5.3.2017

Bericht #5 - Endlich Carneval!

Seit Januar war in meinem Auslandsjahr als Jungbotschafter mal wieder eine große Ruhepause eingetreten, die echt gut tat. Anfang Februar fing die Schule wieder an und es ging gewohnt weiter mit normalem Alltag. Hin und wieder habe ich mich mit Freunden getroffen, habe viel gelesen und war öfters einfach so am Strand um zu entspannen. Man bekam schon fast das Gefühl, dass man wieder im gleichen Alltag „gefangen“ ist wie in Deutschland aber dann stand schon Carneval vor der Tür.

Carneval … DAS Fest in Brasilien :D Die Vorfreude stieg und die Stimmung wurde allgemein einfach fröhlicher. Ein paar Tage vor Beginn kamen dann noch Bekannte aus Rio zu Besuch und unser Nachbar (Bruno) hatte noch Freunde aus Frankreich da. Abends waren dann meine Eltern, unser Nachbar mit seinen Freunden, unsere Bekannten aus Rio und ich in (meiner Meinung nach) dem besten Sushi-Restaurant in Salvador essen.

Ich habe dann unsere Bekannten zuallererst gefragt, warum man denn zu Carneval von Rio „flieht“ und woanders hin, wie zum Beispiel nach Salvador geht. Mir wurde dann erklärt, dass Carneval in Rio größtenteils nur noch aus Tourismus besteht und deshalb die Bewohner „fliehen“ und die Touristen in die Stadt stürmen. Aber natürlich sollte man einmal Carneval in Rio erlebt haben. Den Rest des Abends hatte ich mich sehr viel mit dem französischem Freund unseres Nachbars unterhalten, was hier einfach erwähnt werden muss, da ein Franzose in Brasilien den pfälzischen Wein gelobt hat. Außerdem meinten alle, er wäre mein Bruder aber das bewertet ihr lieber selbst :D

In Salvador zieht sich der Carneval an einer langen Straße am Meer entlang. Es ziehen immer riesige Wagen hindurch auf denen sich entweder Sänger oder noch mehr Menschen befinden. Aufgeteilt ist die Straße in 3 Bereiche. In Camarote, Pipoca und Bloco. Die Camarote ist eine Tribüne am Rand mit 1,2 oder 3 Stockwerken. Jede Camarote hat ein anderes „Angebot“. Je nach Preis gibt es dann gratis Essen und Trinken, einen Anschluss zum Strand, eigene Bands und noch mehr was später noch erwähnt wird.

Die Pipoca befindet sich quasi auf dem Bürgersteig, dort stehen oder tanzen die Menschen, aber laufen nicht mit. Der Bloco befindet sich zwischen den Wagen und bewegt sich mit diesen. Aufgrund der AFS-Regeln dürfen wir, also die Austauschschüler, nicht alleine auf Carneval gehen, sondern nur mit einer Person von AFS oder der Familie. Deshalb war der Plan, dass ich mit anderen Austauschschülern und einer AFS-Betreuerin zusammen gehe, doch dort gab es ein paar Differenzen, die dann dazu führten, dass daraus nichts wurde. Dies war aber kein Problem, da meine Eltern meinten sie gehen freitags mit Bekannten auf eine Camarote und meine Mutter donnerstags spontan noch mit mir ein Ticket für mich und meinen Bruder kaufte.

Freitags ging es dann los. Nach einer knappen Stunde Stau stellten wir unser Auto ab und sind mit dem Taxi noch 30 min weiter „gerollt“. Nach einer kurzen Kontrolle am Eingang haben wir uns dann auf den Weg zur Camarote gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war die Lage noch sehr entspannt und es fing erst alles an, deshalb konnten wir uns einigermaßen ruhig dorthin begeben. Unsere Dokumente, Handys etc. haben wir zum Schutz vor Diebstahl in Bauchtaschen gepackt und diese unter unseren Hosen versteckt. In der Camarote angekommen konnten entspannt Handys ausgepackt werden und wir haben alles genossen. Gefühlt waren an diesem Tag vielleicht 300-350 Leute auf der Camarote was echt entspannt war. Es gab einen Anschluss zum Strand, 2 Höfe mit privaten Bands, gratis Essen (Hamburger, Pizza, Sushi, Brot mit jeglichem Aufstrich und Beilagen, Früchte, Tacos,...) und Trinken (Wasser, Spirituosen, Energy Drink, Bier, Wodka und Whisky), gratis Massagen und dann natürlich eine zweistöckige Tribüne von der man dann auf die Straße gucken konnte.

Um 3:30 nachts haben wir uns dann auf den Rückweg gemacht. Einer vorne, der Hintermann legt eine Hand auf die Schulter und so haben wir dann eine Kette gebildet, um uns nicht zu verlieren. Da meine Eltern sehr angespannt wirkten als wir die Camarote verließen, war ich das anfangs auch. Da wir nun mit der Menschenmenge mitlaufen mussten war es sehr viel Gedränge und hier und da gab es ein paar Schlägereien, die man einfach so gut wie möglich umlaufen hat. Nach ca. 5 Min lief ich voraus, in einer Mischung aus tanzen und laufen um möglichst nicht aufzufallen bzw. mich einfach anzupassen.

Als ich dann bemerkte, dass die Hand von meinem Vater, welche auf meiner Schulter lag, extrem stark zitterte, wurde mir erst so richtig bewusst, wie angespannt meine Eltern wirklich waren. Mir ein kleines Lachen verkneifend, hielt ich erst einmal an, klopfte meinem Vater auf die Schulter und meinte dass alles gut wäre :D Das war so der Made-my-Day Moment. Danach sind wir noch zu McDonalds gegangen, aber nach 7 Burgern, 2 Portionen Sushi und ein paar Portionen Eis die ich auf der Camarote bereits genossen hatte, ging dann leider nichts mehr.

Am nächsten Tag bin ich dann mit dem Coach von meinem Training und seiner Frau auf Carneval. Sehr hilfreich dabei war, dass dieser Polizist ist und es dadurch sicherer für mich war. Wir waren den ganzen Abend auf der Straße und nicht auf einer Camarote. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben... Es ist eine Energie da, alle bewegen sich mit, haben Spaß und Unstimmigkeiten werden „tanzend“ ausgetragen. Ich finde, Carneval von einer Camarote kann man beschreiben, aber  Carneval auf der Straße muss man selbst erleben. Es herrscht einfach ein gewisser Flow. Ich denke es ist ähnlich wie auf einem Festival ;)

Falls ihr jemals in Brasilien auf Carnaval geht und euch kein Ticket für eine Camarote gekauft habt, geht am besten einfach ohne Wertsachen. Auch ohne Uhr, denn die Zeit vergisst man sowieso, ein Handy ist zwar schön für Fotos aber sehr riskant; für Essen nehmt kleinere Beträge und packt sie euch an verschiedene Stellen, so dass schlimmstenfalls nicht alles auf einmal geklaut werden kann... In Brasilien ist es sehr einfach sich Freunde zu machen. Findet vor Carnaval einheimische Freunde, die wissen wie alles läuft, das macht die ganze Sache einfacher und sicherer :)

Was mich überrascht hat, sind die schwulen Männer in Salvador. Beziehungsweise der Umgang mit diesen. Alle waren extrem freundlich, auf der Camarote waren sie die, die Spaß hatten und nicht so steif rumstanden wie manch anderer. Und die meisten waren braun gebrannt, hatten gut trainierte Körper und insgesamt ein extrem gepflegtes Erscheinungsbild. Auf der Camarote und auf der Straße hatte ich mich mit mehreren unterhalten und es waren immer sehr witzige Gespräche. Was mich so gefreut hat, war der Umgang mit Schwulen. Ich habe nichts gesehen und nicht von einem guten (schwulen) Freund gehört, dass irgendjemand wegen seiner sexuellen Ausrichtung angegriffen wurden. Mich hat das persönlich einfach extrem gefreut. Natürlich gibt es Menschen, die dagegen sind usw. aber einfach viel weniger. Da kann man nur sagen, gut gemacht Salvador.

Langsam kommt wieder der Gedanke in den Kopf, dass es bald schon wieder zurückgeht... aber wie schon erwartet, sind dies eher gemischte Gefühle. Ein zweites Mal Carneval wäre schon was Schönes. Naja ein weiterer Punkt auf meiner Liste von Dingen die ich (nochmal) erleben will :)