2.8.2019

Bericht #8 – Serbisch: Das Grauen in 7 Fällen

Liebe MRN,

ich melde mich noch einmal um euch vom wichtigsten und gleichzeitig herausforderndsten Teil meines Austauschjahres zu erzählen. Dem Sprachenlernen. Jetzt wo mein Austauschjahr zu seinem Ende gekommen ist, kann ich auch viel besser darüber berichten wie wichtig dieser Prozess war, der sich über meine ganzen zehn Monate hingezogen hat. Außerdem kann vielleicht durch diesen Bericht eine der dringendsten Fragen der nächsten Austauschschülergenerationen beantwortet werden. Wie ist das bzw. geht das, eine ganz fremde Sprache von Grund auf zu lernen?

Der Anfang

Aller Anfang ist schwer... oder doch nicht? Bei mir war der Anfang ein Kroatisch-Kurs bei dem ich ehrlicherweise nur soviel gelernt hatte, dass ich als ich im Flugzeug nach Belgrad saß das Wort für „Bitte“ und „Danke“ auf Serbisch nicht kannte, was aber meiner Faulheit und nicht dem Kurs geschuldet war. ;)

Der eigentliche Anfang war das AFS-Wochenende in Belgrad auf dem wir die ersten serbischen Wörter und auch das kyrillische Alphabet gelernt haben (das lateinische und das kyrillische Alphabet wird im serbischen Alltag genutzt) was wirklich viel einfacher als gedacht war (zehn Minuten). Am Tag an dem wir von unseren Gastfamilien in Belgrad abgeholt wurden mussten wir den Satz: „Hallo, ich bin Timon, komme aus Deutschland und werde in Subotica leben.“ auswendig lernen, der aber wegen der Fremdheit der Sprache und deren Lautformung im Mund erst nach bestimmt 15 Minuten über unsere Lippen ging. Außerdem vergaßen wir sowieso größtenteils vor Aufregung was wir zu sagen hatten als wir dann vor der Menge der genauso aufgeregten Gastfamilien standen, wurden aber trotzdem mit begeistertem Applaus aufgenommen nachdem wir den Satz herausgestottert hatten.

Dieser Applaus spiegelt die Wertschätzung wider die in Serbien mir für jeden Versuch die Sprache zu lernen entgegengebracht wurde. Die Menschen (Ausnahme sind AFSer) erwarteten eigentlich gar nicht, dass ich die Sprache lernen wollte. Umso mehr wurde also jedes neue Wort von mir gefeiert. Diese Rücksicht war manchmal auch ein Hindernis, weil dadurch, in Kombination mit dem guten Englisch der Serben, die Motivation manchmal fehlte um zu lernen.

Die Sprache:

Das Serbische gehört zu der slawischen Sprachfamilie und ist damit auch mit z.B. Russisch und Polnisch verwand. Kroatisch und Bosnisch sind im Prinzip die gleiche Sprache mit kleinen Unterschieden in Vokabular und Grammatik, aber man kann sich an sich problemlos untereinander verständigen. Serbisch hat eine äußerst üppige Grammatik mit drei Zusätzlichen Fällen (die deutschen Fälle + Vokativ, Lokativ, Instrumental). Die größten Schwierigkeiten hat mir die hinterhältige Natur der Veränderungen der Endungen von Wörtern in den Sätzen im Einfluss von Zeit, Geschlecht und Fällen gemacht. Wörter sehen manchmal einfach komplett anders aus, wenn sie im zum Beispiel im Genetiv stehen. Aber ich will euch nicht mit zu vielen Regeln und Besonderheiten der Sprache bombardieren denn die sind wahrscheinlich nur für Sprachinteressierte interessant und füllen einen ganzen Blogeintrag. ;)

Der Rest des Jahres

Die Grammatik habe ich die ersten 4 Monate nicht gebraucht. Anfangs war es genug jeden Tag fünf oder mehr Wörter neu zu lernen und Stück für Stück konnte ich mehr verstehen. Die einfachsten Grammatikformen wurden mir dann von meiner Gastfamilie, meinen Freunden und vom Serbisch Lehrer meiner Schulklasse erklärt. Trotzdem sprach ich das erste Halbjahr bis Januar noch sehr viel Englisch, einfach, weil es viel bequemer war. Es hat einen Punkt gegeben wo ich entschieden habe nur noch Serbisch zu reden und auch wenn ich auf Englisch angesprochen werde immer auf Serbisch zu antworten (Diese Entscheidung muss man eigentlich so früh wie möglich treffen, dann lernt man die Sprache automatisch schneller). Das war der Punkt an dem ich begann flüssig zu sprechen. Ab Januar haben wir Austauschschüler aus Subotica uns zusätzlichen Sprachunterricht für serbische Grammatik organisiert, mit dem Ziel am Ende des Jahres ein Sprachdiplom zu absolvieren (hat geklapptJ).

Fazit   

Was ich mit all dem sagen will, ist eigentlich, dass es erstens nicht unmöglich ist eine komplett fremde Sprache zu lernen, wenn man dafür die Bereitschaft mitbringt und zweitens, dass der Aufwand sich auch wirklich lohnt. Man versteht die Witze der Anderen (ohne Erklärung/Übersetzung) und kann Gespräche führen ohne immer der zu sein, mit dem man umständlich auf Englisch sprechen muss. Man kann ins Kino, Einkaufen und Essen gehen ohne dabei immer auf Anhieb als der Ausländer enttarnt zu werden. Kurz: Man kann ein unabhängiges und alltägliches Leben in einem anderen Land führen, was ja eigentlich das Ziel des Austauschjahres ist.

Auch wenn ich für mein R (ich kann es nicht rollen) viel Gelächter geerntet habe und in viele Fettnäpfchen während des Sprachelernens getreten bin (von verwirrten Blicken meiner Mitmenschen bis versehentlicher Beleidigung von Lehrern war alles dabei - Fettnäpfchen immer mit Humor nehmen!), hat es sich gelohnt und ich bereue nichts.

Noch ein kleines Beispiel zu den Fettnäpfchen: Die Wörter für schreiben (Infinitiv: pisati, 1. Person Singular: Ja pišem) und pinkeln (Infinitiv: pišati, 1. Person Singular: Ja pišam) sind sehr ähnlich! So habe ich mehrere Male im Unterricht dem Lehrer zu verstehen gegeben den Text zu pinkeln statt ihn zu schreiben. Meine Klasse hat sich natürlich gebogen vor Lachen, mein Lehrer war irritiert und ich war rot, aber diese Situationen gehören zum Austausch einfach dazu und man kann eigentlich immer im Rückblick darüber lachen.

Im nächsten Bericht bekommt ihr über meinen Abschied aus Serbien etwas zu lesen.

Bis dahin alles Gute,

Timon Baral