18.10.2016

Bericht #3

¡Hola! Lange ist´s her seit meinem letzten Eintrag. Das liegt daran, dass ich mich jetzt endgültig hier in der neuen Umgebung eingelebt habe und die Zeit rasend schnell vergeht. Beinahe seit drei Monaten gehe ich jetzt schon auf eine immer vertrauter werdende (aber eigentlich noch fremde Schule), lebe in einer Stadt, die mir vor kurzer Zeit noch völlig unbekannt war und verbringe meine Zeit mit Jugendlichen, die ich ohne dieses Auslandsjahr nie kennengelernt hätte

Mir wurde klar, dass ich, als ich noch in Deutschland war, so ein Auslandsjahr unterschätzt hatte. Es ist viel mehr, als nur eine Sprache zu lernen, neue Freunde zu finden oder in eine andere Kulter einzutauchen. So ein Auslandsjahr gibt einem einen ganz anderen Blickwinkel auf Geschehnisse in seinem eigenen Land Deutschland, den aktuellen Wohnort Chile, und natürlich betrifft es auch Ereignisse, die sich weltweit abspielen. Für mich persönlich haben diese drei Monate schon so viel gebracht, dass ich den Rest des Jahres kaum erwarten kann und total gespannt darauf bin, was noch so kommt.

In den letzten vier Wochen ist so einiges passiert und das ein oder andere möchte ich gerne erzählen und somit an Interessierte weitergeben. Beispielweise regt sich gerade etwas in der chilenischen Politik im Hinblick auf Gesetze und Grundrechte. Die aktuelle chilenische Verfassung stammt noch aus der Zeit der Diktatur unter dem chilenischen General und Diktator Augusto Pinochet, der Chile von 1973 bis 1990 erst als Vorsitzender einer Militärregierung, dann als Präsident diktatorisch regierte.

Pinochet ist für Tausende Ermordete, mehrere zehntausend Fälle von Folter und zahlreiche gewaltsam „verschwundene“ Chilenen (so genannte „Desaparecidos“) verantwortlich. Verständlich, dass viele Menschen mit der aktuellen Verfassung nicht zufrieden sind und einige Änderungen erreichen wollen. Das findet glücklicherweise alles friedlich im Dialog statt, denn die Regierung unterstützt diesen Wunsch und daher wird es vorraussichtlich zu einer Änderung kommen. In die neue Verfassung sollen vor allem die Rechte der eingeborenen Mapuche und eine Reihe von sozialen und wirtschaftlichen Rechten eingearbeitet werden. Ich verfolge den weiteren Verlauf vor Ort und in meinem nächsten Blogeintrag werde ich hoffentlich weitere Informationen für dich, lieber Leser, parat haben.

Bei uns bricht der Frühling an! Schwer vorstellbar, aber während in Deutschland die Temperaturen sinken, das Laub fällt, ja es in Nordrhein-Westfahlen sogar bereits geschneit hat, bricht hier in Chile immer häufiger der Himmel auf und vor allem die Wochenenden (muss wohl Glück sein) sind durchgehend sonnig mit klarem Himmel und es herrschen Temperaturen von über 22 Grad Celsius. Es ist wunderschön, denn wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich Bäume in Farben blühen, die ich noch nie gesehen habe.

Hier zwei Beispiele: Die Araukarie blüht zwar nicht, aber mit ihrer besonderen Struktur sieht sie meiner Meinung nach sehr interessant und spannend aus. Außerdem gehört sie zu den ältesten Baumfamilien der Erde und es wurden Exemplare gefunden, die über 2000 Jahre alt sind. Abgesehen davon ist die Araukarie der chilenische Nationalbaum und man sieht ihn, wohin man auch geht. Der andere, der Notro, der blüht in diesem Moment wunderschön in einem feurigen Rot und das macht ihn auch so besonders.

Ich hatte schon einmal erwähnt, dass die Chilenen sehr gerne ausgiebig feiern, und da das Wetter auch gerade in dieser Jahreszeit gut mitspielt, werden alle möglichen Themenfeste veranstaltet. Zum Beispiel findet nicht weit von meinem Haus entfernt ein Bierfest statt, bei dem witzigerweise eine chilenische Biermarke der Veranstalter ist, die aber von einem deutschen Auswanderer gegründet wurde und daher „deutsche Qualität“ verspricht. Naja, meiner Meinung nach ist das etwas hochgestapelt, wobei ich selbstverständlich nur das alkoholfreie Exemplar getestet habe J.

Abgesehen von der Verkostung des Bieres werden auch noch andere Attraktionen geboten, darunter rund um die Uhr eine Liveband, die die Bewohner rundherum, darunter auch mich und meine Gastfamilie, in den Wahnsinn treibt. Ich meine, wen würde es nicht stören, wenn in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, also mitten in der Woche, von abends 8 Uhr bis um 4 Uhr in der Früh laute Musik gespielt wird und schlafen kaum möglich ist? Die Chilenen sind um einiges toleranter als die Deutschen und es wird sich nur selten beschwert, aber da ist auch den Tolerantesten der Geduldsfaden gerissen. Leider gibt es hier keine Lärmschutzgesetze oder strafrechtliche Vergehen wie Ruhestörung wie es in Deutschland der Fall ist, daher werden die Veranstalter nicht gezwungen, die Musik irgendwann abzustellen. Aber das wird sich in nächster Zeit ändern, denn anscheinend arbeitet man schon an gesetzlichen Einschränkungen für die Lautstärke der Musik und die Länge der Feste.

Zum Schluss möchte ich noch von einem sehr wichtigen Tag meiner Schule erzählen. Am 3. Oktober war der „Aniversario del Colegio Alemán Carlos Anwandter“, der Jahrestag meiner Schule. Schüler und Lehrer hatten keinen Unterricht und versammelten sich morgens um 8 Uhr in der großen Turnhalle, die mit langen Stuhlreihen ausgefüllt war, sodass alle 800 Schüler und die 45 Lehrer ihren Platz hatten. Die Schulleiterin begrüßte alle Anwesenden und sprach über die Entstehung der Schule, wer der Schulgründer Carl Anwandter (ein deutscher Auswanderer) war und wie der Tag nun weitergeht. Es war ein Sport- und Spieletag geplant mit Sportstationen und Geschicklichkeitsspielen. Doch bevor die Schüler in drei große Gruppen eingeteilt wurden und jede Gruppe zu ihrer Station ging, gab es noch einen Programmpunkt, der mich persönlich mit einbezog.

Abgesehen von mir gibt es noch drei weitere deutsche Austauschschüler an meiner Schule und da der Jahrestag zufällig mit dem Tag der deutschen Einheit zusammenfällt, hat die Schulleiterin uns vier deutsche Jugendliche gebeten, einen kleinen Vortrag über den Mauerfall und seine heutige Bedeutung aus der Sicht der Jugendlichen in Deutschland zu präsentieren. Ich wurde gefragt, ob ich einen zehnminütigen PowerPoint-Vortrag über den Mauerfall halten kann, denn die anderen drei wollten so eine Art Rollenspiel mit Moderator (der die Fragen stellt) und zwei Gästen (zwei deutsche Jugendliche) inszenieren. Wir haben uns zusammengesetzt und während ich die Präsentation entworfen habe, stellten die anderen drei eine echt schöne Fragerunde auf die Beine.

Wir waren ziemlich aufgeregt, denn wann redet man mal mit Mikrofon vor 850 Menschen, darunter deine neuen Freunde, die komplette Lehrerschaft mit Schulleitung und aufgrund des Jahrestags auch noch die höchsten Riege der Stadt? Glücklicherweise lief alles perfekt und der Vortrag und das Rollenspiel kamen sehr gut bei unseren Zuhörern an. Danach waren wir total froh, dass wir es durchgezogen haben, denn wann hat man sonst die Möglichkeit so eine Erfahrung zu machen? Naja, jedenfalls ging es danach zu den Stationen und alles verlor sich in einem großen Trubel aus Schülern.

Ich würde gerne weiterschreiben, aber es ist atemberaubendes Wetter und meine Freunde sprechen mir schon die ganze Zeit auf die Mailbox, weil der Strand ruft! J

Bis zum nächsten Eintrag ¡Hasta luego! Leo