7.12.2015

Bericht #4

¡Holá! Puuuhh... Seit ganzen 4 Monaten und 6 Tagen wache ich jeden Morgen auf der anderen Seite des Erdballs auf, gehe zur Schule, esse, treibe Sport, treffe Freunde, schaue Nachrichten und geh schlafen. Grundsätzlich hört sich das ja alles so ziemlich normal an, ich mein es ist ja auch normal. Mit der Ausnahme, dass ich in einer anderen Sprache kommuniziere und statt wie gewohnt im Dezember in eine lange Hose, Pulli, Winterschuhe und Winterjacke eingewickelt zu sein, trage ich hier ein luftiges T-Shirt, kurze Hose und gemütliche Sportschuhe.

Ich habe das Gefühl wir haben Ende Juni hier, weil auch alles andere perfekt parallel läuft. Beispielsweise haben die Schwimmbäder vor Kurzem die Badesaison eröffnet, die Supermarktregale werden mit Sommerfrüchten aufgefüllt, die Tage werden länger und länger, die Reisebüros werden von Kunden überrannt und zu guter Letzt: Das Schuljahr läuft aus, Noten sind vergeben, Unterricht ist nicht mehr vorhanden und in weniger als zwei Wochen fangen die 3 Monate langen Sommerferien an.

Nur eine Sache fällt mir irgendwie immer auf und passt mir mal so gar nicht in die Sommerstimmung: Weihnachtsdeko, Weihnachtsdeko, Weihnachtsdeko... Wohin man auch schaut: rote Nikoläuse, Rentiere mit angemalten roten Nasen (das Lied „Rudolph das kleine Rentier“ ist hier Dauergast auf Platz eins der Weihnachts-Charts), goldene Sterne, Weihnachtsbäume aus Pappe, Christbaumkugeln in allen Farben, usw... also wirklich alles ist vertreten.

Sehr sehr eigenartig... Ich wusste ja, dass ich Weihnachten hier in Hochsommerstimmung verbringen werde, aber dass das wirklich so anders ist... Ich rate Dir nur, lieber Leser, es irgendwann einmal selbst zu erleben, sollte es nicht schon passiert sein. Klar, man kann sich es so einigermaßen vorstellen, aber tatsächlich dann auch zu dem Zeitpunkt da zu sein und den Weihnachtstrubel bei 35 Grad im Schatten mitzuerleben, das übertrifft so Einiges. J

Vor allem, wenn man dann selbst noch den Weihnachtsschmuck bastelt und damit Fenster und Wände verschönert. Die letzten zwei Wochen Schule vor den Sommerferien verbringe ich nämlich in einem chilenischen Kindergarten und da steht nunmal Basteln und Dekorieren an erster Stelle auf dem Stundenplan. Deutsche Kindergartenkinder sind ja schon echt auch süß, aber was da so in einem chilenischen Kindergarten rumpurzelt, also da schmelz ich dahin, und die, die mich kennen, wissen, dass das normalerweise nicht so schnell passiert.

Keiner ist hier über einen Meter groß, hat aber schon eine Sicht auf die Dinge wie ein 6-Jähriger... Naja, ich mein sie sind ja auch schon 4 und 5 Jahre alt. Jedes der Kinder kann aufrecht gestreckt durch meine Beine durchlaufen, was mir manchmal echt Schwierigkeiten macht, weil ich sie manchmal einfach schlichtweg nicht sehen kann. Desweiteren wollen sie immer meine Aufmerksamkeit, egal ob ich gerade ein wichtiges Gespräch mit der Leiterin des Kindergartens führe oder hochkonzentriert an einem Papierstern herumbastele. Sie suchen sich einfach eine Erhöhung, die hoch genug ist, sie als Sprungbrett zu nutzen um von ihr auf mich drauf-, bzw. an mich dranzuspringen. Es ist vollkommmen egal was ich in der Sekunde mache, sie vertrauen mir, dass ich sie fange und ihnen nichts geschieht, also lasse ich dann wirklich in der Tat alles fallen, was mich dabei behindern könnte, ein mit weit aufgerissenen Augen und vor Freude glucksendes Kleinkind zu fangen. Aber das geht nicht nur mir so, die „Tanten“, so nennen die kleinen Kinder hier ihre Erzieherinnen, erzählten mir, dass sie sich da schon dran gewöhnt haben.

Eine Woche ist schon vorbei und diese Zeit im Kindergarten bringt mir persönlich auch so viel. Ich lerne ganz neue Vokabeln, die erstmal simpel scheinen, aber mir bestimmt irgendwann noch sehr hilfreich sein werden. Ich versuche einfach alles auszunutzen, was mir meine Gegend hier so bieten kann.

Eigentlich wollte ich schon viel früher zur Feder greifen und diesen Eintrag hier verfassen, aber es schreibt sich so schlecht auf dem Dach eines Schnellboots, dass durch die Gewässer des chilenischen Patagoniens rast. Man sitzt da ca. 3 Meter über dem Wasser, das schäumend an den Seiten hochspritzt, der Wind schlägt einem alle Bedenken, Sorgen, Ängste und negativen Gedanken aus dem Kopf und man genießt die riesigen Felsen, Gletscher, Wälder, Berge und mehrere Hundert Meter lange Wasserfälle, die an einem vorbeigleiten.

Man fühlt sich wie in einer anderen Welt, vergleichbar mit der Landschaft aus der Herr-der-Ringe-Trilogie. Wer sich das nicht so recht vorstellen kann oder neugierig ist, es auch zu sehen, kann hier auf den Link klicken und sich ein paar Bilder im Internet anschauen J.

Patagonien liegt im Süden des Süden Südamerikas, nur die Antarktis kommt da dann noch. Es gibt einen chilenischen Teil, in dem ich war, und einen argentinischen Teil, der mindestens genauso schön ist, was die Chilenen natürlich bestreiten J. Diese große, teilweise aufwendige Reise zum südlichsten Ende der Welt habe ich natürlich nicht alleine gemacht, sondern es war eine organisierte Reise meiner Austauschorganisation AFS.

Abgesehen von mir waren noch 39 andere Jugendliche aus den verschiedensten Teilen der Erde dabei, was die Reise natürlich unvergesslich gemacht hat. Außerdem habe ich weitere richtig gute internationale Freunde kennengelernt, bzw. wiedergesehen (ich hatte ja auf den Vorbereitungswochenenden schon einige kennengelernt).

Die Reise dauerte gerade mal eine Woche, daher waren die Tage buchstäblich in Viertelstunden getaktet, weil es unglaublich viel zu sehen gab. Eine Freundin aus Dänemark hat mit ihrer professionellen Kamera in 6 Tagen mehr als 5500 Bilder gemacht und kein einziges davon möchte sie jemals löschen, wie sie sagte. Sie hat aber auch recht: Wir waren auf einer kleinen Insel mit dem Namen „Isla Magdalena“, deren einzige Bewohner ca. 60 000 kleine Magellanpinguine sind.

Auch haben wir atemberaubende Gletscher und Tropfsteinhöhlen besucht, haben eine Bootstour direkt an den typischen malerischen Bergen Patagoniens vorbei gemacht und den „Torres del Paine“, den schönsten aller Nationalparks durchfahren. Ich kann es gar nicht erklären, wie diese Woche für mich war. Man hatte irgendwie das Gefühl, man befindet sich in einer ganz anderen Welt, denn die Farben strahlten in einem unbekannten Ton, das Sonnenlicht fiel aus einem total ungewohnten Winkel und die atemberaubende Landschaft spiegelte sich in diesem unechten Blau des klaren Seewassers. Einfach außerirdisch !

Wie Du siehst, lieber Leser, ist eine Reise nach Chile keine gewöhnliche Reise. Durch seine gigantische Länge von 4300km, hat Chile 4 verschiedene Klimazonen, mehr als 3500km Strand und vor allem unglaubliche, ja scheinbar außerirdische Landschaften zu bieten. Und das alles abgesehen von der liebenswürdigen, menschenoffenen chilenischen Bevölkerung...

Also wie du siehst, lieber Leser, solltest du irgendwann einmal die Zeit, die Mittel und die Lust auf ein wahres Abenteuer finden, dann reise nach Chile ans Ende der Welt! Es wird eine unvergessliche Erfahrung, das verspreche ich! J So, das war´s dann erstmal wieder von mir, bis zum nächsten Eintrag alles Gute und ¡Hasta luego!