19.10.2017

Bericht #2 – Mein Geburtstag in einem anderen Land

Es ist Zeit für meinen zweiten Bericht und wie versprochen werde ich von meinem achtzehnten Geburtstag erzählen. Ich hatte keine besonders hohen Erwartungen an diesen Tag. Ich war in einem anderen Land, kaum jemand hier wusste überhaupt von meinem Geburtstag und ich war alleine ohne meine Familie und meine engsten Freunde. Aber meine Erwartungen wurden um einiges übertroffen. Und es hat schon früh am Morgen angefangen ein ganz besonderer Tag zu werden. Als ich morgens aufwachte, stand meine ganze Gastfamilie in meinem Zimmer und hat für mich gesungen und mir Geschenke überreicht, hauptsächlich Schokolade (die ist hier übrigens sehr gut). Zum Frühstück gab es natürlich einen leckeren Kuchen.

Dann ging es ab in die Schule. Dort verlief bis zur Mittagspause alles ganz normal. Allerdings gibt es hier einen besonderen Brauch, wenn Geburtstage anstehen. Wenn alle 200 Schüler unserer Schule in der Mensa sitzen und gemeinsam essen, steht einer der Freunde des Geburtstagskinds auf und ruft durch den ganzen Saal. Dann springt jeder einzelne Schüler auf und die ganze Schule singt zusammen für den Schüler bzw. die Schülerin. Und genau das ist an meinem Geburtstag natürlich auch passiert. Das war wirklich schön und ein ganz besonderes Highlight für mich.

Nach der Schule bin ich nach Hause gefahren und habe mit meiner Familie in Deutschland geskypt. Ich habe auch den ganzen Tag Glückwünsche von meinen Freunden und Verwandten Zuhause bekommen, von vielen hätte ich niemals erwartet, dass sie sich überhaupt daran erinnern, erst recht nicht wenn ich sie so lange nicht gesehen habe und nicht mal im selben Land bin. Also auf diesem Weg nochmal ein ganz herzliches Dankeschön. Alles in allem war es ein wirklich schöner und besonderer Tag für mich, auch wenn ich meine Familie natürlich ein bisschen vermisst habe.

Kommen wir zu den Unterschieden von Finnland und Deutschland. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so wirklich wo ich anfangen soll. Es gibt einige offensichtliche Dinge wie zum Beispiel das Wetter. Hier ist es natürlich kälter und es regnet gefühlt ohne Pause, aber man gewöhnt sich eigentlich sehr schnell daran. Auch wenn man am ein oder anderen Tag die Hitze Zuhause ein bisschen vermisst. Dafür ist der Herbst hier viel farbenfroher als bei uns.

Die Sprache ist natürlich komplett anders und wirklich extrem schwer zu lernen. Man nehme zum Beispiel das Wort Drache. Übersetzt man Drache in andere Sprachen bekommt man als Resultat etwas wie drake, drage, dragon, draakon, aber in Finnisch ist es lohikäärme. Normalerweise kann man sich wenn man eine andere Sprache lernt viele Wörter ganz einfach merken, weil sie in anderen Sprachen ähnlich sind, aber im Finnischen hat man da keine Chance und von meinen Problemen mit der Grammatik will ich gar nicht erst anfangen. Am einen oder anderen Tag brummt mir da wirklich der Schädel. Und es ist sehr frustrierend wenn man von Leuten umgeben ist die sich alle auf Finnisch unterhalten und man keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht. Aber das ist auch eine sehr große Lernmotivation. Ich habe eindeutig schon große Fortschritte gemacht, auch wenn ich noch weit davon entfernt bin eine richtige Unterhaltung zu führen. Wenn es zur Sprache kommt bin ich schon ein wenig neidisch auf meine Botschafterkollegen, die haben es in der Hinsicht eindeutig einfacher.

Dann ist da die Sache mit dem Essen. Generell ist es nicht so verschieden, aber es gibt einige Spezialitäten die wirklich lecker sind. Zum Beispiel Karjalanpiirakka, das ist so eine Art Teigtasche die mit Reisporridge gefüllt ist. Meistens wird es als Snack am Abend gegessen. Allerdings verliert man manchmal die Fassung, wenn es Mal wieder Kartoffeln zum Essen gibt. In Deutschland isst man Kartoffeln vielleicht zwei Mal die Woche. Aber hier habe ich in einer Woche elf Mal Kartoffeln gegessen, elf Mal! Finnen lieben Kartoffeln, vor allem weil es hier im Gegensatz zu Weizen und ähnlichem sehr gut wächst und daher viel billiger ist. Dazu kommt, dass man hier in der Schule jeden Tag umsonst Mittagessen bekommt und das ist in neunzig Prozent der Fälle etwas mit Kartoffeln in verschiedenen Variationen (Kartoffelbrei, Kartoffelsuppe usw.) Und da sich die Mensa nicht mit den Eltern abspricht wenn es ums Essen geht isst man auch manchmal an einem Tag zwei Mal dasselbe zum Mittag- und Abendessen.

Und auch die Menschen an sich haben eine ganz andere Mentalität und andere Verhaltensweisen als bei uns. Ich schätze Finnen generell ehrlicher und aufrichtiger als uns Deutsche ein. Aber auch um einiges zurückhaltender und nicht so Weltoffen wie wir es sind.

Alles in allem kann man sagen dass die Differenzen nicht gerade weltbewegend sind. Aber es gibt unendlich viele kleine Unterschiede und so fühlt man sich dann doch wie in einer ganz anderen Welt.

Eine andere Welt von der ich nächstes Mal wieder berichten werde. Ich freue mich schon darauf euch von meinen ersten Ferien in Finnland zu erzählen. Bis bald!

Eure Jule