8.3.2018

Bericht #7 – Atemberaubende Eindrücke von Chile (Teil 2)

Liebe Metropolregion Rhein-Neckar,

wohlbehalten melde ich mich wieder aus meinem zweiten Zuhause! Vor drei Wochen endete meine Chile-Rundreise und nun möchte ich euch nicht noch länger auf die Folter spannen und von dem letzten Teil berichten.

Nachdem wir, wie bereits erzählt, ein paar Tage Santiago unsicher machten, war es wieder Zeit die Heimreise anzutreten. Unser erster Stopp war das Elternhaus meines Gastpapas in Temuco, ca. 650 km südlich von Santiago. Zusammen mit der ganzen Familie machten wir einen Ausflug zu den örtlichen Naturthermen: In 38 C° warmem Quellwasser mit Blick auf den Fluss brüht man vor sich hin. Einfach herrlich!

Nach diesem Zwischenstopp ging es weiter in die 10. Region Chiles, die Region der Seen! Auf dem Weg passierten wir einige größere Städte wie Chillan, Valdivia und Osorno. Was mir sofort auffiel: Die Städte im Zentrum Chiles haben landschaftlich eine große Ähnlichkeit zu Deutschland und sind scheinbar genau deswegen bei deutschen Auswanderern sehr beliebt.

Das letzte Mal verbrachten wir zusammen mit der Familie meiner Gastmama einige Tage, die zu diesem Zeitpunkt in der Region Urlaub machten. Sie mieteten ein Haus in Puerto Varas, dem deutschen Teil Chiles und wir konnten ein paar Tage bei ihnen wohnen. Der deutsche Einfluss dort ist enorm und so fanden wir sogar im nahegelegenen Städtchen einen „Kuchenladen“ unter anderem mit Schwarzwälder Kirschtorte und Apfelstrudel. Einige Tage erkundeten wir die Umgebung: Bauern auf ihren Feldern, Kuhweiden soweit das Auge reicht und angrenzend zwei gigantische Berge, bzw. Vulkane. Fast wie in Bayern oder in Österreich! 

Nun reisten wir zu dritt weiter und setzten ca. 30 Minuten mit einer Autofähre auf die Insel Chiloe über. Unsere Herberge war das Haus eines Freundes meines Gastpapas. Die Familie konnte ich leider nicht kennenlernen, da sie in der Zeit verreist waren, wir also nur ihr nettes Zuhause nutzen durften. Auch dort unternahmen wir viel und erkundeten die Natur und die kleinen Städtchen der Insel. Typisch auf Chiloe sind die Holzkirchen und vor allem die bekannten Häuser auf Stelzen, die „Palafitos“.

In was ich mich während der Reise durch Chile besonders verliebte, sind die „Ferias Artesanales“, die in fast jeder Stadt zu finden sind. Dies sind Märkte, wo Handarbeiten wie selbstgewebte Mäppchen, handgemachte Handschuhe, Socken, typisch chilenische Kleidung, Schmuck aus Kupfer, Tierfelle und vieeeles mehr angeboten werden. Je nach Region variieren die Materialen, so wird beispielsweise im Norden Chiles alles aus Alpaka- und Lamawolle hergestellt, im Süden hingegen ist eher die Schafswolle populär. Dazu sind diese Märkte natürlich im Vergleich zu selbstgefertigter Ware in Deutschland total günstig und wenn es mir der Platz und das Gewicht auf meinem Heimflug erlauben würde, hätte ich einige Koffer damit gefüllt. 

Einen Tag besuchte uns die Familie noch auf Chiloe und dann hieß es für mich von ihnen Abschied zu nehmen, auch von meinen Cousins, mit denen ich mich sehr gut verstanden habe. Ich werde sie höchstwahrscheinlich vor meiner Abreise nicht mehr wiedersehen. Auch meine Gasteltern mussten sich von ihnen verabschieden, denn auch sie werden sich für längere Zeit nicht mehr treffen.

Nach ein paar Tagen auf Chiloe ging es weiter. Wir durchquerten die Insel und fuhren nach langem Warten im Hafen von Quellon auf die Fähre. Dort verbrachten wir die nächsten 30 Stunden. Mit vielen anderen Passagieren waren wir unterwegs, ohne WLAN, ohne Handyempfang, wir schliefen im Sitzen. Die Fähren sind ein reines Transportmittel von A nach B.

Wir hielten unterwegs teilweise an Inseln, auf denen nur eine einzige Familie wohnt. Straßen gibt es keine und so können sie nur über Schiffswege erreicht werden. Die Aussicht vom Deck des Schiffes war natürlich genial, Tausende von kleinen Inseln, wie man sich eben so „einsame Inseln“ vorstellt. Stundenlang hätte man die Natur bewundern können, die unzähligen springenden Pinguine, die bewaldeten Inseln, an denen sich das Schiff wie durch ein Labyrinth vorbei schlängelte ... doch um lange auf Deck zu sein, war es ehrlich gesagt zu kalt. Je südlicher wir kamen, desto mehr merkte man, wie die Temperaturen immer weiter fielen. An kurze Hosen brauchte man schon lange nicht mehr zu denken!

An unserem Ziel in Puerto Chacabuco, 267 km südlicher, angekommen, suchten wir uns ein Hostel und am nächsten Tag startete unsere Abenteuer-Tour, unterwegs auf der Carretera Austral. Dies ist eine rund 1350 km lange Straße, die von Puerto Montt nach Süden führt. Wir meisterten einen Teil der Strecke. Die Landschaft ist atemberaubend! Gefühlt wechselte sie nach jeder Kurve. Grüne Wiesen, Bäche und Seen, Felsen mit Steinlawinen, hohe Berge, die unten bewaldet sind und oben den Sanddünen im Norden Chiles gleichen. Die Straße bzw. Schotterpiste war durchgängig mit Schlaglöchern versehen und auf jeden Fall eine extreme Herausforderung mit einem „normalen“ Auto.

Nach längerer Suche fanden wir auch hier wieder eine tolle Unterkunft direkt am Waldrand, mit total netten Vermietern. „Mochileando“ ist in dieser Gegend seeehr bekannt und auch beliebt. Das heißt, man trifft auf etliche Touristen, die mit Rucksack und Zelt unterwegs sind und wandern und trampen. So trafen wir auch vor unserem Hostel zwei Mädels, die wir zur nächsten Tagestour mitnahmen. Für uns ging es entlang am „Lago General Carrera“, dem größten und tiefsten See des Landes, zu den „Cuevas de Mármol“, den Marmorhöhlen.

Der Gletschersee mit türkisblauem Wasser ist dreimal so groß wie der Bodensee und am Ufer schlängeln sich die atemberaubenden Marmorhöhlen entlang. Bei einer Bootstour konnten wir die traumhaft tollen Höhlen, die unter Naturschutz stehen, betrachten und es kam einem vor, als wären die interessanten Formen in den Fels eingemeißelt worden. Durch das intensiv türkisgefärbte Wasser spiegelten sich die Naturkunstwerke auch in blau - wie im Bilderbuch!

Mit einem der wendigen Boote fuhren wir durch die Tunnel und es fühlte sich an, als wäre man plötzlich in einer ganz anderen Welt und auch die Möglichkeit mit Helm und Lampe ein Stück die Gänge des Marmors zu Fuß zu erkunden, ließen wir uns nicht entgehen. Ein gigantisches Erlebnis, das ich sicher lange in meiner Erinnerung tragen werde!

Auf unserer weiteren Route passierten wir die argentinische Grenze, unterwegs zu unserem nächsten Ziel: Calafate. Eine absolute Touristenstadt, die genau deswegen auch ihren Preis hat. Die eigentlich immer so günstige „Feria artesanal“ kostete plötzlich das Doppelte und ich entschloss mich hier besser nichts einzukaufen. Calafate ist der Ausgangspunkt für einen Ausflug zum Gletscher Perito Moreno und ein weiteres absolutes und lohnenswertes Highlight Patagoniens! Auch wir hatten genau diesen Plan, also brachen wir bereits früh morgens auf, um dieses Naturwunder zu bestaunen. Gut besucht war es allemal und der Eintrittspreis ist nicht ohne! Aber: ein Muss für alle Reisenden und ein wirklich faszinierender Eindruck! Bis zu 75 Meter hoch ragt der gewaltige, blau leuchtende Gletscher und ein Ende ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Eines der Naturschauspiele von denen man in dieser Region ganz viele finden kann. Was man jedoch nicht vergessen sollte ist eine warme Jacke! Es war eisig kalt, wie man auch auf den Bildern erahnen kann. Schließlich befindet man sich vor einem überdimensionalen „Eiswürfel“. Am selben Tag führte uns der Weg dann wieder bis nach Punta Arenas und wir kamen um Mitternacht Zuhause an.

Eine siebenwöchige Reise mit insgesamt 12.000 Kilometer (!) Autofahrt liegt nun hinter uns. Noch heute, fast vier Wochen nach unserer Rückkehr am Ende der Welt, bin ich begeistert von all den Dingen, die ich sehen und erleben durfte. Nicht von ungefähr wurde Chile als „Bestes Reiseland 2018“ vom Reiseführer-Verlag Lonely Planet auserwählt. Auch ich bin überzeugt, dass nur wenige Länder der Welt so viel Abwechslung bieten wie hier zu finden ist: die trockenste Wüste der Welt, die gewaltigen Anden, riesige und bunte Seen, aktive Vulkane, heiße Naturthermen, dichte Wälder, tief ins Land eingeschnittene Fjorde, Gletscher, endlose Pampa-Ebene und über 6000 km Küste. Wirklich faszinierend!

Ich bin mir mittlerweile auch ganz sicher, dass ich nach meinem Auslandsjahr nochmal nach Chile zurückkomme. Es war eine unglaublich tolle und erlebnisreiche Reise für mich mit vielen besonderen Eindrücken, die ich niemals vergessen werde! An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an meine Gasteltern, die mir diese wundervolle Tour von der südlichsten Großstadt der Welt bis zum nördlichsten Dorf Chiles ermöglicht haben!

Bis dann!

Luise