5.1.2019

Bericht #2 – Musik, Burek, Kaffee und Folk

Liebe Metropolregion Rhein-Neckar,

frohes Neues Jahr MRN! Срећна нова година МРН! Wie versprochen versuche ich euch dieses Mal meinen Alltag vorzustellen, und euch einfach in einen ganz normalen Tag von mir mitzunehmen.

Ein „normaler Tag“ - der Morgen:

Für mich ist dieser Tag noch immer nicht normal; die Unterschiede zu meinem Tag in Deutschland sind dafür einfach zu groß. Es fängt schon beim Aufstehen an. Nicht um sechs Uhr morgens aus dem Bett springen frühstücken und zum Bus rennen, sondern ganz entspannt gegen acht Uhr aufstehen, weil meine Schule erst um die Mittagszeit beginnt. In Serbien sind die Schulen immer zweigeteilt. Weil zu wenige Räume in den Schulen zur Verfügung stehen geht ein Teil der Schüler vormittags ab 7:30 in die Schule und der andere Teil ab circa 14:00. Nachdem Frühstück und einer kleinen Unterhaltung mit meiner serbischen Großmutter, die nur Serbisch spricht, (mittlerweile ist es eine Unterhaltung, nicht so wie am Anfang) übe ich meistens Cello oder Klavier für meine Schule hier. Ich besuche ein Musikgymnasium. Außerdem versuche ich meistens noch irgendwie unterzubringen Serbisch zu lernen.

Der Mittag/Nachmittag:

Wenn ich es dann mit meinem Cello auf dem Rücken und diversen anderen Taschen beladen auf dem Fahrrad meine Schule im Zentrum meiner Stadt erreiche, das ist immer wieder ein Abenteuer, starten die Begrüßungen. Nach vielen Ćao´s (= Hi zu Mitschülern), Dobar dan´s (= Guten Tag zu Lehrern), Umarmungen und manchmal auch Küsschen (ähnlich wie die in Frankreich aber die Anzahl variiert zwischen 1 und 3) erreiche ich wie immer zu spät das Klassenzimmer, was aber nicht weiter schlimm ist, weil ich eh der einzige bin, den das juckt ;), denn Pünktlichkeit ist zwar wichtig aber es kommt eher selten vor, dass ein Lehrer auf die Minute zur Stunde ankommt.

Wie schon erwähnt, ist meine Schule ein Musikgymnasium. Das heißt, ich habe keine normalen Fächer wie Biologie oder Mathe, sondern Musikgeschichte, Musiktheorie, Orchester, Kammerorchester, individuellen Cello- und Klavierunterricht, und überraschenderweise Sport, der sogar härter ist als der deutsche Schulsport. Sprachen werden aber weiterhin normal unterrichtet. In meinem Fall Serbisch, Englisch und Italienisch.

Der komplette Unterricht mit meiner Klasse ist auf Serbisch. Am Anfang mussten meine Mitschüler mir viel übersetzen, damit ich überhaupt ansatzweise dem Unterricht folgen konnte, aber seitdem ich immer wenn eine Stunde nicht verständlich ist/war Vokabeln lerne wird das schrittweise besser. Auch wenn die Sprache nur die eine, die Musiktheorie aber die andere Facette des Problems ist, die muss man auch erstmal raffen. Meine fünf anderen Klassenkameraden waren und sind mir aber immer eine große Hilfe.

Eine andere Besonderheit ist, dass meine Schule komplett zweisprachig ist. Das heißt, es gibt immer eine serbische und eine ungarische Klasse pro Jahrgang. Das liegt an der Nähe zu Ungarn (ca.10 Kilometer) und der großen ungarischen Minderheit im Norden von Serbien. Aber da zum Beispiel im Orchester und Kammerorchester die Klassen gemischt werden, und die Ungarn zahlenmäßig mehr sind, ist das Orchester und Kammerorchester komplett auf Ungarisch. Aber jetzt wo ich weiß, was die Zahlen zum anzählen eines Musikstücks, „gut“, „Hallo“ und „Danke“, auf Ungarisch heißt, komme ich auch dort zurecht.

In der Mittagspause gibt es dann einen Burek, ein Blätterteigkuchen mit unterschiedlichen salzigen und süßen Füllungen (dem ich aber ganz bestimmt noch einen ganzen Blogeintrag widmen werde), oder etwas anderes aus der nahen Bäckerei. Nach der Schule, die bis 17 Uhr manchmal aber auch bis 20 Uhr dauert, gehe ich dann ziemlich regelmäßig mit Freunden auf einen Kaffee oder ein Bier.

Der Abend/die Nacht:

Wenn ich es dann wieder heil mit meinem Gepäck zu meinem Zuhause geschafft habe, würde ich meistens am liebsten einfach zufrieden aufs Bett fallen und einschlafen –, aber dann habe ich Wasserballtraining.

Wasserball ist ein Nationalsport in Serbien und entsprechend hoch sind auch die Anforderungen und die Intensität. Wasserball ist vielleicht mit Handball in einem Wasserbecken vergleichbar, nur dass man nicht im Wasser stehen kann und sich konstant über Wasser halten muss. Ich bin nicht der Unsportlichste, aber das ist eine Belastung die mit nichts zu vergleichen ist was ich zuvor gemacht habe, und entsprechend kaputt bin ich nach meinem ersten Training wieder nach Hause gestolpert.

Seit drei Monaten tanze ich jetzt auch regelmäßig in einer Folklore Tanzgruppe, in der traditionelle Tänze vom Balkan getanzt werden. Es macht wirklich Spaß zusammen in einer Gruppe zu tanzen und wir bereiten uns auf einen anstehenden Auftritt vor, der bald ansteht.

Die Augen waren am Anfang ziemlich groß als ein Ausländer zum Training erschienen ist, aber wie auch an allen anderen Plätzen wurde ich mit einer herzlichen Offenheit empfangen, sodass ich mich sehr wohl fühle.

Das war es schon wieder von mir. Ich melde mich bald wieder.

Bis dahin alles Gute,

Timon