16.4.2018

Bericht #8 - Ferienausklang und Schulbeginn

Liebe Metropolregion Rhein- Neckar,

in diesem Beitrag berichte ich euch vom Ende meiner Ferien und vom Schulstart nach 3 Monaten „Auszeit“. Viel Zeit ist schon wieder seit meiner Rückkehr der Reise verstrichen und langsam wird mir bewusst, dass die Tage meines Auslandsjahres weniger werden. Irgendwie ein trauriges Gefühl, denn jetzt wo doch alles so gut klappt, muss man sich schon wieder mit der Rückkehr befassen. Tag für Tag werde ich gefragt, wann ich zurückfliege und Tag für Tag schwindet die Zeit, die mir bleibt.

Aber nun zurück zu meinen Ferien und nochmal ganz von vorne: Meine Freundin Amelie besuchte mich für ein paar Tage. Sie kam aus der Wüste zu mir geflogen, und freute sich, auch den Wetter-Kontrast zu ihrer chilenischen Heimat kennenzulernen. Zufälligerweise war auch Vera, eine andere deutsche Austauschschülerin mit ihrer Gastfamilie zeitgleich nach Punta Arenas gereist. So hatten wir die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu unternehmen, das war wirklich toll.

Neben Stadttouren machte mein Gastpapa einen Ausflug mit uns in den Süden von Punta Arenas. Außerdem fuhr er mit Amelie und mir für ein Wochenende zum Nationalpark Torres del Paine. In der nächstgelegenen Stadt, Puerto Natales, campten wir im „Garten“ eines Hostel. Im Hostel trafen wir auf Reisende aus aller Welt, die am Morgen alle zusammen an einem Tisch ihren Kaffee schlürften und sich über Gott und die Welt austauschten. Ein buntes und sehr interessantes Miteinander!

Nach einer kalten Nacht im Zelt, ging es schon früh morgens Richtung Park. Bei strahlendem Sonnenschein passierten wir das Kassenhäuschen. Da das Wetter perfekt war, beschlossen wir, vor unserer geplanten Wanderung zunächst noch eine Rundfahrt mit dem Auto zu machen, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Parks abzuklappern. Wie immer hat alles natürlich Vor- und Nachteile. Als ich letztes Jahr im September bei Eiseskälte und wirklich beschissenem Wetter das erste Mal den Park besuchte, erstrahlten die Seen in kräftigem Türkis, dieses Mal war dies nicht so, trotzdem natürlich wunderschön, aber anders.

Plötzlich – und typisch für Patagonien, fing es wie verrückt an zu regnen. Wir setzten uns ins Auto, aßen unser Vesper und machten uns bereit für die 7-8 Stunden Wanderung, zu der „Base de las Torres del Paine“, das mit Bekannteste überhaupt im Nationalpark. Die „Torres“ sind zwei riesige Türme (natürlich zwei Felsen), die wie gemeißelt bis zu den Wolken ragen und durch ihre rote Farbe aussehen, als wären sie angemalt. Der Regen hörte wieder so schnell auf, wie er gekommen war, und wir starteten unsere Tour. Der Weg war sehr schön, aber für mich ziemlich anstrengend.

Amelie machte eine ganz besondere Erfahrung, die sie sicher nie im Leben vergessen wird: Da ihre geliehenen Wanderschuhe sie schon nach kurzer Zeit quälten, bestritt sie diese steinige Strecke nur mit Socken – eine echte Herausforderung, und sie wurde beinahe zu einer Attraktion im Park. Viele Touris schauten uns mit großen Augen an, darunter unzählige Deutsche, die die gleiche Route nahmen wie wir.  Nachdem wir todmüde und leider recht spät oben ankamen, stellten wir fest, dass die „Torres“ aus Sicherheitsgründen wegen Einbruch der Dunkelheit schon seit einer halben Stunde geschlossen hatten. Die Securities hatten Nachsicht mit uns und wir durften noch schnell 5 Bilder schießen. Es war uns jedoch leider nicht mehr möglich, bis ans Ufer des Sees zu laufen, der sich vor den Türmen befindet.

Nun traten wir wieder den Rückweg an und trafen bei Mitternacht in unserem Hostel ein. Wir verbrachten unsere nächste, eher etwas unbequeme Nacht im Zelt. Am nächsten Tag schauten wir uns noch Verschiedenes an und machten uns nachmittags auf den Heimweg Richtung Punta Arenas. Wir hatten ein wirklich tolles Wochenende zu dritt und Amelie und ich waren sehr dankbar, dass uns mein Gastpapa dies ermöglichte.

Auf der Rückfahrt trafen wir auf ein Wohnmobil mit einem Österreicher Nummernschild, was uns riesig freute. Beim Überholen winkten wir wie verrückt und begannen mit beschrifteten Blättern von Auto zu Auto zu kommunizieren. Schlussendlich hielten wir dann an der Straßenseite an und trafen auf ein total nettes Ehepaar, das auf einer einjährigen Amerikareise von Alaska bis zur Antarktis unterwegs war. Später machten wir uns nochmal bemerkbar, um sie auf einen See mit Flamingos hinzuweisen, woraufhin sie wieder anhielten und wir noch ein Weilchen erzählten. Ein war ein super schönes Erlebnis und ist es immer wieder toll, hier Menschen zu treffen, die aus Deutschland oder dem deutschsprachigen Raum stammen! 

Amelie und ich verbrachten so schöne und erlebnisreiche Tage miteinander, dass es umso trauriger war, als sie mich nach 5 Tagen wieder alleine in der Kälte „sitzen ließ“ und zurück in ihre nie verregnete und immer warme Heimat zog. :D

Wenige Tage nach Amelies Heimreise startete die Schule, worauf ich mich wirklich freute, da es mir nach so vielen freien Tagen auch irgendwie reichte. Endlich hatte ich wieder einen geregelten Tagesablauf und ich konnte meine Freunde und Klassenkameraden nach so vielen Wochen wiedersehen! Die Chilenen hingegen sind eher weniger aktiv in den Ferien. Auf meine Frage, was sie in den Ferien gemacht haben, bekam ich ganz oft die Antwort: „schlafen und Netflix“… ein echtes Rätsel für mich!

Die Schule startete echt super: Dadurch, dass sich mein Spanisch natürlich sehr verbessert hatte, hatte ich mir zum Ziel gesetzt, im neuen Schuljahres mehr im Unterricht mitzuarbeiten und auch die Prüfungen mitzuschreiben, um nicht völlig aus den Wolken zu fallen, wenn nach meiner Rückkehr die 11. Klasse auf mich wartet!

Direkt in der ersten Schulwoche bekam ich eine Einladung von meiner Klassenkameradin Cata und ihrer Familie, das Wochenende bei ihnen Zuhause, auf dem Feuerland, zu verbringen! Cata wohnt schon immer dort mit ihrer Familie. Da es jedoch nur eine Grundschule gibt, zog sie vor 2 Jahren alleine nach Punta Arenas und besucht ihre Familie nur am Wochenende. Mich freute natürlich riesig, die Chance zu haben nach Feuerland zu reisen, und noch einen Teil von Chile kennenzulernen, den ich bis dorthin noch nicht besuchte.

So starteten wir freitags direkt nach der Schule mit Catas Familie und einer weiteren Freundin. Viele Stunden waren wir mit dem Auto unterwegs und zwischendurch setzten wir dann mit dem Schiff über. Auf dem Weg passierten wir eine Pinguinkolonie dessen „Besitzer“ wir Lebensmittel von Punta Arenas mitbrachten. Einfach bezaubernd die großen Königspinguine, wie sie mit ihrer stolzen Haltung und den schicken orangenen Schnäbeln sich um ihre kleinen flauschigen Fellpuschel sorgen. Nur einen Bach und eine Holzwand zum Schutz der Pinguine trennte uns von ihnen, die wir jedoch frecherweise passierten, einfach dass die Bilder noch schöner werden :D.

Mittlerweile war es schon spät geworden und bei Sonnenuntergang folgten wir der Straße entlang des Meeres. Feuerland hatte ich mir wie eine riesengroße Graswiese vorgestellt und mit meiner Vermutung lag ich auch gar nicht so schlecht. Die weite, wilde Pampa mit unzähligen Guanacos, die hier unspektakulärer als Feldhasen in Deutschland sind, wie ich es schon von dem Festland kannte. Es ist jedes Mal wieder beeindruckend, Punta Arenas zu verlassen und in das raue, wilde Patagonien einzutauchen.

Endlich kamen wir an in der „mächtigen Großstadt“, Cameron! Ganze 60 Einwohner, kein Geschäft, keine weiterführende Schule, kein Supermarkt, kein Krankenhaus! Dafür jedoch Unmengen an Schafen, Pferden und Natur. Am nächsten Morgen erwartete mich eine Überraschung: der Morgenverkehr am Ende der Welt! Gehütet von ca. 10 Hunden zogen Hunderte Schafe die Hauptstraße entlang. Eine ganze Truppe von Menschen und zwei Pferde waren im Einsatz um den Stau zu regeln. Noch nie zuvor hatte ich so viele Schafe auf einem Fleck gesehen und war stets begeistert.

Nachdem wir uns außerhalb des Dorfes mit Calafate (dunkelblaue Beeren) den Bauch vollgeschlagen hatten, gingen wir zum Mittagessen über. Traditionelles chilenisches Asado. Ein komplettes Lamm, mehrere Stunden über dem Feuer gegrillt. Die Erklärung auf die Frage, wie ich das jetzt essen soll war auch ganz einfach: Das Fett mit den Händen abpopeln und der Rest kann alles vernichtet werden – bis auf die Knochen natürlich.

Nach dem Essen begann dann das Drama: Die Idee in der Sporthalle der Grundschule Badminton zu spielen, endete mit einer herausgesprungenen Kniescheibe meiner Freundin und einer darauffolgenden Dorfversammlung, denn jeder kennt schließlich jeden und alle waren plötzlich erschienen. Mit einem der zwei vorhandenen Rettungswagen wurde meine Freundin zwei Stunden weiter in das nächstgelegene Krankenhaus in Porvenir gebracht. Dort konnte man jedoch leider nichts für sie tun, also hieß es wieder zwei Stunden zurückzufahren.

Das ganze Dorf wartete auf die Rückkehr der Sanitäter, deswegen wurde an diesem Tag der Strom ausnahmsweise nicht um 1 Uhr abgestellt. Mitten in der Nacht kamen sie an und früh morgens, gerade mal 4 Stunden später fuhren wir alle zusammen wieder 2 Stunden in die nächstgrößere Stadt und setzten dann mit dem Schiff nach Punta Arenas über. Um eine Operation ist sie vorerst glücklicherweise herumgekommen, jedoch humpelt sie heute, ca. 4 Wochen später immer noch mit einer schicken Schiene durch die Schule. Meine andere Freundin hatte vor wenigen Tagen eine große Operation in Santiago, wofür etliche Gebete in der Schule gesprochen wurden. Zum Glück ist alles gut verlaufen! Gute Besserung euch zwei!

Ganz liebe Grüße von dem herbstlichen Punta Arenas an die MRN! Ich hoffe ihr habt die Kältewelle alle gut überstanden!

Luise