21.3.2016

Bericht #6

¡Hola!Endlich finde ich mal wieder etwas Zeit, um einen weiteren Eintrag zu verfassen. In weniger als 100 Tagen werde ich mir Gedanken machen müssen, wie ich alle meine persönlichen Sachen, plus die gekauften Andenken und alle anderen hier liebgewonnenen Dinge zusammenpacke, und wie ich sie wieder zurück nach Deutschland transportieren kann.

Ja, lieber Leser, Du hast richtig gelesen, es sind nur noch 100 Tage, weniger als ein Drittel. Es verbleiben mir zwar nicht mehr allzuviele Wochen, aber ich blicke ja jetzt schon auf eine unglaublich erlebnisreiche und vor allem erfolgreiche Zeit hier in meinem Gastland Chile zurück. Außerdem bin ich mir sicher, dass auch noch der verbleibende Abschnitt meines Abenteuers unvergesslich wird.

Vor so ungefähr 6 Wochen saß ich mit meinen beiden Gastbrüdern und ein paar Freunden von ihnen schön entspannt bei einem Asado zusammen. Wir hatten Ferien und erfreuten uns am sonnigen Wetter und den hohen Temperaturen. Achso, ich sollte erwähnen, dass ein Asado eine Art Grillfest ist und eigentlich nur gegessen und geredet wird, wie auch dieses Mal. Ein Chilene redet frei über Alles und Jeden und jeder Einzelne hat seine eigene Meinung und vertritt diese energisch, ganz egal, über was oder wen man gerade diskutiert. Lange Rede kurzer Sinn: Wir saßen beisammen und erfreuten uns an der Gemeinschaft. Mein Bruder erzählte von einem Freund, der vor kurzem von einer 6-tägigen Wandertour durch den schönsten aller Nationalparks, den "Torres Del Paine" (bitte hier einen Wikipedialink einfügen), zurückkam.

Man findet dieses außergewöhnliche Stück Erde am südlichsten Ende der Welt im chilenischen Patagonien. Diese Reise war wohl, abgesehen vom Wetter, ein voller Erfolg und alle Mühen und Anstrengungen hätten sich um ein Vielfaches bezahlt gemacht. Alle Anwesenden verfielen plötzlich in Schweigen und ich konnte es ihnen ansehen, dass sich jeder in diesem Moment vorstellte, ebenfalls seine Sachen zu packen und dieses Abenteuer anzugehen, doch niemand machte den Mund auf und schlug es vor. Für mich war klar, ich musste da hin! Also sprach ich die Frage aus, die wahrscheinlich jedem von uns auf der Zunge lag: ¿Cabros, porqué no hacemos la wea también? (deutsch: „Leute, was spricht dagegen, die Reise auch zu machen?") Einer nach dem anderen gab mir Recht und wir waren uns einig: Wir werden dieses Abenteuer gemeinsam als Gruppe angehen!

In der folgenden Woche kauften wir dann Flugtickets, Schlafsäcke, Zelte, Campingkocher und Essen, packten unsere Sachen und weniger als zwei Wochen nachdem wir uns dazu entschieden hatten, saßen wir auch schon im Flugzeug Richtung Süden.

Wir wanderten täglich zwischen 18 und 25 Kilometern, was mit einem 20 Kilo schweren Rucksack jeden Tag eine neue Herausforderung war. Wir blieben immer als Gruppe zusammen und immer mal wieder konnte man einen von uns rufen hören: "¡Vamos equipo!", was so viel heißt wie: Auf geht´s, Team! Das hat mir persönlich außerordentlich gut gefallen, man konnte den Teamgeist so richtig spüren und jeder war bereit, dem anderen „Teamkameraden“ zu helfen. So etwas hatte ich in Deutschland bisher noch nicht so richtig erfahren, da ist man meiner Meinung nach etwas distanzierter und vielleicht nicht ganz so stürmisch und offen

Übernachtet haben wir auf Zeltplätzen. Das Essen wurde selber gekocht und geduscht (sofern der Zeltplatz keine Dusche hatte) in den ca. 3 Grad kalten Gletscherflüssen. Danach fühlt man sich äußerst lebendig und gut durchblutet ist mir aufgefallen... :) Das Wetter im Torres del Paine ist normalerweise relativ eintönig, bewölkt, häufig Regen, ja sogar Schnee und Hagel wären nichts Besonderes. Doch gerade zu der Zeit, als wir dort waren, klafften die Wolken auseinander und die Sonne kam heraus. Überragenderweise kamen die Wolken nicht zurück und wir hatten 6 regenfreie, sonnige Tage mit blauem Himmel.

Um das noch zu toppen, sind wir am letzten Tag um halb 6 in der Früh aufgestanden, um den Sonnenaufgang hoch oben in den Bergen zu erleben. Dazu mussten wir morgens noch im Stockfinstern mit Taschenlampen einen steinernen Steilhang hochkraxeln, aber es hat sich gelohnt, das kann ich mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen. Die Berge, die man auf dem einen Foto sieht, wurden durch das Licht der aufgehenden Sonne erst helllila, dann blutrot, orange, gelb und dann zu einem strahlenden gold. Wir saßen einfach nur da und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das war ein unübertreffliches Finale und schon 12 Stunden später saßen wir wieder im Flugzeug nach Hause und unter uns zogen die wunderschönen mit Schnee bedeckten Berge Patagoniens vorbei.

Ganze zwei Tage nach diesem sensationellen Abenteuer in der abgefahrensten Landschaft, die ich je gesehen habe, fing die Schule wieder an. Hmm, früh aufstehen, vorgegebene Kleidung, Unterricht, Hausaufgaben und so viele Dinge mehr, die ich ja also wirklich so richtig richtig arg vermisst habe in den letzten drei eineinhalb Monaten Ferien... :)

Nein, es war auch mal wieder schön, einen geregelten Tagesablauf zu haben und vor allem alle seine Freunde wiederzusehen. Die waren ja in den langen Ferien alle nach Deutschland "abgehauen" :). Jeder hatte sehr viel von seinem Austausch zu erzählen und jeder einzelne wollte mir schildern, wie toll Deutschland ist und wie beeindruckt sie alle von meinem Heimatland waren. So ziemlich alle haben gemeint, dass Deutschland "funktioniert". Sie meinen damit, dass die verschiedenen Systeme in Deutschland gut funktionieren, also dass es zum Beispiel Busfahrpläne gibt und der Bus dann auch wirklich exakt auf die Minute kommt. Ja, also hier ist das nämlich etwas anders, denn man stellt sich einfach an die Straße und wartet bis einer zufällig mal vorbei fährt. Die Wartezeit kann eine Minute betragen, aber auch eine Stunde und aufwärts, meistens ist man da schneller gelaufen als mit dem Bus gefahren :). Wovon auch alle geschwärmt haben, waren die vielen verschiedenen Züge und wieviel einfacher das doch alles mit Schienen ist :). Ja, wie gesagt, die erste Woche nach den Ferien hatte ich viel zu lachen in der Schule, was mir übrigens half, mich wieder an den normalen Schulalltag zu gewöhnen...

Naja, also viel mehr gibt´s dann auch gerade nicht mehr zu erzählen, das normale Leben hier geht weiter. Und für mich ist es jetzt auch tatsächlich zum normalen Leben geworden, die Sprache macht schon lange keine Probleme mehr, ich habe mir ein tolles Umfeld geschaffen, eine zweite Familie und viele neue Freunde, welche mir aber keinesfalls die wichtigen Menschen in Deutschland ersetzen, die ich Tag für Tag mehr vermisse und mich ganz ehrlich auch wieder auf meine Heimat freue. Aber ich bin mir sicher, dass jetzt die verbleibende Zeit mit sich nochmal verdoppelnder Geschwindigkeit vorbeirauscht und deswegen koste ich alles aus was geht. Denn seien wir mal ehrlich, vorgestern verließ ich Deutschland, gestern lebte ich mich hier in meiner neuen Stadt ein, heute genieße ich die Selbstständigkeit und erfahre täglich Neues, und schon morgen packe ich meine Sachen und kehre heim... Es ist wie Zauberer „Gandalf der Weise“ aus der Herr-der-Ringe-Trilogie sagte: „Es liegt nicht in unserer Macht, zu entscheiden, in welchen Zeiten wir leben. Wir müssen nur entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist.“

Ich persönlich gebe mein Bestes, diese Zeit so gut wie möglich zu nutzen, und ich bin mir sicher, dass Du, lieber Leser, das auch tust. Bald schon melde ich mich wieder, bis dahin ¡Hasta luego! Leo