15.7.2017

Bericht #11 - Rückkehr nach Bolivien

Hola mi querida región metropolitana Rin-Neckar,

„Hä, wer schreibtn do? Wer issen des jetzt?“. So geht’s vielleicht manchen von euch :D.  Die Antwort darauf: Wie ihr ja schon sehen könnt, bin ich Hannes und war 2014/2015 in Bolivien.  Schon lange her; das habe ich mir auch gedacht und war nach meinem Abitur im Frühjahr 2017 nochmals dort zu Besuch.

„Warum schon wieder?“: Ganz einfach, weil ich erleben wollte,

  • Wie mein Klassenkamerad an einer vierspurigen Hauptverkehrsstraße kurzerhand mit dem Satz „Para compartir“ aus dem Auto verschwindet, ich eine große Tüte Chips erwarte und anschließend umso erfreuter bin, als mein Freund Limber sich mit einem Sack (das Wort „Tüte“ würde dem nicht gerecht) voller Orangen wieder hinters Lenkrad setzt. Die wir danach natürlich essen und dabei das halbe Auto verschmutzen.
  • Wie meine Gastmutter an ihrem 56. Geburtstag mit über 80 geladenen Gästen minutenlang mit einer gläsernen Bierflasche auf dem Kopf tanzt.
  • Wie ein echt leckeres Menü mit Suppe, Hauptgang und Refresco  (selbstgemachtes Erfrischungsgetränk) auf dem Markt deutlich billiger sein kann als ein simpler Cappuccino in einer Cafekette.
  • Wie die Marktfrauen, die 7 Tage die Woche tausende Kunden bedienen, sich nicht nur an mich erinnern, sondern sofort zutreffend bemerken, dass ich seitdem etwas zugenommen habe.
  • Wie ich auf der Rückfahrt von einem Fußballspiel in Mikys Handy die Worte „deine Frau hat die Hosen an“ (auf Deutsch!) spreche, die dieser sofort an seinen Freund schickt. (Später in Peru sollte ich noch ungefähr das Gleiche für eine Security in der Postzentrale tun ;) )
  • Und (leider), wie die Kassiererin an einer öffentlichen Toilette, die den ganzen Tag nur mit Centstücken hantiert, mir knallhart sagt, sie habe keinerlei Wechselgeld („no tengo suelto Señor“). 

All diese Anekdoten konnte ich natürlich allenfalls erahnen, doch nach elf Monaten Bolivien hatte ich eben doch Grund genug etwas Dergleichen anzunehmen.  Aber der Reihe nach:

Sechs Tage nach meinem Abiball saß ich auch schon im Flieger gen Santa Cruz de la Sierra, gemeinsam mit meinem Vater Andreas (59) und meinem jüngeren Bruder Felix (17). In Madrid versuchte ich, den beiden noch ein paar spanische Phrasen einzutrichtern, woran ich jedoch im Wesentlichen kläglich scheiterte. Mein Vater konnte minimal Spanisch, Felix außer „Hola“ und „una cerveza por favor“ kein Wort.

Endlich angekommen erwarteten meinen Vater noch am Flughafen die ersten beiden Schocks: Zum einen diese „Wand“, gegen die man beim Verlassen des Flughafens lief und –was wesentlich schlimmer war- meine Gastschwester Tania, die eine halbe Stunde zu spät aufkreuzte.  Die Fahrt nach Hause war umso unterhaltsamer, denn während ich mich mit Tania unterhielt, gab mein Vater ab und zu ungläubige Kommentare über den Verkehr ab, was Tania wiederum sehr lustig fand.

Ich hatte in den zwei Jahren, die seit meiner Rückkehr nach Deutschland vergangen waren, recht wenig und „belanglosen“ Kontakt mit meiner Gastfamilie gehabt, selbst die Tage vor meiner Rückkehr. Oft hatte ich mich im Vorfeld gefragt, ob es sich wieder ganz „natürlich“ anfühlen würde, bei meiner Gastfamilie zu sein. Zumal ich ja Teile meiner deutschen Familie dabei hatte. Mir war wichtig, dass ihnen klar würde, dass es mir in dem Jahr bei meiner Gastfamilie sehr gut ging und ich bestens versorgt war. Umgekehrt will man als Gastschüler selbstverständlich auch, dass meine Gastfamilie meine deutsche Familie nett findet. Ich spreche hier einfach mal pauschal für alle Austauschschüler :D .  Dass die einen außer Tania weder Englisch noch Deutsch und die anderen fast kein Spanisch konnten, machte die Sache nicht gerade einfacher…

Meine nach der entspannten Autofahrt übrig gebliebenen Sorgen zerstreuten sich rasch bei einem großen Frühstück. Die einzige Sorge meiner Gastmutter Wilma war und ist es, dass jeder satt wird und sämtliches  Essen  probiert hat.  Da könnte sie chinesisch reden und meine Familie hätte es trotzdem gemerkt. Wie einfach die Welt manchmal ist…  Sehr lustig für mich bzw. sehr anstrengend für meinen Vater und Bruder war, dass meine bolivianische Familie meist einfach ungeniert drauflos quasselte, ja sogar in Person meiner Tante Ana dauernd Witze riss. Alles in allem machte dies die Sache jedoch deutlich einfacher, denn trotz seines  dauernden Schulterzuckens merkte mein Papa eben doch, welch lustige Person Ana ist.

Die ersten  drei Tage verbrachten wir somit in Santa Cruz, fuhren Bus (was eine Aktivität für sich darstellt), gingen auf den Markt(ebenso) oder tranken mit Tania auf der Plaza 24 de septiembre einen frisch gepressten O-Saft. Felix sollte sich in den 2 Wochen in Bolivien quasi täglich einen O-Saft pressen lassen.

An alle von euch, die vielleicht eines Tages mit ihren Eltern ihre Gastfamilie besuchen werden, kann ich hier sagen: Wie ich oben schon geschildert habe, ist es sehr anstrengend, aber es lohnt sich.  Es lohnt sich, weil so meine Familie in 2 Wochen komprimiert viele Erfahrungen machen konnten, die mich elf Monate lang begleiteten.

Es lohnt sich, weil ich so viele Dinge nochmal so richtig bemerkte, die ich schon als selbstverständlich und normal wahrgenommen hatte.  Da wäre zum Beispiel Tania, die mit uns essen gehen will, aber erst während der Fahrt sich mit ihrer Freundin auf ein Lokal einigt, sodass wir eine Runde nach der anderen durch den innerstädtischen Stau fahren, bis wir endlich nach einem riesigen Umweg ein Lokal finden.  

Danach flogen wir Deutschen nach La Paz. Die Stadt habe ich schon oft beschrieben, allerdings nicht die „Ruta de la muerte“, die ich diesmal unbedingt mit dem Rad hinabfahren wollte.  Bei der „Todesstraße“ handelt es sich um eine Straße, die von 4700 Metern Höhe auf  einer Länge von ca. 65 km auf 1100 Meter hinabführt und dabei überwiegend nicht asphaltiert ist. Zum Vergleich: Der Mont Blanc misst auch nur 4810, unsere  Kalmit 673 Meter haha. Ihren berüchtigten Namen hat die Strecke aus der Zeit, als sie die einzige Verbindung von La Paz in die subtropischen, feuchten Yungas darstellte. Bei tragischen Unfällen starben dabei pro Jahr bis zu 200 Menschen. Erst seit gut 10 Jahren (!) gibt es eine Alternativstrecke, sodass fast nur noch Radfahrer die Strecke  frequentieren und auch nur in eine Richtung (welche wohl?). Unvorstellbar ist es für mich, dass sich dort vor nicht allzu langer Zeit unter Wasserfällen  zwei Busse ausweichen mussten. Das Attribut „atemberaubend“ verdient die Strecke definitiv: Was anfangs auf Asphalt wie ein Alpenpass beginnt, wird, sobald die Schotterpiste erreicht ist, sehr feucht, neblig und unglaublich grün. Wenn man den Nebel durchquert hat, machen sich die zurückgelegten Höhenmeter plötzlich auch in der Temperatur bemerkbar.  

Nach einer Nachtfahrt mit dem Bus erreichten wir Uyuni, wo wir auf einer dreitägigen Tour den Salzsee besichtigten und danach an Geysiren, heißen Quellen und von Flamingos gesäumten Lagunen auf 4000 Meter Höhe ausstiegen. Ich war nie zuvor so weit abseits jeglicher Infrastruktur gewesen. Unser Guide legte in drei Tagen 950 Kilometer mit dem Jeep zurück, wovon locker 700 km auf nicht asphaltierten Straßen verliefen. Unser Benzin transportierten wir auf dem Dach. Zum Teil gab es nicht einmal Netz für Notrufe, was schon skandalös ist. Teilweise keinen Strom, kein heißes Wasser oder kein WLAN zu haben, war dagegen fast ein LuxusproblemDafür war die Reise echt entspannend, weil ich ausnahmsweise mal  nicht planen musste, wo wir am nächsten Tag hingehen. 

Zuletzt will ich von unserer Reise noch Potosí erwähnen, die einst durch ihre Minen reichste Stadt der Welt. Den Berg, der ihren einstigen Reichtum ermöglichte, besuchten wir im Rahmen einer beeindruckenden, zugleich aber auch bedrückenden Minentour. Ohne unseren Führer hätten wir uns in den dunklen, schmalen  Schächten komplett verirrt.  Wir lernten Minenarbeiter  kennen, die nur Quechua, kein Spanisch sprachen. Das muss man sich erstmal vorstellen, denn in Bolivien ist nicht so wie in der Schweiz alles mindestens bilingual ausgeschildert, im Gegenteil. Hinzu kommen die giftigen Dämpfe und das dauerhafte Gebücktsein, die den Job trotz des guten Gehalts für mich zum Unattraktivsten überhaupt machen.  Darüber hinaus essen die Arbeiter während ihrer Schicht im Stollen nichts außer Kokablätter. Auf die Frage angesprochen, wie sie ein Einstürzen des Berges verhindern, kommt immer die gleiche Antwort: „Experiencia“, also Erfahrung. Erfahrung und Opfergaben an ihren Minengott anstelle  wissenschaftlicher Planung…  Naja, für uns alle war es jedenfalls auch eine experiencia.

An dieser Stelle muss ich sagen, wie schwer es mir diesmal gefallen ist, alles in einen Bericht zu packen. Es war sogar schwerer als während meines  Jahres dort, sodass leider meine individuelle Reise durch Peru nach Ecuador komplett unter den Tisch  fiel. Ich wollte mich hier nur auf Bolivien konzentrieren und wie es für mich war, nach 2 Jahren meine Gastfamilie zu besuchen.

Als Fazit halte ich fest, dass durch diese Reise meine Gastfamilie mir noch mehr ans Herz gewachsen ist. Beide haben wir gemerkt, dass ich mich in den 2 Jahren verändert habe, lockerer geworden bin. Während ich beispielsweise damals meistens das Schulspanisch gesprochen habe,  fand ich diesmal ganz spontan daran Gefallen, so richtig wie ein cruceño zu reden. Auch wenn sie meinen Text hier wohl nie lesen werden, will ich mich bei meiner Gastfamilie bedanken dafür, dass sie uns so herzlich empfangen, so toll gekocht, uns mit Geschenken für die Heimfahrt beladen haben und vor allem dafür, dass sie einfach trotzdem noch auf dem Markt um den Preis der Yuca(Maniok) feilschen, anstatt im Supermarkt zu kaufen <3.

Last but not least  mein Tipp an diejenigen unter euch, die mit dem Gedanken spielen, ihre Gastfamilien zu besuchen: Macht’s einfach, denkt nicht zu viel drüber nach. Es lohnt sich bestimmt.