30.4.2018

Bericht #9 - Mein panamaischer Alltag

Liebe Metropolregion Rhein-Neckar,

ehrlich gesagt, kann ich es selbst kaum glauben. Nur noch weniger als 100 Tage bleiben mir hier im wunderschönen Panama. Auch nach fast acht Monaten überwältigt mich hier noch vieles: die Natur, die Leute, die immer fröhlich sind, der Lebensstil und vieles mehr. Auch nach acht Monaten kenne ich noch nicht alle Seiten und Besonderheiten dieses Landes, ich lerne immer noch so viel Neues kennen. Ich kann eigentlich auch nicht glauben, dass ich nur noch weniger als ein Drittel meiner ganzen Zeit hier habe. Manchmal kommt es mir immer noch so vor, als wäre ich erst eine ganz kurze Zeit hier. Anfangs dachte ich immer, dass ein Jahr nie rum gehen würde, jetzt bin ich überrascht, wie die Zeit nur so verflogen ist.

Immer öfter wird man gefragt, wann man denn die Heimreise wieder antritt und wie viele Wochen denn noch bleiben und immer schneller scheint die Zeit zu verfliegen. Im Moment kann ich mir noch gar nicht vorstellen, wie es sein wird, wieder in Deutschland zu sein und sich dort wieder einfinden zu müssen, weil es immer noch so weit weg zu sein scheint. Mir bleiben natürlich aber noch knappe drei Monate, die ich in vollen Zügen genießen werde.

Da Anfang März die Schule wieder angefangen hat, ist so zumindest teilweise wieder ein bisschen eine Routine eingekehrt. Zwar habe ich nur alle zwei Wochen Schule, aber immerhin. Die Schule ist im Moment meine einzige Anlaufstelle, um neue Kontakte zu knüpfen, deshalb probiere ich so häufig wie möglich in die Schule zu gehen. In der Schule lerne ich viel leichter Spanisch, allein dadurch, in dem wir etwas aufschreiben oder auch durch die Hausaufgaben. Das hilft mir sehr beim Schreiben lernen, da ich ja sonst nur spreche. Ich muss immer wieder sagen, wie erstaunt ich bin wie schnell und gut man tatsächlich eine Sprache lernen kann. Die ein oder andere Vokabellücke gibt es natürlich immer oder eine Grammatikform, die ich vertausche, aber diese Fehlerchen sind immer schnell behoben; ich muss immer wieder sagen, wie beeindruckend ich das finde.

Vor allem auch deshalb, weil ich etwas länger gebraucht habe, die Sprache zu erlernen, da ich anfangs sehr viel alleine war und keine Möglichkeit hatte, mich zu unterhalten und zu lernen. Auch wenn das Bildungsniveau auf der neuen Schule besser ist als auf der alten, gibt es trotzdem noch sehr viele Unterschiede zu meiner deutschen Schule. Ich bin in der vorletzten Klassenstufe hier in Panama und kann trotzdem sagen, dass wir den ganzen Unterrichtsstoff in Deutschland schon vor ein oder zwei Jahren durchgenommen haben. Auch wird auf der neuen Schule vor jeder Stunde gebetet, das war am Anfang auch ein bisschen fremd für mich, aber für meine Mitschüler ist das sehr wichtig.

Manchmal fühle ich mich aber tatsächlich so, schon viel länger als nur 8 Monate hier zu sein. Ich kenne mich inzwischen überall aus und Dinge, die für uns Deutsche normalerweise nicht selbstverständlich sind, sind für mich zur Routine geworden. Ein Beispiel ist das Busfahren. Da ich wissen wollte, wie viel Zeit ich eigentlich im Bus verbringe, habe ich im April immer aufgeschrieben, wie lange ich mit dem Bus unterwegs war. Ich bin in diesem einen Monat auf 78 Stunden gekommen, das sind mehr als 3 Tage. Ich glaube in Deutschland ist das kaum vorstellbar, aber hier gehört das ganz normal dazu. Ich muss aber auch sagen, dass mir hier, im Gegensatz zu Deutschland, das Busfahren Spaß macht, auch wenn ich die Strecken jeden Tag fahre, gibt es immer wieder was Neues zu entdecken oder zu sehen, wenn man aus dem Fenster schaut. Außerdem denke ich immer, dass ich genau solche Eindrücke genießen und sammeln muss.

Auch hab ich mich mittlerweile an das Essen hierzulande gewöhnt. Es gibt zwar immer noch sehr oft bzw. nahezu jeden Tag Reis mit Hühnchen, aber ich habe meiner Familie auch gezeigt, wie wir in Deutschland kochen und essen. Tatsächlich kochen wir jetzt sogar ein oder zweimal in der Woche etwas ohne Reis. Ich hab aber auch ohne Zweifel mein panamaisches Lieblingsessen gefunden: Patacones mit Fisch. Das sind gestampfte und frittierte Kochbananenscheiben. Schmecken einfach lecker!

In Deutschland wäre es unvorstellbar, dass es mal zwei Tage kein fließend Wasser gibt, keinen Strom oder dass der Kühlschrank leer ist. Das ist hier ganz anders. Der Strom fehlt mehrmals am Tag. Wenn man vergisst, das Wasser zu bezahlen, fehlt das eben auch mal und wenn es halt noch zwei Tage bis Monatsende sind, gibt es halt mal nicht so viel zu Essen – all das ist hier Alltag für mich. Am Anfang war es echt nicht einfach, aber manchmal auch lustig. Zum Beispiel, wenn man unter der Dusche steht, und sich gerade wieder abduschen möchte und plötzlich das Wasser abgestellt ist…

In den letzten Tagen im April habe ich meine Gastmutter ins Krankenhaus begleitet, da sie Bauchschmerzen hatte. Als wir dort ankamen, fand ich es wirklich erschreckend, wie überfüllt es ist, und auch wie die Hygiene beachtet bzw. nicht beachtet wird. Wir kamen morgens um 7 Uhr an, und warteten den ganzen Tag dranzukommen. Um 17 Uhr (!) stand dann fest, dass meine Mutter notoperiert werden muss. Da ich die einzige war, die Zeit hatte und eh schon im Krankenhaus war, bin ich auch die ganze Zeit mit ihr zusammen geblieben und habe sie begleitet.

Es war gar nicht so einfach, die ganzen notwendigen Sachen zu regeln. Zum Beispiel musste ich meine Mutter zur OP anmelden, die Ergebnisse aus dem Labor abzuholen und viele andere Sachen. Mich hat es wirklich erschreckt, wie die Umstände in diesem Krankenhaus sind: Alles dreckig, die Leute, die nicht regelmäßig ihre Versicherung bezahlen (können) schlafen auf dem Flur, wo sie jeder sehen kann, da es nicht genug Zimmer gibt. Das kleinste Zimmer ist ein 6-Bettzimmer, das nur mit Vorhängen abgetrennt ist. Außerdem werden die Toiletten sowohl von Patienten als auch Besucher benutzt. Nur einmal in der Woche wird geputzt, jeden Tag einmal durchgefegt.

Nach Möglichkeit werden Patienten nach einer Operation so schnell wie möglich direkt nach Hause geschickt, sowohl um Kapazitäten zu schaffen, aber nicht zuletzt auch um das Infektionsrisiko zu reduzieren, da vor Bakterien gewarnt wird, weil so viele Leute daran schon gestorben sind. Auf der Intensivstation fand ich es am schlimmsten. Da es nicht genug Betten gibt, liegen die Patienten teilweise auf dem Boden im Flur auf einer Decke. So hart wie es klingt, man kann eigentlich fast sehen, dass sie wahrscheinlich nicht mehr lebend das Krankenhaus verlassen werden. Ich denke immer noch oft darüber nach und es läuft mir jedes Mal aufs Neue ein kalter Schauer über den Rücken. Ich kann nicht verstehen, wieso man kranke Menschen so behandelt oder sich das mit ansehen kann. Vor allem als Arzt, könnte ich nicht jeden Tag mit gutem Gewissen an diesen Leuten vorbeilaufen, geschweige denn mit ihnen arbeiten bzw sagen, ihnen so zu helfen.

Im Laufe meines Jahres habe ich den deutschen Luxus zunehmend schätzen gelernt. Vorher war mir zwar schon bewusst, wie gut es mir in Deutschland eigentlich geht, aber ich habe es nie realisiert. Hier in Panama müsste man bei den kleinsten Dingen anfangen, sie zu verbessern, bis hin zu großen Herausforderungen, die Jahre bräuchten, bis sie vollendet wären. An solchen Tagen merke ich immer wieder, wie unterschiedlich die Länder doch sind.

Ich hoffe, ich konnte euch wieder einen kurzen Einblick in mein Leben in Panama geben. Ich finde es nach wie vor sehr spannend, hier zu leben und ein Land, aber auch mich, neu zu entdecken.

In diesem Sinne bis zum nächsten Mal!

Viele Grüße

Miriam

PS: Die Fotos in diesem Bericht illustrieren einige meiner bisher schönsten Erlebnisse.