein Wunsch, hier auch andere Sportarten zu machen, aber das erwies sich bisher leider als sehr schwierig zu realisieren. Naja, vielleicht...nein, mit Sicherheit wird sich mir noch eine Möglichkeit offenbaren. Ich habe ja Zeit…

Das war´s erst einmal, kurz gesagt, ich komme immer noch an und lebe mich in dieser wirklich anderen Kultur ein. Ich persönlich freue mich schon auf den nächsten Blogeintrag, da ich zu diesem Zeitpunkt wieder viel zu erzählen haben werde und ich gespannt darauf bin, was es sein wird. Ich hoffe Du bist ebenfalls gespannt darauf!

Bis dahin

Hasta luego!

Leander Schlüchtermann