19.1.2016

Bericht #5

¡Hola!

Endlich komme ich mal wieder zu einem Eintrag. Mein letzter liegt schon einige Zeit zurück, denn über die Feiertage findet man hier keine Zeit und das Wetter war so überragend, dass ich sehr viel herumgereist bin.

Vielleicht fragst Du dich, lieber Leser, wie man hier auf der anderen Seite der Welt die Feiertage verbringt oder was gleich, beziehungsweise anders ist im Vergleich zu den Festen in Deutschland.

Naja, also erstmal ist die Stimmung eine komplett andere, da Hochsommer herrscht und auch nur die kleinste Wolke am Himmel eine absolute Ausnahme ist. Wir haben hier satte 28˚C, wenn nicht sogar mehr und alle flüchten aus der stickigen Stadt aufs Land bzw. in die schattigen, kühleren Wälder. Deshalb wird hier Weihnachten auch traditionell auf dem eigenen Grund und Boden gefeiert, natürlich mit der ganzen Familie. Wirklich jeder wird hier eingeladen, egal ob Bruder, Schwipp-Schwager mütterlicherseits oder der Gärtner, alle sind da und feiern die Geburt Christi zusammen.

Gegessen wird ausschließlich Fleisch und das die ganze Zeit über, von Weihnachten bis ins neue Jahr... Klingt erstmal übel, okay ist es teilweise auch, aber die Menschen sind das gewöhnt und naja, die vielen großen Bäuche sind auch nicht zu übersehen, wenn man durch die Stadt läuft. Doch glücklicherweise ist es immerhin sehr sehr gutes Fleisch. Denn unser Lamm etwa hatte riesige Auslaufmöglichkeiten, gutes gesundes Futter (ohne Antibiotika oder Steroide) und daher ein frohes glückliches Leben. Also natürlich nur bis zum Weihnachtsmorgen, denn dann wurde es vom Familienvater eigenhändig geschlachtet. Man hat mir die Ehre des Schlachtrituals angeboten, aber ich habe sie dann doch dem ältesten Sohn überlassen...

Bis auf die eintönigen Mahlzeiten war Weinachten ein wunderschönes Fest für mich. Irgendwie mal komplett anders und die Stimmung war wetterbedingt auch nicht sonderlich weihnachtlich, aber ich bin überglücklich, es auch mal so erlebt zu haben. Außerdem ist mir dadurch klar geworden, wie wunderschön die Weihnachtszeit in Deutschland doch ist. Die überragenden Weihnachtsmärkte, die würzigen Gerüche nach gebrannten Mandeln und Lebkuchen, sich die Hände mit einem Glühwein oder Weihnachtspunsch aufzuwärmen und natürlich diese ganz besondere knisternde Stimmung, die in der Luft liegt.

Viel Zeit war nicht darüber nachzudenken, was man in Deutschland alles verpassen könnte, denn es ging von einer Feier zur nächsten. Jeder wollte jeden einladen und zeigen, wie gut sein Fleisch ist. Außerdem wird viel geredet. Politik, Geschichte, Naturwissenschaften und natürlich Sport. Und ich war so ziemlich in jedem der genannten Themen der Mittelpunkt. „Wie ist bei euch Weihnachten so? Was lernen die deutschen Schüler über den Nationalsozialismus? Ab wann darf man in Deutschland persönlich ins Politikgeschehen eingreifen? Wie stehen die Deutschen zur Weltpolitik? Hast du schon einmal die deutsche Nationalelf live gesehen? Wie ist das Medizinstudium in Deutschland? Was denken die Deutschen über Chile?“ Und das war nur ein sehr kleiner Teil der Fragen, die ich so gut wie möglich beantworten musste. Das ist in der Landessprache schon eine große Herausforderung, doch ich denke ich habe sie einigermaßen gemeistert. :)

Vom 26. bis zum 31. Dezember war dann die Familie angesagt. Wir haben Ausflüge gemacht, Verwandte besucht, kleine Feste gefeiert, Geschenke ausgetauscht und natürlich mal wieder so richtig ausgeschlafen.

Silvester ist für meinen Geschmack ziemlich „lahm“ gewesen, da Feuerwerkskörper nur von staatlich genehmigten Organisationen gekauft werden können. Es gab wohl in den letzten Jahren viel zu viele Unfälle, daher veranstaltet jede Stadt ihr eigenes offizielles Feuerwerk. Dieses Event ist zwar groß und bombastisch, aber selber Raketen und Böller zu zünden, macht meiner Meinung nach dann doch mehr Spaß.

Der Neujahrsmorgen war jedoch der beste in meinem Leben bis jetzt. Achso, davor muss ich noch erwähnen, dass ich mir eine weitere, etwas speziellere Sportart ausgesucht habe: Ich habe mir ein Kajak organisiert und mir dann zu Weihnachten noch Räder dazu gekauft, sodass ich mich immer wann ich es möchte mit meinem Kajak im Schlepptau auf den Weg zum Wasser machen kann. Mein Traum, unabhängig loszuziehen, wann ich will und wohin ich will, ist in Erfüllung gegangen.

So, jetzt zum Neujahrsmorgen: Um fünf Uhr morgens, als sich alle gerade schlafen gelegt hatten, packte ich Paddel, Schwimmweste, Sonnenbrille und Handschuhe zusammen, um dann, mein Kajak hintermirherziehend, zum Fluss zu laufen und in See zu stechen. Der Himmel war blau und wolkenlos und gerade ging die Sonne auf, als ich still und leise aus der Stadt paddelte und riesige Weiten von klarem Wasser genoss. Ich kann es gar nicht beschreiben, was mir das bedeutet hat und wie ich mich gefühlt habe. Ich weiß nur, dass ich sowas nicht in Deutschland hätte erleben können und wie viel mehr so ein Austausch doch ist, als nur in eine andere Stadt und Schule zu gehen.

Wie gesagt, das war ein Super-Start ins neue Jahr 2016, und ich bin zuversichtlich, dass auch dieses Jahr überragend wird! Jetzt ist genau ein halbes Jahr rum und ich glaube ab jetzt wird die Zeit nochmal doppelt so schnell vorbeigehen... Aber zum Glück verbleiben mir ja noch fast 6 Monate, wobei ich sagen muss, dass ich meine Familie und Freunde echt stark vermisse, vor allem in letzter Zeit.

Das letzte Wochenende bin ich mit einer Freundin und meinem Gastbruder zum  Vulkan Villarica in Pucón gefahren. Pucón ist die Partyhochburg Chiles und daher sehr touristisch. Viele sagen, es wäre das chilenische Mallorca, was zum Teil tatsächlich zutrifft. Auf jeden Fall ist die Landschaft atemberaubend und es gibt zahlreiche Attraktionen. Zuerst sind wir den Vulkan hochgewandert, konnten aber leider nicht ganz hoch, weil es Anzeichen gab, dass er vielleicht aktiv wird. Am nächsten Tag sind wir dann zu den besten und schönsten Thermen Chiles gefahren und haben uns einen ganzen Tag lang in von Magma auf über 40 Grad erhitzten Wasser gebadet. Zu guter Letzt mieteten wir am nächsten Tag Fahrräder, mit denen wir von einem klaren Gebirgssee zum anderen gefahren sind, natürlich jeweils mit längerer Badepause :). Jetzt habe ich aber genug geschwärmt, in 2 Monaten fängt ja "schon wieder" die Schule an :).

So, nun ist Schluss, Entschuldigung, mein Kajak ruft! Dir, lieber Leser, wünsche ich ebenfalls einen guten Start ins neue Jahr und dass Du ebenfalls einige Träume in die Tat umsetzen kannst!

¡Hasta luego! Leo